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Thema: "Verborgene Türen" - Endgültige Version

  1. #1

    Standard "Verborgene Türen" - Endgültige Version

    Übersetzung zu:
    THE DELITESCENT DOORWAY
    by analise
    […]
    Summary: Set on Earth in a secret government facility, a young woman makes a life-changing discovery.
    Feedback: Yes, please. analise@2cowherd.net
    Disclaimer: The Farscape characters don't belong to me. Obviously.
    Notes: Talk about more work than expected. This undertaking ended up twice as long as and far more fun than its original incarnation. And thank god for that. As always, gushing thanks to Kirby Crow for her usual crackerjack Beta. This time I'd also like to thank Craig for his fabulous comments, even though he's not a fanboy he stuck it out and helped enormously. Thanks sweetie! And as I like to add to my notes, *please* read it all the way through without skipping to the end. Trust me, you won't be sorry. I hope Enjoy!


    Deutscher Titel: Verborgene Türen
    übersetzt von: Dashan (dashan@scapesisters.com)
    Feedback: Gerne.
    Fandom: Farscape
    Spoiler: keine
    Charaktere: John Crichton/Aeryn Sun, OC
    Kategorie: Drama
    Beta: Birgitt. Vielen lieben Dank für Deine schier endlose Geduld und Deine guten Ratschläge und die aufmunternden Worte!
    Disclaimer: Farscape ist Eigentum von 9 Network, Hallmark Entertainment, Jim Henson Television und The Sci-Fi Channel. Ich leihe mir dieses Universum und seine Charaktere lediglich zu nichtkommerziellen Zwecken aus.
    Zusammenfassung: In einer geheimen Regierungseinrichtung auf der Erde entdeckt eine junge Frau etwas, das ihr Leben verändert. Und wie analise schon angemerkt hat, lest bis zum Ende, auch wenn ihr zwischenzeitlich das dringende Bedürfnis verspüren solltet, euch durchs geschlossene Fenster zu stürzen...



    ~o~o~o~o~o~o~o~o~o~

    Der kleine Transporter tauchte aus einem Schwall strahlend blauen Lichts jenseits des Asteroidengürtels auf und bewegte sich geräuschlos und unauffällig auf den blauen Planeten zu. Gut verborgen unter dem Schutz der Sonnenstrahlen trat er direkt über einem Magnetsturm am Südpol in die Atmosphäre ein. Er flog tief unter dem dunklen Himmel über die Eisflächen Richtung Norden, zu schnell und lautlos, als dass es zufälligen Beobachtern aufgefallen wäre. Sie hielten sich auf der dunklen Seite des blauen Planeten, hatten ihren Anflug so geplant, dass sie unter dem Radar, in der Stille der Nacht fliegen konnten. Als sie den Transporter in den hohen Kiefernwäldern von Maine landeten, hatte außer einigen aufgeschreckten Waldtieren niemand ihre Anwesenheit bemerkt.

    Die beiden Personen, die von Bord gingen, er blond, sie dunkel, hatten nicht vor, länger als einige Tage zu bleiben. Sie verbargen das Raumschiff sorgfältig unter einem dichten Tarnnetz, erworben auf einem weit entfernten Planeten, dessen Bewohner Feuer spieen. Sie nahmen jeder eine kleine Tasche mit ihren Habseligkeiten und liefen die kurze Strecke zu einer kleinen Blockhütte, die sich ans Ufer eines Sees kauerte, der nur für seine Moskitos bekannt war.

    Trotz ihrer Sorge wegen der Gefahr, in der sie sich womöglich befanden, ließen sich beide einen Moment von der Schönheit des kühlen Herbstabends und dem leisen Sirren der nachtaktiven Insekten einfangen. Der Schlüssel fand sich an seinem Platz hinter dem Verandalicht, im Schuppen war immer noch Holz und Dosen mit Essen in der kleinen Speisekammer. Als sie schließlich in dieser Nacht unter den staubigen Laken im Bett auf dem Dachboden einschliefen, lagen sie warm, satt und zufrieden in den Armen des anderen.

    ~o~o~o~o~o~o~o~o~o~

    Herbstlaub raschelte und wisperte in der spätnachmittäglichen Brise, rostrot und orange und gelb, zerfiel leise knisternd. Sie war immer noch warm, die leise Brise, brachte aber schon eine Ahnung von Frost mit sich, eine zarte Erinnerung, dass der Winter nicht mehr fern war und dieser alles andere als mild werden würde. Sie erinnerte mich daran, dass ich die Fenster in meinem Appartement noch abdichten musste. Die Winter in Washington D.C. waren nie besonders freundlich.

    Ich bemerkte, dass ich immer noch auf dem Parkplatz stand, meine Hände lagen auf der Tür meines Wagens. Das Ticken des abkühlenden Hondamotors und das entfernte Brummen des Verkehrs auf der Sternway Avenue vermischten sich irgendwie vollkommen mit dem leisen Lachen der Stare, die in einem einige Meter entfernten Baum saßen.

    Ich holte mich mühsam wieder aus meinen Gedanken, sammelte meine Tasche und die Schlüssel ein und knallte die Autotür mit der Hüfte zu. Das Geräusch sandte eine regelrechte Schockwelle durch den Baum mit den zeternden Vögeln und seine Krone explodierte in einer Wolke von schwarzen Flügeln, Schatten und empörtem Schimpfen, ein glänzender Walnussbaum im schräg einfallenden Sonnenlicht.

    Ihr Geflatter wirkte nahezu berauschend, ich spürte, wie die Fäden meines Bewusstseins ausfransten, sich auflösten, als ich ihr Erschrecken zu berühren suchte. Für einen Moment nur blieb die Zeit stehen, und die Vögel verharrten in der Luft, ein wundervolles Muster aus Schwingen und Sonnenlicht. Mein Blick verschwamm, ich starrte sie an, bis sie nur noch schimmernde braune Tupfen auf einer blauen Leinwand waren. Abstraktion. Das Leben wurde zu einer Palette von Farben und Schatten ohne jede Bedeutung, außer der, die ich ihm gab. Es dauerte nur einen Moment, bis ich fühlte, wie die Kontrolle zurückkehrte, und die Vögel verstreuten sich himmelwärts, als wären sie nie unterbrochen worden. Sie fanden sich wie auf ein unsichtbares Zeichen hin wieder zusammen und landeten auf den Telefonleitungen, die sich gegen den Himmel abzeichneten. Sie fanden zurück zu ihren Vogel-Debatten und ihrem Vogel-Gezanke, als hätte ich sie nie gestört.

    Ich blinzelte, fand wieder zu mir selbst zurück. Zu erleben, was ich als Kind „Standbild“ genannt hatte, war stets unbeschreiblich ermüdend. Die Energie schien aus mir zu fließen wie Wasser aus einem Hahn. Eine Strähne löste sich aus meiner Haarspange und flatterte mir im Wind gegen die Wange, Haar von der Farbe der Stare. Schwarz mit dunklem Braun darin, nur nicht so glänzend. Wie betäubt strich ich mir die lose Strähne hinters Ohr, während ich langsam die breiten Stufen hinauf stieg und ins Innere ging, den lieblichen Nachmittag mit der klimatisierten Sterilität des Gebäudes G-2 tauschte.

    Unwillen, vermutete ich. Das war es, was ich mehr und mehr verspürte, jedes Mal, wenn ich hierher zurückkehrte. Dieser Ort war meine einzige Bindung und die einzige Gemeinschaft, die ich jemals gehabt hatte. Mein Beruf, meine kleine Wohnung, mein Zimmerkaktus, diese Dinge waren lediglich Formen und Begriffe. In diesem kahlen Gebäude hier war ich aufgewachsen, hier waren Menschen, die ich kannte und die mich kannten. Ich verstand intuitiv, dass es nicht das war, was die Stare dort draußen verband. Es war etwas ganz anderes. Hier gab es keine wirkliche Nähe und Wärme für mich. Aber wenn nicht hier, wo dann?

    „Dr. Pollson hat jetzt Zeit für Sie, Miss Gray.“ Die Wache am Empfang gab mir einen Ausweis, nachdem er meine Personalien zweimal überprüft hatte, und bedeutete mir, diesen an meinem Kragen zu befestigen. „Bitte, setzen Sie sich doch, während Sie auf Ihre Begleitung warten.“ Als ob ich den Weg nicht mit geschlossenen Augen finden könnte. Aber ich kannte diesen Mann nicht gut genug, um ihm dies zu erklären, und er kannte mich nicht gut genug, um mir zu trauen. Ich drehte mich also um und meine Schritte hallten durch den Flur. Ich setzte mich auf einen der harten, unfreundlichen, regierungseigenen Stühle. Es gab keine Zeitschriften. Dies war kein Ort, der gemütlich sein sollte.

    Ich schlug die Beine übereinander und ließ meinen Blick über die harten Linien des Eingangsbereiches schweifen. Es war nun zwei Jahre her, dass ich die Mauern des Gebäudes G-2 verlassen hatte, um aufs College zu gehen, aber nichts hatte sich hier verändert. Ich war häufig zu Besuchen zurückgekehrt und jedes Mal hatte ich erwartet, etwas zu bemerken. Ein Zeichen, dass Zeit vergangen war. Aber es tat sich nichts. Die Beständigkeit dieses Ortes, sein sich nie veränderndes Aussehen, trug zu meinem Gefühl einer dumpfen Fremdheit bei. Als ich von hier fort gegangen war, hatte es mich überrascht, dass ich so gar nicht von Bedeutung war. Dass ich hier nie einen Eindruck hinterlassen hatte, auf nichts und niemanden um mich herum.

    Es war, als wäre ich in einem Traum. Aber ich träumte niemals.

    Die Stare bildeten noch immer eine erstarrte Szene der Schönheit in meinem Kopf. Ich schloss meine Augen und lehnte mich zurück, atmete kurz durch. Es war lange her, dass ich das getan hatte, was ich mit diesen Vögeln gemacht hatte. Ehrlich gesagt hätte ich nie gedacht, dass ich es noch konnte. Es war eine Fähigkeit meiner Kindheit, unwillkommen, launisch. Etwas, das mich als hoffnungslos anders auswies.

    Ich konnte mich immer noch an das Gesicht des Pflegers erinnern. Es war so lange her, ich war nur ein Kind, vielleicht sechs Jahre alt, als es das erste Mal passierte. Ein langer weißer Korridor, fensterlose Türen am Ende. Ich wollte nicht dorthin, wohin sie mich brachten. Diese Versuche taten weh, immer. Er schleppte mich, meine Füße rutschten in Socken über die glänzenden glatten Bodenfliesen, seine Finger umklammerten schmerzhaft meine Handgelenke.

    Panik hatte dieses erste Mal ausgelöst. Meine Selbstbeherrschung zerfranste und zerfiel, ich konnte fühlen, wie sich die weißgetünchten Gänge in meinem Kopf krümmten, ich konnte hören, wie das Herz des Pflegers einen Rhythmus gegen meine Haut schlug. Vielleicht konnte er es spüren, vielleicht schaute er sich auch einfach nur um, aber sein Gesicht war mir zugewandt, als es regelrecht einfror. Geräusche verstummten, Wände und Boden flirrten. Es war, als könne ich zusehen, wie sie sich in schneller Folge aufbauten und wieder einrissen. Ich konnte jeden Einzelnen im Gebäude spüren, *wusste*, dass sie an Ort und Stelle erstarrt waren, *wusste*, dass ich dies verursachte.

    Ich war zu jung gewesen, um zu verstehen, was ich an diesem Tag getan hatte, und ich verstand es heute noch nicht. Niemand verstand. Aber der Pfleger wusste, dass *ich* hatte es getan hatte, als ich meine Kontrolle fallen ließ wie eine heiße Kartoffel und seine Bewegungsfähigkeit zurückkehrte. Er ließ mein Handgelenk los, als ob ich verseucht wäre, und wich vor mir zurück, seine Augen voller Angst und Abscheu.

    Jeder hatte mich danach für eine lange Zeit so angesehen. Sogar Beth.

    “Miss Gray?” Ich öffnete meine Augen, fast erleichtert ließ ich mich aus meinen Erinnerungen reißen. Ein junger Soldat mit starren Gesichtszügen war lautlos vor mir aufgetaucht, er schien kaum älter als ich selbst. Ich erkannte ihn wieder von meinem letzten Besuch im vergangenen Monat, aber an seinen Namen erinnerte ich mich nicht.

    Ich stand auf und ließ mich von ihm die kahlen Korridore entlang durch eine Sicherheitstür nach der anderen führen, von Kontrollpunkt zu Kontrollpunkt, bis wir durch diese letzten grauen Metalltüren kamen und den Teil von G-2 betraten, der mein Zuhause gewesen war.

    ~o~o~o~o~o~o~o~o~o~

    Für den Mann war es leicht, jede Vorsicht zu vergessen. Er war an einem seiner Lieblingsplätze, einem Ort, den er in seinen Erinnerungen oft besuchte. Er wollte in diesen Erinnerungen schwelgen, jetzt, wo er endlich hier war, wollte mit der Frau die Erinnerungen an jedes einzelne zerbrochene Brett und auch an die morsche Schaukel teilen. Sie ließ ihm seine Begeisterung, erfreute sich an seiner Nostalgie, auch wenn sie selbst immer wachsam blieb.

    Sie sorgte dafür, dass er im Zeitplan blieb, obwohl sie sich bereits an diesem ersten Tag krank fühlte, sie konnte kaum Nahrung bei sich behalten. Seine Besorgnis über ihr Unwohlsein dämpfte seine Freude mehr, als jede Rüge von ihr es vermocht hätte, und er verdoppelte seine Bemühungen, ihre Angelegenheiten hier schnell zu erledigen.

    Er wandte sich an einen alten Freund, der in dieser Gegend lebte. Dieser sollte als Mittler dienen, da er selbst nichts tun konnte, ohne zu sehr aufzufallen. Er erzählte dem Freund nichts, nur, dass das Telefon in der Hütte nicht funktionierte, und bat ihn, sich bitte mit seinem Vater in Verbindung zu setzen, diesem mitzuteilen, dass sein Sohn in der Hütte auf ihn wartete.

    Am Ende des ersten Tages ging es der Frau wieder besser. Beide waren erleichtert.

    Sie warteten bis nachts auf eine Nachricht. Sie wussten nicht, dass der Freund den Vater des Mannes nicht persönlich hatte erreichen können. Dass dieser die Geschäftsnummer des Vaters angerufen und dem Mitarbeiter des Vaters eine detaillierte Nachricht hinterlassen hatte. Dass der Assistent bei solchen Dingen nicht zuverlässig war. Der Vater erhielt die Nachricht niemals.

    ~o~o~o~o~o~o~o~o~o~

    Mein Zuhause, in der Tat. Bis zum heutigen Tag wusste ich immer noch nicht, was in den geheimen Räumen in G-2 wirklich vorging. Ich hatte nie gefragt, wusste, ich hätte ohnehin niemals eine Antwort bekommen. Es war ein Mantra meiner Kindheit, mit dem ich aufgewachsen war. ‚Stell keine Fragen.’ Ich hatte es nie getan. Seltsamerweise hatte ich auch nie das Bedürfnis danach gehabt.

    Die Hochsicherheitsstation von G-2, der Ort, wo ich aufgewachsen war, bildete einen deutlichen Unterschied zu der eisgrauen Kälte der Korridore und des Eingangsbereiches. Hier gab es Tageslicht, ein warmes Gelb, jetzt, wo die Sonne tiefer und tiefer am Horizont versank. Es strömte durch große vergitterte Fenster in die Aufenthaltsräume. Fast am anderen Ende des Raumes murmelte ein alter Fernseher mit kratzigem Ton, leere Stühle standen um ihn herum wie uralte Groupies. Es gab breite, abgenutzte Couchen hier und da, Tische mit stumpfen Ecken, die am Boden befestigt waren, und - allgegenwärtig - die umher wandernden, fast durchscheinend anmutenden weißen Gestalten der Patienten. Sie saßen auf den Stühlen, an den Tischen, standen an den Fenstern. Hier und dort platziert wie mit Laken verhängte Möbel.

    „Bitte warten Sie hier, Dr. Pollson sagte, sie wird jeden Augenblick hier sein, Dora.“

    Ah, er konnte sich also an *meinen* Namen erinnern.

    Ich ging in den Raum, meine Finger glitten über einen Fleck auf der Armlehne einer Couch, wo ich vor langer Zeit Traubensaft verschüttet hatte. Über die Polster, aus denen ich Festungen gebaut hatte, während die Patienten ihren Mittagsschlaf hielten. Über den Tisch, an dem Beth jeden Mittag Schach mit mir gespielt hatte und es immer noch tat, wenn ich sie besuchte. Erinnerungen trieben um mich herum wie aufgewirbelter Staub, ebenso bedeutungslos. Es gab also doch Zeichen dafür, dass ich hier gelebt hatte, dass ich wirklich war und keine bloße Erscheinung. War es eigentlich von Bedeutung, dass ich einst hier gespielt hatte?

    Mein Blick blieb an einem älteren Mann hängen, der an einem der Fenster stand, er starrte hinaus auf die Blätter, die in der aufkommenden Brise herumwirbelten. Sein weißer Patientenkittel hing an ihm herunter, seine Gliedmaßen waren dünn.

    Es war mein Lieblingsfenster, an dem er stand. Man konnte die Spitzen der Brückentürme über die Baumwipfel hinweg sehen und manchmal eine Flagge am Mast eines Segelbootes, das zu einem Tagesauflug hinaus aufs Meer fuhr. Ich hatte viele Stunden dort auf dem Fensterbrett gehockt, gewartet, um einen flüchtigen Blick auf die Boote zu erhaschen, immer ein wenig neugierig auf die Leben, die dort am Rande meines Blickfeldes vorbeizogen.

    Ich stellte mich still neben den weiß gekleideten Mann, starrte auf den Fluss, der nun als entferntes Aufblitzen durch die kahlen Bäume zu sehen war. Ich konnte mein Spiegelbild auf der Innenseite der Scheibe sehen, schwach, wie der Geist, der ich war. Schmale Gesichtszüge, langes, welliges, dunkles Haar, zusammengehalten von einer Spange, meine Züge eine bleiche Maske. Man hatte mich hübsch genannt, sogar schön. Aber ebenso hatte man mich kalt genannt. Gefühllos. Eine Verrückte und einen Dämon.

    Ich konnte das Spiegelbild des Mannes neben mir ebenfalls sehen, er war vielleicht Ende vierzig oder Anfang fünfzig, es war noch zu erahnen, dass er einmal ein gutaussehender Mann gewesen war. Seine Augen blickten geradeaus, ohne zu blinzeln.

    Eine Art Katatonie. Ich war mir sicher, wenn ich mit meiner Hand vor seinem Gesicht wedelte, würde er ihr nicht folgen. Merkwürdig, ein Teil von mir fragte sich tatsächlich, was ihm fehlte. Wie war er hierher gekommen? Wie lange war er schon hier? Warum hatte man ihn hier eingesperrt, weg von der Gesellschaft, aus den Augen der Öffentlichkeit? Aber ich wusste, noch bevor ich diese Gedanken zu Ende formuliert hatte, dass mir niemand diese Fragen beantworten würde.

    ‚Stell keine Fragen.’ Dieser Ort trug den Namen Schattenbasis aus gutem Grund, die verlorenen Seelen hier besaßen keine Identität. Vielleicht ging es mir deshalb ebenso.

    Und doch war ich ein menschliches Wesen, und ich konnte nicht widerstehen, behutsam seine Hand zu berühren.

    Weder rührte er sich noch registrierte er mich, und ich schalt mich, es überhaupt versucht zu haben. Mit einem stillen Seufzer wandte ich mich wieder der Aussicht zu. Draußen sah ich meinen Starenschwarm, der sich immer noch auf den Telefonleitungen zusammen drängte. Ich spürte immer noch jedes ihrer kleinen Herzen schlagen, in meiner Erinnerung daran, wie ich das Gefüge von Zeit und Raum, das sie umgab, eingefroren hatte. Für einen Moment fragte ich mich, ob ich mehr konnte, als es nur anzuhalten. Vielleicht konnte ich einfach alles beschleunigen, dem Rest meines Lebens im schnellen Vorlauf zusehen, damit ich nicht mehr ertragen musste, es zu leben.

    Ich beobachtete das Schimpfen und Plappern der Vögel und verpasste die winzige Bewegung im Spiegelbild des Mannes, als seine Augen plötzlich zur Seite blickten, mich ansahen.

    Erst als sein eisenharter Griff mein Handgelenk umschloss, wich ich zurück vom Fenster, Adrenalin schoss wie eine eisige Welle durch mich hindurch. Er starrte mir ins Gesicht, mit Augen so blau wie meine, nur heller. Wie die blauen Facetten eines Eisbergs.

    "Erin?"

    Ich war nicht fähig zu sprechen, so intensiv starrte er mich an, Myriaden von kraftvollen und fremdartigen Emotionen stießen mich an mit der Dreistigkeit von Kindern, die um Aufmerksamkeit buhlten. Er schaute... ich konnte nicht beschreiben, was ich sah, als er mich anschaute, aber Schauer liefen mir den Rücken hinauf und hinunter. Meine Nerven bebten, meine Gedanken rasten. Irgendwie, irgendwie, hatte dieser Mann etwas in mir berührt.

    Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich etwas in mir aufsteigen. Etwas sehr Starkes, zu umfassend, um es zu beschreiben. Und so veränderte sich alles.

    ~o~o~o~o~o~o~o~o~o~

    Sie kamen zwei Tage später, vor Einbruch der Dämmerung, schlichen sich an, kreisten die winzige Hütte ein. Spezialeinheiten. Sie kamen, bekleidet mit mattschwarzer Ausrüstung, alarmiert von dem Assistenten, der schon vor Jahren zur Beobachtung des Vaters abgestellt worden war, für den Fall, dass ein solches Ereignis eintrat. Etwas entfernt saßen weitere Männer in schwarzen Mänteln in einem ebenso schwarzen SUV und beobachteten alles durch die Sicherheit von Nachtsichtgeräten

    Alles blieb ruhig in der Hütte. Der Mann und die Frau schliefen fest auf dem Dachboden, ohne die zuschnappende Falle wahrzunehmen. Sie nahmen außer sich selbst nichts wahr. Die letzte Nacht hatten sie sich lange unterhalten, mit schläfrigen Stimmen, umeinander verschlungen unter den alten Steppdecken, über ihre Krankheit und das, was sie inzwischen darüber wussten. Es war natürlich die Frau gewesen, die den Grund ihrer Appetitlosigkeit erkannt hatte.

    Es sähe ihm ähnlich, sagte sie, und ihre Stimme verriet kaum etwas von ihrer verständlichen Angst, ihr ein Kind zu machen, das sie krank machte. Sie mussten beide leise lachen, aber es war jetzt dringender als zuvor, dass sie so bald wie möglich wieder aufbrachen. Der Mann schlug sogar vor, sofort zu gehen, aber die Frau lehnte ab. Sie hatten einen weiten Weg hierfür hinter sich gebracht, und jetzt würden sie es auch durchziehen. Er würde es sich niemals verzeihen, nicht ein letztes Mal mit seinem Vater gesprochen zu haben. Wenn er nicht versuchte, sein Wissen um die Gefahren weiterzugeben. Wenn er seine Leute nicht vor dem, was dort draußen war, warnte.

    Schließlich schliefen sie ein, beide voller Ängste und Hoffnungen, fanden sie dennoch Trost im anderen.

    Als die Sonne gerade begann, den See mit orange und rosa Streifen zu färben, brachen die schwarz gekleideten Agenten geräuschlos in die Hütte ein. Beide, Mann und Frau, kämpften verbissen, aber sie waren in der Unterzahl und saßen in der Falle.

    Ohne großes Aufhebens wurden sie der Obhut der Regierung übergeben.

    ~o~o~o~o~o~o~o~o~o~

    “Ihr Name ist Dora, John.“ Die harte Stimme gehörte zu Dr. Beth Pollson, der Frau, die den größten Anteil meiner Erziehung übernommen hatte. Sie war, in fast jeder Beziehung, meine Mutter. Und sie war es, die ich am dritten Donnerstag eines jeden zweiten Monats hier zu einem gemeinsamen Mittagessen besuchte.

    Sie löste geschickt seine plötzlich wieder schlaffe Hand von meinem Handgelenk und hakte meinen Arm hastig unter, als ob sie fürchtete, er könnte mich wieder berühren. „Das ist ziemlich erstaunlich, Dora“, sagte sie knapp, „er hat jetzt seit fast fünf Jahren nicht mehr gesprochen. Du bist tatsächlich zu ihm durchgedrungen.“

    Damit tat sie die Leidenschaft, diesen Aufruhr, diesen Taumel der Gefühle in den Zügen des Mannes ab. Sie tat es ab und wandte sich ab. Das hatte sie schon immer getan. Mit einem einzigen Lidschlag blendete sie die Gefühle anderer Menschen aus. Aber da war noch etwas anderes, eine Furcht, ein Geheimnis, das sich unter ihrer kühlen Begrüßung einrollte wie eine giftige Schlange. Etwas. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass es etwas mit dem Mann, mit John, zu tun hatte.

    John.

    Beth führte mich weg von ihm, aber ich konnte fühlen, wie sich der Blick seiner blauen Augen in meinen Rücken bohrte. Wenn ich diesen Blick hätte beschreiben sollen, hätte ich wahrscheinlich „ausgehungert“ gesagt. Ich wagte nicht, zurück zu schauen, obwohl mich etwas dazu drängte. Ich widerstand dem nur durch Willenstärke. Warum nur fühlte ich mich, als hätte ich ihn durch mein Weggehen verraten? Als hätte ich mich selbst verraten?

    Wir gingen den Flur hinunter zu ihrem Büro, ließen die krächzende Stimme des Fernsehers hinter uns, der im Gemeinschaftsraum eine alte Aufnahme von Bonanza zeigte. Ich fühlte mich beinahe atemlos. Ich fühlte. Es war berauschend.

    Wir betraten ihr Büro, wo sie meinen Arm losließ. Sie ging wie immer hinter ihren Schreibtisch und holte ein abgenutztes hölzernes Schachbrett hervor. Unser Essen stand bereits auf einem niedrigen Tisch, wo auch Fotos von mir und zwei anderen Personen, die ich lediglich als ihre Verwandten kannte, aufgestellt waren. Ich fragte mich beim Anblick dieser Bilder immer wieder, ob diese namenlosen Menschen von meiner Existenz wussten. Aber eigentlich glaubte ich nicht daran.

    Ich setzte mich auf die alte orangefarbene Couch, die, wie Beth gerne versicherte, schon dort gestanden hatte, als sie die Stelle bei G-2 annahm. Der abgenutzte Stoff unter meinen Fingern war vertraut und mich überfielen Erinnerungen. So viel Zeit hatte ich auf dieser alten Couch verbracht, während ich darauf gewartet habe, dass Beth aufhörte zu arbeiten. Buntstifte, die leise über die Seiten meiner Malbücher kratzten. Sie hatte es nie gemocht, wenn ich laut spielte. Damals und auch später habe ich mich gefragt, warum sie die Bürde meiner Erziehung auf sich genommen hatte, nachdem meine Eltern in ihrem Gewahrsam gestorben waren. Sie wirkte so unbehaglich in ihrer Rolle als Mutter.

    Sie hatte auf der anderen Seite der Couch Platz genommen und sortierte die Figuren auf dem Spielbrett, als ich zu reden anfing.

    „Wer war dieser Mann?“ Die Worte waren heraus, bevor ich mich bremsen konnte, bevor mir bewusst wurde, dass ich sie nie zuvor irgendetwas gefragt hatte. Dass dies schon immer ein Tabu zwischen uns gewesen war. Aber ich hatte niemals etwas so sehr wissen wollen wie dies.

    Beth sah mich lange an, die abgewetzten Figuren König und Dame lagen lose in ihrer Hand, und ich konnte nicht alles erfassen, was ihre Augen in rascher Folge spiegelten, so schnell folgten die Emotionen aufeinander. Schock? Angst? Schuld? Scham? Kummer? Ich erkannte keines dieser Gefühle, ich verstand nur, dass sie kraftvoll waren und dass sie mich nichts von all dem je hatte sehen lassen wollen.

    Ich bedauerte meine Frage nicht. Ich konnte noch immer seinen Blick sehen. So intensiv. Er hatte mich Erin genannt.

    Sie sah weg, auf das Spielbrett, als gäbe es dort etwas Wichtiges, fand jedoch nur die halbfertig aufgestellten Figuren. Warum nur schlug mein Herz jetzt schneller? Warum stockte mir der Atem?

    Dieses Geheimnis und dieser Mann mit den eisblauen Augen. Es war ein und dasselbe.

    “Du solltest es besser wissen, Dora.” Ihre Kühle war zurück, sie hatte ihre Fassung wieder. Ein stiller See, auf dem sich nichts regte. Unwillkürlich setzte ich mich gerade hin.

    “Ja, natürlich.” Ich zwang mich zu lächeln, täuschte Gleichgültigkeit vor. Eine Kleinigkeit.

    Die Unterhaltung wandte sich Dingen zu, über die wir immer sprachen. Meine Arbeit, mein Leben, meine wenigen Leistungen. Wir sprachen nie von ihr, und zum ersten Mal irritierte mich die einseitige Beziehung, die ich mit dieser Frau hatte, die meine Mutter war. Die Geheimnisse, die sie vor mir verbarg, waren schon immer da gewesen, aber ich hatte mich nie dafür interessiert.

    ‚Stell keine Fragen.’

    Sie baute das Spiel auf, wir aßen die belegten Brote, die sie aus der Kantine hatte bringen lassen. Wir sprachen über die Art Dinge, über die wir immer sprachen. Meine Mieterhöhung. Das kranke Kind von nebenan, das mich nachts wach hielt. Das Wetter. Ich hatte mich nie so leer gefühlt und nie war es mir so bewusst gewesen. Und ehrlich gesagt, wollte ich gar nicht wissen, was Beth gerne aß, ob sie glücklich war mit ihrem Leben, ihren Zielen oder auch mit mir. Alles, an was ich denken konnte, waren diese blauen, blauen Augen des alten Mannes.

    Als Beth schließlich aufstand, um den Anruf eines Pflegers zu beantworten, erhob ich mich automatisch. Die Partie war noch nicht beendet, aber ich wusste, dass wir heute nicht mehr weiterspielen würden. Warum hatte ich nie bemerkt, was für ein Roboter ich war? Hatte Beth mich dazu gemacht? Oder war ich schon als gefühlloses Monster geboren worden? Ich spürte immer noch dieses Feuer in den Augen des Mannes, in Johns Augen, es hielt mich irgendwie warm, nur durch die Emotionen, die es in mir ausgelöst hatte.

    Beth und ich umarmten uns. Es war unausgesprochen klar, dass unser kurzes Treffen beendet war. Als ich in ihre blass-braunen Augen hinabschaute, war mir plötzlich klar, dass ich nicht mehr hierher zurückkehren wollte. Ich spürte, dass ein Teil von ihr dies ebenfalls wusste. Es hatte einen Bruch gegeben zwischen uns, durch eine einzelne Frage, die ich niemals hätte stellen dürfen. Durch die Stille der Antwort, die sie nicht gegeben hatte.

    Beth verließ ihr Büro, eine kleine rundliche Gestalt im weißen Doktorkittel, die zielstrebig den Korridor hinunter lief, flankiert von zwei Pflegern. Sie schaute nur einmal kurz zurück, und ich fragte mich, ob sie sich nur vergewissern wollte, dass ich wirklich ging, oder aus einem anderen, mir unbekannten, Grund.

    Ich atmete durch und schulterte meine Tasche. Auf dem Weg hinaus warf ich einen kurzen Blick in den Gemeinschaftsraum, hielt verstohlen nach dem Mann Ausschau, der mich so intensiv angestarrt hatte.

    Er war nicht mehr dort, das Fenster, an dem er gestanden hatte, zeigte lediglich ein klares Muster aus Gittern und nachmittäglichem Licht. Eine Welle aus Bedauern und Verzweiflung stieg in mir auf, und ich ließ es zu, seltsam froh, überhaupt etwas zu spüren.

    Ein Schritt, ein zweiter, dann ging ich davon, zurück durch den Flur zum Eingangsbereich, ohne auf meine Begleitung zu warten. Ich blickte nicht zurück.

    ~o~o~o~o~o~o~o~o~o~

    Der Mann und die Frau wurden noch am selben Morgen getrennt. Fortgebracht in unterschiedlichen Fahrzeugen, betäubt, als klar wurde, dass keiner von beiden sich so einfach in die Gefangennahme fügen würde. Ein Flugzeug wartete auf einem kleinen örtlichen Flugplatz, das sie ohne großes Aufsehen in die Hauptstadt brachte. Große Suchtrupps blieben zurück, mit dem Auftrag ihr Transportmittel zu finden.

    Sie wurden zu einer geheimen Anlage gebracht, die als einfache Sicherheitseinrichtung am Stadtrand von Washington D.C. getarnt war. Sie enthielt eines der fortschrittlichsten technischen Labors auf dem Planeten. Unter Eingeweihten war es als nur als die Schattenbasis bekannt. Die hier Eingesperrten wurden zu Geistern, verschwanden aus der Gesellschaft.

    Dorthin wurden der Mann und die Frau gebracht und hier wurden sie eingesperrt, in getrennte Hochsicherheitszellen. Keiner von ihnen gab den Entführern auch nur ein wenig nach, sie weigerten sich zu sprechen, weigerten sich aufzugeben, weigerten sich einfach. Sie kämpften gegen die einfachsten Dinge, die die Aufseher von ihnen verlangten, Bewegung, Essen... Sprechen, sie taten nichts ohne stillen, wütenden Protest oder wild um sich schlagend. Die Tests waren schmerzhaft und endlos, aber sie gaben nicht nach.

    Es wurde bald schwieriger für die Frau. Sie konnte ihre Schwangerschaft nicht lange vor ihnen verbergen und sie wurden regelrecht besessen davon. Sie kooperierte immer noch nicht, nicht einmal, als sie damit anfingen zu versuchen, ihr die Dinge zu erleichtern.

    Und als sie versuchten, sie zu retten, wehrte sie sich.

    ~o~o~o~o~o~o~o~o~o~

    In dieser Nacht träumte ich.

    Im Grunde war das wohl nichts Besonderes. Aber ich träumte nie. Doch in der Nacht, nachdem ich John-mit-den-blauen-Augen getroffen hatte, hatte ich einen Traum.

    Weiße Flure, die Flure von G-2. Die Stille war ohrenbetäubend. Ich konnte meinen eigenen Atem nicht hören. Die Türen auf beiden Seiten des Ganges standen offen, wirkten bedrohlich. Schmerz kroch in mir auf und ab, verkrampfte meine Muskeln, schnitt in meine Nerven. Ich konnte nicht schreien. Ich konnte mich nicht einmal bewegen. Da war eine Stimme, meine eigene oder die einer anderen? Schluchzte einen Namen, so sanft, dass ich es mehr fühlte als hörte. John, flüsterte sie. John. Der Schmerz in dieser Silbe, der Kummer, die verlorene Hoffnung. Ich konnte es nicht ertragen.

    Die bloße Last aus Trauer und Schmerz ließ mich in meinem Bett hochfahren. Ich saß dort, zusammengekauert, wiegte mich vor und zurück, während mir die Tränen aus den Augen schossen. Und zum zweiten Mal in zwei Tagen verließ mich meine Kontrolle. Wie bei den Vögeln, bei dem Pfleger... bei dem Jungen, der versucht hatte, mich auf einer Verbindungsparty in meinem ersten Studienjahr zu vergewaltigen, fühlte ich den Herzschlag der Welt langsamer werden, anhalten. Dieses Mal dauerte es nur einen Augenblick. Fast panisch riss ich mich selbst vom Abgrund zurück, ich war in meinem Gemütszustand nicht auf das Standbild vorbereitet gewesen. Ich war so schon verwirrt genug.

    Es dauerte eine Weile, bis die Hysterie nachließ, bevor ich in der Lage war, auf dem Nachttisch verspätet nach einem Kleenex und nach einem Glas Wasser zu tasten. Meine Hände zitterten und ich konnte noch immer deutlich die flüsternde Stimme hören.

    Das Geheimnis darin war schmerzhaft. Es war mir nicht länger völlig egal - ich musste es wissen.

    Ich rollte mich aus dem Bett, ging über den knarrenden Holzboden meines Schlafzimmers, um das Fenster zu öffnen. Ich lehnte mich hinaus und spürte das Stechen der nächtlichen Kühle, die eine Kältefront ankündigte. Es klärte meinen Kopf ein wenig, beruhigte mich. Ich hatte fast Angst, wieder schlafen zu gehen. Angst vor einem weiteren Traum.

    Angst vor dem Wissen, dass es kein Traum war. Dass es eine Erinnerung war. Nur...

    … vielleicht nicht meine eigene.

    Ich wusste, es gab Antworten. Und die hatte Beth.

    Und John hatte Antworten. Wer immer er war.

    ++++

    Ich musste Beths Telefonnummer aus meinem kleinen Adressbuch heraussuchen. Ich rief sie nie an, sie hatte mir die Nummer gegeben, als ich aufs College ging, aber es war mir nie eingefallen, sie zu benutzen. Ich nahm das Telefon auf den Schoß, setzte mich auf die Kante meiner billigen Couch und starrte auf den schwarzen Telefonhörer in meiner Hand... die mit Bleistift gekritzelte Telefonnummer in meinem Notizbuch.

    Warum zitterte ich? Die weißen Wände und der geflüsterte Name und die Verzweiflung und der schmerzhafte Verlust fraßen an mir wie Krebs. Ich musste es wissen und doch... ich zögerte.

    Angst? Oder hallte der Schatten eines Kummers in mir wider, den ich zu erwecken fürchtete? Wenn ich jetzt nur den Schatten dieses Etwas spürte, wie würde sich dann die Wahrheit anfühlen? Eine Träne tropfte auf die Tasten des Telefons, das ich umklammerte, und ich ließ den Kopf hängen.

    Momente verstrichen, die einzigen Geräusche in meiner Wohnung waren das Ächzen des alten Kühlschranks und das Ticken der Wanduhr. Das gedämpfte Geräusch eines vorbeifahrenden Autos, das krachend durch die Schlaglöcher an der Ecke fuhr, holte mich zurück. Ich biss die Zähne zusammen und wählte langsam die Nummer.

    Es klingelte vier Mal, bevor abgenommen wurde. Beths Stimme klang desorientiert und schläfrig. Es war immerhin drei Uhr morgens.

    “Hallo?” In ihrer Stimme schwang leichte Besorgnis mit, niemand nahm so spät in der Nacht den Telefonhörer ab, ohne eine gewisse Angst, ob etwas Schreckliches passiert sein mochte. Und ich fand, das war es auch.

    „Beth?” Meine eigenen Ängste ließen meine Stimme leise und gebrochen klingen. „Hier ist Dora.“

    Eine lange Stille folgte. Ich wusste, dass sie wusste, warum ich anrief. Ich, die niemals angerufen hatte, außer dem einen Mal, als ich eine Empfehlung für meinen Job in der Bücherei brauchte.

    „Was ist los, Dora? Es ist früh. Ist alles in Ordnung?”

    Sie wusste es, verdammt. Warum zwang sie mich hierzu? Warum ließ sie mich betteln?

    “Bitte, Beth.” Ich konnte kaum ruhig sprechen. “Ich hatte einen Traum.”

    Sie wusste, was das bedeutete. Sie wusste, ich hatte nie geträumt, nicht in den zwanzig Jahren meines Lebens. Ich konnte mich erinnern, dass sie einen Spezialisten angeschleppt hatte, der mit mir darüber sprechen sollte. Ich war damals elf Jahre alt.

    Es wunderte mich nicht, dass Beth mich nicht fragte, was ich geträumt hatte. Stattdessen schwieg sie wieder. So lange, dass ich schon fragen wollte, ob sie noch da war, als sie schließlich sprach.

    “Triff mich am Gebäude, Dora. Ich werde dort sein.“

    Dann legte sie auf, ließ mich auf das summende Telefon starren, das Herz schlug mir bis zum Hals.

    ~o~o~o~o~o~o~o~o~o~

    Der Mann wusste, wann es passierte. Die Wissenschaftler spotteten darüber, aber nicht einer von ihnen war immun gegen die Trauer, die ihn überwältigte. Aber natürlich waren sie nicht hier, um Mitleid mit ihm zu haben.

    Zuerst tobte er. Dann versank er in Verzweiflung. Schließlich… gab er auf.

    ~o~o~o~o~o~o~o~o~o~

    ~o~o~o~o~o~o~o~o~o~

    Das Gebäude war dunkel, die Vögel lange fort, als ich den Fußweg entlang ging. Beth stand oben auf der Treppe im Schatten, sie trug einen langen Mantel über der hastig zusammengesuchten Kleidung. Ihr Haar war lose in eine Spange gefasst. Ich hatte sie nie so zerzaust gesehen. Niemals. Sie wirkte beinahe wie eine Fremde.

    Als ich näher kam, sah ich, dass sie mir nicht nur wegen ihrer Kleidung fremd war. In ihren Augen war etwas, das ich nie zuvor gesehen hatte. Ich atmete schneller. Ich wusste, sie würde mir alles erzählen.

    Mit ihrer Ausweiskarte kamen wir in das Gebäude, und wir kamen problemlos durch die nächtlichen Sicherheitskontrollen. Niemand wunderte sich über ihre Erscheinung, niemand stellte meine Anwesenheit in Frage. Unsere Schritte hallten durch die leeren, düsteren Korridore. Beth sah mich nicht an, sie führte mich nur. Ich fragte nicht, wohin, folgte ihr.

    Ihr Büro. Sie setzte sich, tippte eine Reihe komplizierter Dinge in das System, als es hochgefahren war, das grüne Schimmern des Bildschirms beleuchtete ihre weichen und müden Gesichtszüge auf unheimliche Weise. Ich beobachtete sie, studierte sie. Ich wusste, sie war nicht wirklich meine Mutter. Und das nicht wegen der fehlenden emotionalen Bindung zwischen uns. Es war etwas Unbeschreibliches. Unfassbares. Aber in dieser Nacht, gerade jetzt, wurde mir zum ersten Mal klar, dass sie mich liebte. Ich konnte es in ihren Augen sehen, obwohl diese nur auf den Bildschirm des Computers starrten und nicht mich ansahen. Es war das erste Mal, glaube ich, dass dies wirklich verstand.

    Oder es war das erste Mal, dass sie es zeigte.

    Sie drückte die Enter-Taste und stand abrupt auf, erschreckte mich. Sie streckte ihre Hand aus und ich ergriff sie, ließ mich von ihr an den Computer ziehen, ließ mich von ihr in den Stuhl drücken.

    Ich sah auf den Bildschirm. Und schnappte nach Luft.

    Er war viel jünger auf diesem Foto, es war vor vielleicht zwanzig Jahren aufgenommen oder noch früher. Er sah sehr gut aus, die Sorte gut aussehend, die man in der Marlborough-Werbung sieht oder in Fernsehspots. Er war kräftig. Der Mann, den ich getroffen hatte, verblasste im Vergleich dazu. Das Leben war aus seinen Zügen verschwunden. Aber seine Augen waren dieselben.

    Sein Name war John Crichton.

    Meine Hände zitterten, und ich wandte mich nicht vom Bildschirm ab, um Beth anzusehen. Stattdessen las ich seine Akte, verschlang sie regelrecht.

    Ungläubig, zweifelnd.

    Kontakt zu Außerirdischen? Außerirdische Mikroben? Außerirdische Biotechnologie? Außerirdisch?

    Aber dort stand es, in kalten schwarzen Lettern auf weißem Hintergrund. Sauber geschrieben neben Banalitäten wie Blutgruppe und Haarfarbe. Irgendwie fand ich die Erkenntnis, dass außerirdisches Leben existierte, dass es hier gewesen war, dass wir dort gewesen waren, fast unerheblich gegenüber der Tatsache, dass es um *ihn* ging. Er hatte diese Dinge getan. Und er hatte schließlich den Weg zurück nach Hause gefunden.

    Und Beth und die anderen hatten ihn für den Rest seines Lebens in einer geheimen Regierungseinrichtung eingesperrt.

    Meine Handflächen schmerzten, und ich bemerkte, dass ich meine Fäuste in meinem Schoß ballte, während ich den Blick des Mannes auf dem Monitor erwiderte. Ich warf einen Blick auf die Verletzung, die ich mir selbst zugefügt hatte, und dabei sah ich etwas aus dem Augenwinkel. Einen Link zu einer weiteren Akte, über einen Namen. Aeryn. Mein Atem stockte.

    Erin?

    Ohne Zögern, aber mit zitternden Fingern, klickte ich darauf. Der Schirm füllte sich mit Informationen. Unzählige Details, hunderte Querverweise zu Akten über innere Organe und zu DNA-Untersuchungen. Bluttests, Ergebnisse über Ergebnisse. Proben von neuralem Gewebe und Studien über Studien zu Gehirnfunktionen. Ich sah nichts davon.

    Alles was ich sah, war das Foto, und es zeigte mich.

    Ich presste mir die Hand auf die Lippen, unterdrückte ein aufkommendes Schluchzen. Ich schmeckte Blut, meine Zähne hatten die weiche Haut in meinem Mund eingerissen. Ich musste gar nicht weiter lesen, ich wusste alles.

    Und ich wusste, was ich zu tun hatte.

    So wie Beth.


    ~o~o~o~o~o~o~o~o~o~
    ~-o~o~o-~
    I don't go out so much. So I read.
    (Pilot)
    Friends help you to move, real friends help you to move bodies. (John Crichton)

  2. #2

    Standard AW: "Verborgene Türen" - Endgültige Version

    ~o~o~o~o~o~o~o~o~o~

    Das Mädchen sah niemals ihren Vater. Niemals ihre Mutter. Sie wurde weggenommen und getestet und beobachtet.

    Sie war gescheit, aber regelrecht entmutigt durch die Wissenschaftler. Sie unterdrückten ihre Neugier, vielleicht aus Angst, wie sie auf die Natur ihrer Herkunft reagieren würde. Trotz allem war sie ein normales, menschliches Kind mit dunklem Haar und blauen Augen. Ihre Körpertemperatur war niedriger, ihr Blut enthielt die gleichen unbekannten Bestandteile wie das ihrer Mutter, aber im Grunde war sie so menschlich wie ihr Vater. Erst an dem Tag, als sie allein durch ihren Willen Zeit und Raum verzerrte, erkannten sie, dass sie doch nicht so menschlich war wie vermutet.

    Es wurde wieder und wieder diskutiert, wie sie eine Fähigkeit haben konnte, die ihre Eltern nicht hatten. Wie irgendeine Kreatur eine solche Kontrolle über etwas Abstraktes wie die Zeit entfalten konnte. Die einzig sichere Erklärung war, dass ihre Mutter nicht nur durch eine, sondern zwei Raumverzerrungen gereist war, als das Raumschiff durch das Wurmloch kam. Und da war sie bereits schwanger gewesen.

    Sie wussten nicht mehr über Wurmlöcher als zu dem Zeitpunkt, an dem der Mann und die Frau gefangen genommen worden waren. Sie hatten keinen von ihnen je zum Reden gebracht. Das Schiff war nicht lange nach ihrer Gefangennahme gefunden worden, sie hatten es gründlich erforscht. Es gab Anzeichen von extremen Gravitationskräften in seiner Molekülstruktur. Und auch andere Spuren, Spuren von fremdartiger Materie vielleicht, vielleicht das, was es ihnen ermöglicht hatte, durch ein Wurmloch zu navigieren.

    Vielleicht, dachten sie, vielleicht hat das Wurmloch selbst den Fötus beeinflusst.

    Das alles war nur Spekulation und für fast ein ganzes Jahr, nachdem sie den Korridor verzerrt und den Pfleger eingefroren hatte, unterzogen sie sie den intensivsten Tests, die sie an dem lebenden Kind durchführen konnten. Sie kamen zu keinem Ergebnis.

    Sie tat es nie wieder in ihrer Gegenwart. Aber sie alle behandelten sie anders seitdem. Sie hatte bis dahin auf sie gewirkt wie ein normales Kind, aber sie selbst hatte sie daran erinnert, dass sie keines war.

    ~o~o~o~o~o~o~o~o~o~


    Lügen über Lügen. Das lauernde Geheimnis, das mich nur vor einigen Stunden so verstört hatte, erwies sich als nur die Spitze eines Eisbergs. Ich fühlte mich flatterig, als wäre mein Körper nicht mein eigener, und vielleicht war er es auch gar nicht. Ich hatte ihn nie wirklich ausgefüllt, trieb durchs Leben wie der Geist, für den ich mich immer gehalten hatte. Und nun war ich auf einmal jemand völlig anderes. Niemals zuvor hatte ich mich von Gefühlen beherrschen lassen, hatte mich immer leer gefühlt. Jetzt *wusste* ich, warum. Ich wusste, was mir gefehlt hatte, und es war, als wäre ich neu geboren.

    Es schmerzte entsetzlich.

    Kontrolle war die natürliche Lösung. War es immer gewesen. Ich nahm all meine Entschlossenheit und all meinen Mut zusammen, drängte die Tränen zurück und bezwang diese Welle unbekannter Gefühle.

    Hatte ich erwartet, dass Beth etwas sagte? Was sollte sie sagen? Ich sah sie an, sah, dass sie abgespannt und müde wirkte. Leer. War es Erleichterung, die ich in ihren Augen lesen konnte? War die Last einer heimlichen Bürde von ihr genommen? Sie hatte sich auf die orangefarbene Couch gesetzt, vorgebeugt mit über den Knien verschlungenen Armen, sie blickte zu Boden. Sie sah so alt aus, zerbrechlich. Ein totes Blatt, von Zeit und Gewissen zu einem Skelett aus Adern und Stiel verschlissen.

    Nun war es heraus, das Geheimnis, das sie und die anderen zwanzig Jahre vor mir versteckt hatten. Ich sah sie ungerührt an. Fragend. Endlich fragend. Sie stand nur auf und ging voraus.

    Hinunter in den Hochsicherheitstrakt. Ein Ort, an dem ich nie gewesen war. Ein Ort hinter doppelt verschlossenen Türen und weiteren Wachen. Sie ging an ihnen vorbei, als ob sie dies ein Leben lang getan hätte. Als wir vor einer Tür stehen blieben und sie ihre Schlüssel fand, schauderte ich. Als wir das Dunkel des winzigen Raumes traten und ich ihn dort liegen sah, begann ich zu zittern.

    Wir standen für eine Weile dort, beide schweigend.

    “Sag mir,” begann ich schließlich, meine Stimme fester als sie hätte sein dürfen, „sag mir, dass du sie wenigstens nicht getötet hast.“

    Sie sah auf, ihre Brillengläser fingen das matte Licht aus dem Korridor ein, reflektierende, gespenstisch leere Kreise.

    “Einige von uns wollten das. Vom Moment ihres ersten Eintreffens hier gab es Druck von oben, jedes Detail über sie heraus zu finden. Wie genau sie sich vom Menschen unterschied, in jeder nur denkbaren Facette ihrer Existenz. Der einzige Weg, dies zu erreichen, war, sie zu sezieren.“

    Sie sprach diese Worte so klinisch aus, dass mich vor Abscheu schauderte. In meinem Magen machte sich Übelkeit breit. Ich war hier aufgewachsen, umgeben von dieser klinischen Kälte. Die Männer und Frauen, die dazu fähig waren, ohne Gefühle und Gewissen einen kaltblütigen Mord zu begehen, waren dieselben, die mir meine Kindheit genommen hatten.

    “Wir haben sie nicht getötet.” Beth sprach diese Worte aus und sie hallten matt, immer schwächer werdend, von den Wänden wider. Ich schluckte, fürchtete weitere Lügen.

    “Ich habe die Objekte gesehen. Die Fotos. Die endlose Katalogisierung ihres... Körpers.”

    “Wir haben sie nicht getötet.” Sie wiederholte die Worte bestimmt, als ob sie mir so nicht erklären müsste, *was* sie getötet hatte. Das Schweigen, das sich zwischen uns ausbreitete, sprach Bände. Ich schlang meine Arme um mich, gab mir etwas Halt. Ich hatte einen Kloß im Hals.

    “Ich war es.” War das wirklich meine Stimme? Sie klang so rau. Beth musste nicht einmal nicken, ich konnte es in dem Kummer in ihren Augen lesen. „Ich habe sie getötet.“

    Mein Traum war jetzt klar. Es war nicht ich gewesen. Meine Mutter. Die Pein meiner Mutter. Meine Mutter, die nach dem rief, der von ihr weggerissen worden war. Beths Stimme war sehr leise, als sie sprach. Dünn.

    “Ja, Dora, du warst es. Es gab Komplikationen. Schreckliche Komplikationen. Wir konnten die Blutungen nicht stoppen, weil wir natürlich nicht wussten, wie wir sie behandeln mussten. Sie starb einige Stunden nach der Geburt. Es gab einige hier, die sich deswegen aus dem Projekt zurückzogen.“

    Dieser letzte Satz schien soviel mehr zu bedeuten, als die bloßen Worte sagten. Meine Mutter starb allein, an einem fremden Ort, umgeben von Menschen, die in ihr ein Tier sahen, das studiert und obduziert werden sollte. Sie hatte ein Kind in eine Welt, an einem Ort geboren, von dem sie wusste, dass dieser nicht sicher war für ihr Neugeborenes. Und doch war es ihr nicht möglich am Leben zu bleiben, um es zu schützen.

    Diese hässliche Ironie. Ich würgte daran. Ja, man hatte sich um mich gekümmert. Mein Leben war ein totes, ödes Land gewesen. Ich hatte meine Freiheiten, aber nur soweit die Leute hier sie mir zugestandenhatten. Ich bekam Essen und Kleidung, aber keine Zuneigung. Mein geistiges Potential durfte sich entwickeln, aber meine Seele war verdorrt und gestorben. Wusste ein Säugling, wenn man ihn belog? Wenn ihm etwas vorenthalten wurde? Ich denke, ich kannte die Antwort hierauf.

    Endlich schaute ich hinunter auf das Bett. John Crichton hatte sich nicht bewegt. Er schlief nicht, aber genauso wenig war er wach. Er war in demselben Zustand, in dem er gewesen war, als ich ihn an diesem Fenster zum ersten Mal getroffen hatte. Es schien Jahre her zu sein.

    Wie in einem Traum bewegte ich mich weiter und setzte mich auf die Bettkante, nahm eine seiner schlaffen Hände in meine. Sie war warm und fest, umschloss meine schlankeren Finger.

    “Sag mir, warum er immer noch hier ist.” Ich sprach ausdruckslos, als ob nichts, was sie noch sagte, mich berühren konnte.

    “Er weiß zuviel über das Projekt. Er ist im Weltraum gewesen, wir können nicht riskieren, dass die Leute seine Geschichten hören. Er würde uns bloßstellen. Vor allem wurde er dort draußen irreversibel kontaminiert. Sein Körper ist voll außerirdischer Mikroben und Biotechnologie. Wir können es uns nicht erlauben, ihn gehen zu lassen.“

    “Und warum”, ich hielt einen Moment inne, schluckte, um das Zittern in meiner Stimme zu kontrollieren, „warum ist er so?“

    “Eine Art der Dissoziation.” Beth klang so alt. “Er rutschte da allmählich hinein, es begann vor etwa zehn Jahren. Anfangs versuchte er alle paar Monate zu fliehen, aber als er verstand, dass dies nicht möglich war, wurde er immer depressiver und mutloser. Schließlich katatonisch.“

    Ich konnte es mir vorstellen. Ich hatte seine Bilder gesehen, seine Akte gelesen. Ich sah ihn eingesperrt in diesem winzigen Käfig, hin und her laufend wie ein wildes Tier. Oh Gott.

    “Wusste… wusste er von mir? Warum habe ich ihn nie gesehen, während ich hier aufwuchs?“

    “Sie wurden getrennt, als die Spezialeinheiten sie vor vierundzwanzig Jahren hierher brachten. Er wusste von ihrer Schwangerschaft. Sie musste schwanger geworden sein, kurz bevor sie gefangen genommen wurden.“ Sie seufzte. „Wir erzählten ihm, dass du zusammen mit deiner Mutter während der Geburt gestorben seiest. Man dachte, dies sei genug, um ihn aufgeben zu lassen. Und das war es.“ Ihre Stimme klang so müde. Ich fühlte keinerlei Mitleid. “Ihr seid euch nie begegnet, weil wir dafür sorgten, dass er dir nicht über den Weg lief. Er hätte dich sofort erkannt, wie heute. Es hätte seinen Willen zu entkommen erneuert. Du siehst ihr sehr ähnlich, weißt du.“

    Ich hatte ihr Bild gesehen. Ja.

    “Es gab heute einen Fehler im Tagesablauf, ihr hättet euch nie treffen sollen. Als ich sah, wie er nach dir griff, *wollte* ein Teil von mir, dass er wieder zu sich findet. Er war früher so stark. Lange Zeit haben wir ihn heimlich dafür bewundert.“ Ihre Worte zitterten leicht und ich konnte Jahre unterdrückter Schuld hinter ihnen hören. Offenbar hatte sie nie die gleiche Stärke gespürt wie er in seiner Überzeugung.

    Ich blickte wieder auf ihn hinunter, auf den Mann, der mein Vater war.

    “Du wusstest, was ich bin. Du wusstest, was ich bin, warum hast du mich gehen lassen? Warum hast du mich aufs College gehen lassen? Einen Job annehmen? Warum hast du mich dort hinaus geschickt, und mich so tun lassen, als führte ich ein normales Leben?”

    “Du wurdest die ganze Zeit beobachtet. Warst immer unter unserer Kontrolle. Es gab lange Diskussionen, aber schlussendlich hat das Projekt dich großgezogen. Was immer Du glauben magst, wir liebten dich.“

    Was auch immer diese Leute als Liebe ansahen. Es war wohl irgendetwas. Ich wusste nicht was, aber irgendetwas war es. Keinesfalls genug.

    “Einige wollten dich hier behalten, eingesperrt. Wir kämpften um die Erlaubnis, dich gehen zu lassen. Sie wurde gewährt, aber jedes Detail deines Lebens wurde überwacht. Für deine Freiheit haben wir eine Menge Schwierigkeiten in Kauf genommen, Dora.“

    “Und soll ich dir dafür danken?“ Meine Stimme klang schroff, bitter. Ärgerlich. Meine Gefühle durchliefen das volle Spektrum an Emotionen, aber vor allem spürte ich brennenden Zorn. Die Taubheit, die mich mein ganzes Leben lang begleitet hatte, war verschwunden. Ich beugte mich über die Hand meines Vaters und atmete tief ein, genoss meinen Zorn. „Warum du, Beth? Warum nicht Dr. Faber? Oder Dr. Ellerson? Verflucht, warum nicht Linda oder einer der anderen Pfleger?”

    Sie schwieg eine ganze Weile, das einzige Geräusch im Raum war das leise Summen der Klimaanlage.

    “Ich wurde mit deiner Überwachung beauftragt.“

    Beauftragt.

    Beth schwieg. Ich sah sie nicht an.

    Schließlich: “Warum hast du mich hierher gebracht, Beth?“ Meine Augen ruhten auf dem Gesicht meines Vaters, ich streckte eine Hand aus und berührte sachte seine Wange. Er war erst vor kurzem rasiert worden.

    “Du weißt warum. Ich liebe dich, Dora. Ich weiß, es bedeutet dir jetzt nicht mehr viel.” Ihre Worte klangen wässrig.

    Sie würde uns gehen lassen.

    Da war keine Euphorie, kein Triumph. Nur grimmige Entschlossenheit. Es gab nichts zu feiern. Nichts würde mir diese verlorenen zwanzig Jahre meines Lebens wieder geben oder den Horror, den er erlebt hatte, auslöschen. Nichts würde meine Mutter zurückbringen. Es gab jetzt nur noch John Crichton, und ich würde tun, was ich konnte, um ihm wieder ein Leben zu geben, auch wenn ich sie ihm nicht zurückbringen konnte. Ich zog sachte an seiner Hand und er setzte sich automatisch auf, wie der Roboter, für den ich mich selbst immer gehalten hatte.

    Als ich in seine einst schönen Züge blickte, in denen jede einzelne Furche von Schmerz und Leiden und dem Verlust seiner Liebe zeugte, spürte ich, wie mir erneut Tränen übers Gesicht rannen. Ich beugte mich vor und küsste seine Stirn. Als ich mich aufrichtete, bereit ihm aufzuhelfen, blinzelte er.

    Ich erstarrte, erinnerte mich an die brennende Leidenschaft, die ich vorher gesehen hatte. Unsere Blicke trafen sich, hielten sich fest.

    “Nicht Aeryn.” Seine Stimme klang rau, weil er sie lange nicht benutzt hatte und aus uraltem Kummer. Da war der Hauch eines Südstaatenakzents, ein leichtes Singen in der Stimme. Ich schüttelte den Kopf, schniefte ein bisschen und griff seine Hand fester.

    “Mein Name ist Dora. Ich werde dich hier hinaus bringen.”

    Seine Hand wand sich aus meinem Griff, er hob beide Hände langsam und unsicher an mein Gesicht. Sie verharrten einen langen Moment, als fürchtete er, mich zu berühren, bevor er mein Gesicht umfasste. Ein Daumen wischte vorsichtig meine Tränen fort, die nicht aufhörten zu fließen. Ich sah ihm noch immer in die Augen.

    “Du siehst aus wie deine Mutter”, sagte er sanft, staunend.

    Ich musste trotz meiner Tränen lächeln. Mein Gesicht verzerrte sich vor Freude, dass er mit mir gesprochen, mich erkannt hatte, und vor Leid wegen allem, was zwischen uns geschehen war und nicht hatte geschehen können. Als er mich in seine Arme zog und sein Gesicht an meinen Hals drückte, fühlte ich mich auf eine Weise vollständig, die ich nie für möglich gehalten hätte.

    “Es tut mir leid, dass ich so lange gebraucht habe, um dich zu finden.”

    Das Flüstern hätte von uns beiden stammen können.

    ++++++

    Mehr Wiedersehensfreude war uns nicht möglich.

    “Wir müssen jetzt gehen, wenn du ihn hier raus bringen willst.” Beths Stimme klang nervös. “Bald wird die Nachtschicht abgelöst. Mit Sandy kann ich umgehen, aber Gerrold ist schwieriger.”

    Er starrte Beth mit leerem Blick an. Hass flackerte in seinen Augen auf, während er sie ansah. Ich konnte nur erahnen, was er dachte. Was ich an seiner Stelle dächte. Ich half ihm auf die Beine, nahm seine Hand und führte ihn in den Korridor, hinter der kleinen plumpen Ärztin her.

    “Ich kann ihn aus G-2 herausbringen, aber es wird wesentlich schwieriger sein, ihn durchs Haupttor zu schaffen.“ Sie flüsterte, aber ich konnte sie gut verstehen. Ich klammerte mich an die Hand meines Vaters wie an eine Rettungsleine, fast ängstlich, dass - sobald ich losließ - er wieder verloren wäre.

    “Wir müssen es riskieren.“ Meine Stimme war hart, ließ keine Widerrede zu. Ich konnte G-2 nun um mich spüren wie ein lebendes Wesen. Es fühlte sich schmutzig, böse und erbarmungslos an. Ich schauderte ein wenig, als wir zum ersten Sicherheitsposten kamen. Sandy war eine hart wirkende Frau mit ergrauendem Haar und Falten um den Mund.

    Beth setzte die Miene auf, die ich mein Leben lang gekannt hatte, warf der Wache nur einen kurzen Blick zu, als wir vorbeigingen, so, als hätte sie jedes Recht der Welt, einen Patienten dorthin zu bringen, wohin es ihr beliebte. Sie hatte es auch, aber nur in gewissen Grenzen. Sandy machte diesen feinen Unterschied nicht, sie nickte der Ärztin lediglich zu. Ich konnte kaum glauben, dass es so einfach sein sollte. Der Pessimist in mir warnte, dass es am Haupttor nicht so leicht werden würde. Sogar ich, die hier jeden zweiten Monat herkam, hatte immer wieder Mühe, durch die massiven Tore zu kommen. So unscheinbar wie die Gebäude der Schattenbasis wirkten, sie waren bewacht wie Fort Knox.

    Ich spürte, wie mein Vater zurück schreckte, als wir durch den Haupteingang traten und die Treppe hinab liefen. Es war eher die Tatsache, dass er sich draußen befand, als die Kälte. Ich begann schon wieder, die Fassung zu verlieren, als ich daran dachte, dass er seit über zwanzig Jahren nicht mehr unter freiem Himmel gewesen war. Ich wollte ihm Zeit geben, die Sterne zu betrachten, die ihm verweigert worden waren, aber ich wusste, dass dafür keine Zeit war. Mit jedem Augenblick spürte ich den Drang, diesem Ort zu entfliehen, stärker werden.

    Auf dem Weg zum Parkplatz schälte sich Beth aus dem Mantel, den sie immer noch anhatte, und gab ihn mir. Ich legte ihn um Johns Schultern, die jedoch immer noch zu breit waren, um in Beths kurze Ärmel zu passen. Der Mantel bedeckte kaum den weißen Patientenkittel.

    Wir ließen meinen Honda stehen und nahmen ihren größeren Acura. Ich atmete schneller vor Aufregung, als ich mit meinen Vater auf den Rücksitz kletterte, klammerte mich noch immer an seine Hand. Er sagte nichts und ich war froh darüber. Ich war nicht sicher, ob ich jetzt damit fertig werden würde. Wenn wir erst einmal hier heraus waren, würden wir Zeit dafür finden.

    Noch war es dunkel, aber es war nicht mehr lang bis zur Dämmerung, als wir auf das Haupttor zu fuhren. Es war in helle Lichtkegel getaucht, zwei Wachen standen stramm auf jeder Seite, in voller Bewaffnung. Ein weiterer Mann hockte in der Bude.

    “Halt dich bereit, Dora.” Sie sprach leise, aber zum ersten Mal in dieser Nacht hörte ich wieder stählerne Härte in ihrer Stimme.

    Ich fragte mich, was Beth den Männern erzählen würde, als ich sah, dass sie in ihre Handtasche griff und eine Chemische Keule in ihrer Hand verbarg. Es schien beinahe lächerlich. Ich setzte an zu fragen, was genau sie zu tun gedachte, hielt mich aber zurück, als wir den Lichtkegel erreichten. Die beiden Wachen näherten sich auf beiden Seiten dem Wagen, versuchten, durch die getönten Seitenscheiben zu blicken, die Waffen griffbereit. Standardverfahren, das wusste ich, aber es war trotzdem Furcht erregend. Mein Atem beschleunigte sich und ich zwang mich, Johns Hand nicht zu fest zu drücken.

    “Haben Sie und Dora alles erledigt, Dr. Pollson?“ Die Wache aus der Bude war herangetreten, als Beth das Fenster herunterließ. Er hielt ein Schreibbrett in der Hand. Er trug eine Waffe im Holster, die aber Gott sei Dank noch durch den Riemen gesichert war. Er runzelte die Stirn, lehnte sich hinunter und spähte durchs offene Fenster zu uns auf den Rücksitz. „Wer ist da bei Ihnen, Doc?“ Die Wachen auf den beiden Seiten versteiften sich.

    “Sie kennen doch Dora, Lieutenant.” Beths Stimme klang leicht spöttisch.

    “Und Sie wissen, was ich meine, Doktor. Wer ist das da bei ihr? Sie beide sind allein gekommen. Sie kennen die Vorschriften. Sie brauchen eine Vollmacht, um einen Patienten mitzunehmen.“

    “Sicher brauche ich die. Ich habe sie hier.“ Sie sah in ihre Tasche und zog etwas heraus, das wie ein gewöhnliches gefaltetes Blatt Papier aussah. Ich verkrampfte mich, sicher, dass nun alles vorbei war. Beth übergab ihm das Papier und als er danach griff, stieß sie mit aller Kraft die Fahrertür auf. Der Lieutenant stolperte rückwärts, krachte in seine Bude, stieß dabei die Tür auf.

    Und Beth, rundliche, kleine, alternde Beth, warf ihren kleinen Körper durch die offene Tür in die Bude.

    “FAHR, Dora!” Sie schrie und ich gehorchte. Ich handelte automatisch, stürzte mich über die Sitzlehne und zwängte mich hinter das Lenkrad, als Schüsse in meinen Ohren dröhnten. Ich sah Beth wie eine Marionette zucken, rote Löcher erblühten auf ihrem lavendelfarbenen Pullover, aber sie war innerhalb der Bude und ihre Hand schlug hart auf den Öffner des Tores.

    Es begann sich ratternd zu bewegen und ich trat aufs Gaspedal, als die Heckscheibe in einem Hagel aus Glassplittern und Kugeln zerschmetterte. Ich duckte mich, hielt den Atem an und lenkte den Wagen vorwärts, den Fuß auf dem Gaspedal als sei es mein Rettungsseil. Ich roch verbranntes Gummi und den Gestank des Gewehrfeuers, als ich auf das Tor zuschoss, das sich nicht schnell genug öffnete. Das Auto ruckte heftig, als es auf die Öffnung traf, Metall kreischte auf Metall, als der Spiegel abriss und ein großer Teil des Lacks auf der linken Wagenseite absplitterte.

    Aber dann waren wir frei.

    Ich konnte das Heulen der Sirenen hören, die Scheinwerfer entlang des Zaunes flammten auf, als die Wachen den Alarm auslösten. Ich fuhr einfach weiter. Der Himmel wurde etwas heller und ich wusste, die Dunkelheit hätte eine bessere Deckung geboten, aber wir mussten so klarkommen. Es gab keine Alternative. Keiner von uns würde zurückgehen.

    “Bist du in Ordnung?” Ich keuchte die Frage, als ich mich endlich wieder in der Lage fühlte zu sprechen, hielt meine Augen weiter auf die Straße gerichtet. Als ich keine Antwort erhielt, riskierte ich einen Blick nach hinten. Mein Vater saß zusammengesunken auf der Rückbank, Blut sickerte langsam über seine Brust.

    +++

    Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis ich endlich einen Platz fand, an dem ich es wagte anzuhalten. Ich wusste, dass sie bereits hinter uns her waren, aber ich konnte ihn nicht verbluten lassen, wenn er nicht bereits tot war. Die Erleichterung, als ich entdeckte, dass er noch lebte, ließ mich fast zusammenbrechen.

    Wir waren mitten in einem Wohngebiet, und ich hatte einen verlassen Park mit einem kleinen Stausee gefunden. Ich half ihm, aus dem Auto zu steigen, setzte ihn gegen einen Baumstamm gelehnt ab, und schob den Wagen mühsam über den Steg ins Wasser. Nach dem Wagen würden sie als erstes suchen und ich wollte ihn so schnell wie möglich loswerden. Erst dann zerriss ich die Überreste von Beths Mantel, um die Wunden meines Vaters so gut es ging zu verbinden. Ich war keine Ärztin, aber ich sah, dass die Kugeln durch ihn hindurch gegangen waren, eine durch die Schulter, eine andere durchs Schlüsselbein. Es waren schwere Wunden, aber in ein Krankenhaus konnte ich ihn nicht bringen. Ich konnte nur hoffen. Und Hoffnung war noch nie genug gewesen.

    Er starrte hinaus auf den See, während ich seine Wunden verband, etwas war in seinem Blick, das ich nicht greifen konnte. Als er sprach, schrak ich zusammen.

    “Dora. Das ist ein hübscher Name. Ich frage mich, warum sie ihn dir gegeben haben.” Ich strich mit zitternden Fingern sein Haar zurück. Ich wusste, dass er starb. Und er wusste es auch.

    “Ich weiß nicht.” Ich konnte nur flüstern. Er sah zu mir auf, streckte die Hand aus und strich mir eine Haarsträhne hinters Ohr.

    “Deine Mutter wäre sehr stolz auf dich, weißt du.”

    Wäre sie das? Ich war mir da nicht sicher, ich zitterte und innerlich war ich ein heulendes Elend.

    “Ich wünschte, ich hätte sie gekannt.” Meine Worte klangen schwach, entfernt. So, wie ich mich immer gefühlt hatte, wie diese Farce, die mein Leben war. Ich wollte ihm sagen, wie ich mir wünschte, auch ihn gekannt zu haben. Aber ich verzweifelte bei dem Gedanken, jetzt keine Möglichkeit mehr dazu zu bekommen.

    Die Vögel begannen ihren morgendlichen Gesang, zwitscherten und hüpften durch die Bäume über uns. Weiter entfernt am Seeufer hörte ich einen Hund bellen und einen Automotor starten. Der Morgen war frisch und klar mit ein paar Wolken am Horizont. Der erste Tag meines Vaters in Freiheit hatte eine achtzigprozentige Chance auf Regen.

    “Wir fahren nach Maine, Dora. Ich zeige dir den Weg.“

    Maine?

    Ich brauchte eine Weile, bis ich ein anderes Auto fand, und er zeigte mir, wie ich es kurzschließen musste. Ich fragte nicht, woher er solche Sache wusste, ich wollte nur so schnell wie möglich raus aus D.C. Ich dachte erst an Beth, als wir schon auf dem Weg und über 300 Meilen unterwegs auf Seitenstraßen waren.

    Es war keine wirkliche Trauer, die ich fühlte, eher Verlust. Sie war gestorben, um mir zu helfen, das wusste ich. Ich vermutete, es war ein Beweis ihrer Liebe zu mir. Ich würde ihr nie verzeihen, was meinen Eltern angetan worden war, aber ich konnte versuchen, sie nicht zu hassen. Es war das Beste, was ich im Moment tun konnte. Ich war keine noble Seele.

    Wir fuhren in die Nacht und durch sie hindurch, hielten nur ab und zu an, um seine Verbände zu wechseln. Ich traute mich kaum anzuhalten, außer um zu tanken oder um nach Anweisungen meines Vaters die Nummernschilder zu wechseln. Ich bezahlte alles mit dem Bargeld aus Beths Portemonnaie. Es war nicht viel, aber gerade genug, um nach Maine zu kommen.

    Wir schafften es so gerade eben. Nachdem ich das Auto über den Rand einer Klippe geschoben hatte, musste ich meinem Vater helfen, die letzte Meile zu der Blockhütte zu laufen, die am Ende eines schmalen schlammigen Pfades stand. Die letzten Sonnenstrahlen dieses Tages glitzerten auf dem Wasser des Sees dahinter, hohe duftende Kiefern umgaben uns von allen Seiten. Ich war noch nie aus D.C. herausgekommen und es war so wunderschön hier.



    Er war so schwach, jeder Atemzug eine Anstrengung, jeder Schritt war eine Strapaze. Es war dunkel, als wir die Hütte betraten, und ich half ihm auf die mottenzerfressene Couch. Seine Augen waren geschlossen, sein Gesicht kalkweiß und seine Haut fühlte sich eiskalt an. Er hatte eine Menge Blut verloren. Ich deckte ihn mit einer alten Steppdecke zu und kniete neben ihm in der Dunkelheit. Ich wagte es nicht, Feuer zu machen. Nicht, weil jemand es hätte bemerken können, sondern weil ich fürchtete, er könnte sterben, während ich nicht bei ihm war.

    Ich strich ihm über die Stirn und küsste seine aschfahle Wange. Als er seine Augen öffnete und mich ansah, wusste ich, dass der Tod nah war. Der Schmerz schnürte mir die Kehle zu. Fast wünschte ich mir die dumpfe Taubheit zurück, um nur nicht diese schreckliche Pein zu spüren. Diese alles verzehrende Einsamkeit. Er sprach nicht, lächelte mich nur an und berührte meine Lippen. Dann wurde seine Hand schlaff und das schwache Licht in seinen Augen erlosch.

    Ich kniete dort eine lange Zeit, hielt seine Hand. Tränen wollten nicht kommen. In meinem Herz war ein entsetzlicher, zerreißender Schmerz, das Gefühl, dieses ganze leere Leben stürze über mir zusammen. Bedeutungslos. Ich hatte ihn nur für einige wenige Tage in meinem Leben gehabt. So wenig Zeit.

    Zeit.

    Ich sog die Luft ein und ließ seine Hand los, legte den Kopf in den Nacken, um die dunklen Dachbalken anzusehen, ohne sie wirklich zu sehen. Meine Finger lagen fest verschlungen in meinem Schoß. Opfer für ein Leben, wie es niemals hatte sein sollen. Opfer für etwas, das verloren war. Ich schloss meine Augen und... ließ einfach los.

    Die Welt wurde aufgetrennt wie lose Fäden eines Pullovers. Alles um mich, die Blockhütte, zerfiel zu Staub und wurde wieder errichtet. Diesmal erlaubte ich mir nicht, es zu beenden. Ich fiel in es hinein wie Alice in ihr Kaninchenloch. John Crichtons Körper wurde vor meinen Augen zu Staub, der Rhythmus des Waldes hämmerte und pochte in meinen Adern, das leise Brausen und der Aufruhr des Universums fielen zusammen, alles verdrehte sich in sich selbst. Hier war es gewesen, hier hatte sich alles verändert. Hier hatte sich die Zeit verzweigt. Es war so einfach, dachte ich gleichgültig. So unglaublich einfach, das ein Kind es tun könnte. Ich drehte einen Schlüssel in meinem Geist und trat durch die verborgene Tür, dorthin, wo Zeit und Zeit sich berührten und zerbrachen.

    Und fand mich kniend auf dem staubigen Fußboden neben einer leeren Couch.

    Es war fast nichts mehr von mir übrig. Die Anstrengung, meinen Körper durch das Gewebe der Zeit zu bewegen, hatte mich fast bis zur Transparenz ausgetrocknet. Es hatte so einfach gewirkt. Meine Muskeln gaben einfach nach und ich fiel mit einem schwachen Geräusch auf den Holzboden. Ich konnte nicht fassen, was ich gerade getan hatte. Nur ein kleiner Teil von mir schien zu verstehen, was ich hier versucht hatte.

    Alles um mich wurde weggeschwemmt, verschwamm. Ich konnte kaum meine Haut spüren. Meine Sicht pulsierte und flackerte an den Rändern, Bewusstlosigkeit lockte. Aber ich musste noch einen Moment wach bleiben. Ich wusste, dass nur noch wenig Zeit in mir war.

    “Frell, wer ist da?” Die Stimme war ein leises Knurren, das von dem Dachboden oberhalb der Leiter kam. Ich machte mir nicht die Mühe, mich zu fragen, was „Frell“ bedeutete, oder ob ich Erfolg gehabt hatte. Ich musste meine letzten Kräfte schonen, um meine Warnung zu überbringen. Beeilt euch, drängte ich im Stillen. Bitte, bettelte ich.

    Rascheln und ein gemurmeltes Gespräch schienen von weit her zu kommen, wie auch das Knarren der Leiter, als jemand hinunter stieg.

    „Was zum...“ War das Licht? Eine einzelne Glühbirne hing von der Decke, erstrahlte in kaltem Feuer, warf dunkle Schatten durch den Raum. Ich konnte meinen Kopf nicht heben. Ich konnte kaum noch den Brustkorb heben, um zu atmen. Beeilt euch.

    „Wer ist das, John?“ Die neue Stimme war scharf, nah. Gereiztheit und Angst schwangen in ihr mit. Eine warme Hand drehte mich herum und ich schaffte es, die Augen weit genug zu öffnen, um sie anzusehen. Er war jung, jung und schön wie auf dem alten Foto. Sie sah aus wie ich. Ich lächelte, zu schwach sogar zum Weinen.

    „Hezmana!” Die Frau fluchte, hob eine Hand an ihren Mund, blaue Augen, von derselben Farbe wie meine, weiteten sich.

    „Jesus, Aeryn, sie sieht genauso aus wie du!“

    „Nicht… ganz. Sie hat deinen Mund.“ Ungläubigkeit und Verwirrung in beiden Gesichtern, in ihren Worten. Meine Mutter war neben mir auf die Knie gesunken und ich genoss, dass ich sie wenigstens dieses eine Mal sehen konnte. Ich fühlte mein Herz schwächer werden vor Anstrengung, Blut in meine Gliedmaße zu pumpen. Alles wurde taub. Mir blieb hier keine Zeit mehr in diesem Leben, das es nicht hätte geben sollen.

    “Wer bist du?” Seine Stimme hallte in meinen Ohren wider. Ich war nur noch in der Lage, eine begrenzte Anzahl Worte zu sprechen, aber ich wollte, dass sie meinen Namen erfuhren. Es schien mir unglaublich wichtig.

    „Ich heiße Dora. Ihr müsst gehen.” Meine Stimme war kaum hörbar und beide mussten sich über mich beugen, um sie zu hören. „Ihr. Müsst. Gehen. JETZT.” Mein Atem stockte und ich schloss meine Augen. “Bitte. Lauft. Sie kommen.”

    Der laute Atemzug des Mannes, der mein Vater sein würde, der mein Vater gewesen war, war das Süßeste, was ich je gehört hatte. Er verstand. Irgendwie hatte er verstanden. Vielleicht nicht, wer ich war, aber zumindest meine Nachricht.

    „Keine Zeit mehr.”

    Ich wusste nicht, ob ich diese letzten drei Worte überhaupt laut ausgesprochen hatte. Ich konnte sie nicht mehr sehen. Ein unbeschreiblicher Friede bedeckte mich wie ein großes Tuch... dann verschwand alles in Dunkelheit.

    ~o~o~o~o~o~o~o~o~o~

    Epilog:

    Es herrschte Stille im Schiff, als sie durch die Gänge rannte, ihre nackten Füße klatschten ein Stakkato auf die glatten Böden. Sie war außer Atem vom Rennen, langes dunkles Haar wehte hinter ihr. Der ihr voraus flitzende DRD piepte vor Anstrengung, ihren kleinen, verspielten Händen zu entkommen. Er stürzte sich in eine Wartungsspalte und sie ließ sich auf die Knie fallen, griff sofort in dem Loch nach ihm, um die Hand mit einem kleinen Schrei wieder heraus zu ziehen. Er hatte nach ihr geschnappt.

    Frustriert schlug sie mit der flachen Hand auf den Boden, beugte sich vor und spähte hinein. Der DRD war noch dort, mechanische Augen glühten, als er sie aus der Sicherheit seines Schlupfwinkels heraus beobachtete. Sie runzelte die Stirn, schob verärgert ihre Unterlippe vor, als wäre die Macht ihres Ärgers genug, um ihn aus dem Loch hinaus zu scheuchen. Er rührte sich nicht.

    Voll Empörung stand sie schließlich wieder auf und setzte ihren Weg durch den Gang fort, ihre Hände glitten über die Rippen und Grate der Wand, ihre Augen suchten nach dem nächsten DRD.

    Der Klang von Stimmen, als sie um die nächste Biegung kam, ließ sie anhalten. Obwohl sie wusste, dass sie nicht lauschen durfte, konnte sie einfach nicht widerstehen, als sie ihren Namen hörte. Ihre Eltern sprachen dort vorne leise mit Zhaan.

    „Ich schwöre dir, Zhaan, Dora war dafür verantwortlich. Ich konnte es in ihren Augen sehen.“ Die Stimme ihrer Mutter klang wütend, sie hasste es, angezweifelt zu werden.

    „Es war eine Anomalie, meine Liebe. Ich weiß nicht, wie du darauf kommst, dass ein kleines Kind die Kraft hat, Raum und Zeit zu verändern wie ein Wurmloch, aber...“

    „Sie hat es getan. Sie sah sogar schuldbewusst aus.” Das war jetzt ihr Vater. Sie biss sich auf die Lippe und drückte sich näher an die Wand.

    Das Seufzen kam eindeutig von der Delvianerin.

    „Gut, wenn ihr so überzeugt seid. Sagt mir, was glaubt ihr, wie sie das gemacht hat? Natürlich sollten Eltern einen übertriebenen Stolz für ihre Nachkommen empfinden, aber das ist reine Sturheit.“ Trotz ihrer Worte klang die Priesterin ehrlich neugierig.

    „Ich weiß es nicht.“ Das war wieder ihr Vater, Rebellion in seiner Stimme. „Vielleicht, weil wir durch dieses Wurmloch geflogen sind vor sechs Jahren auf dem Rückweg von der Erde. Aeryn war damals schwanger, aber wir wussten es nicht.“

    Zhaan machte ein leises kehliges Geräusch.

    „Es heißt, ein Wurmloch verzerrt die Zeit, faltet sie. Ich denke, ihr habt mit euren Erlebnissen bewiesen, dass dies so ist. Aber obwohl ich sehe, dass ein ungeborenes Kind dadurch beeinflusst worden sein könnte, das hier ist doch etwas weit hergeholt.“

    „Ich habe keine andere Erklärung, Zhaan. Alles was ich weiß, ist, dass sie es kann. Alles was ich *möchte*, ist, dass du es berücksichtigst. Und wenn es wieder passiert, dann wissen wir vielleicht mit Sicherheit -“ Ihr Vater unterbrach sich mitten im Satz und das bedeutete nie etwas Gutes. Sie wandte sich zur Flucht, aber es war schon zu spät. Hände schlossen sich um ihre Taille und sie wurde kreischend hoch in die Luft gehoben.

    „Um Hezmanas Willen...“ Sie konnte ihre Mutter nicht sehen. Alles was sie sah, waren ihre eigenen Haare und der Rücken ihres Vaters, als er sie sich über die Schulter warf und sie in Zhaans Kammer schleppte. „Dieses Mädchen ist entsetzlich.“ Die Stimme ihrer Mutter klang liebevoll trotz ihrer harten Worte.

    „Das ist sie wirklich.“ Dora spürte, wie ihre Knöchel gepackt wurden, sie wurde hochgehoben, wand sich, und hing trotzdem kopfüber vor ihrer Mutter, die schief lächelte.

    „Was haben wir dir über das Belauschen der Gespräche von anderen gesagt?“

    „Nichts.“ Sie klang zaghaft, ihre blauen Augen voller Unschuld. Ihr Vater hob sie noch höher und plötzlich begann ihre Mutter, sie wild zu kitzeln. Sie kreischte wie eine Todesfee, wand und drehte sich, um den gnadenlosen Fingern zu entkommen. Dann hörte das Kitzeln plötzlich auf und das Kreischen wurde zu Gekicher und Schluckauf.

    „Wie war das noch mal?“ Die Hände waren immer noch da. Sie strapazierte ihr Glück kein zweites Mal.

    „Ich soll das nicht“. sagte sie, sich immer noch windend. Ihr Gesicht wurde rot vom Nach-unten-hängen. Ihr Vater gab nach, drehte sie wieder um und stellte sie auf ihre Füße. Sie versuchte zu lächeln, bevor sie zur Tür hinaus flitzte. Es war höchste Zeit, den Rückzug anzutreten.

    Sie konnte sie alle über sie lachen hören, als sie in vollem Tempo den Gang hinunter rannte. Kurz bevor sie außer Hörweite war, hörte sie wieder Zhaan.

    „Eines ist sicher, wenn sie sich an Zeit und Raum zu schaffen machen *kann*, dann gnade uns die Göttin.“

    Als sie außer Reichweite war, bremste sie an der nächsten Kreuzung ab, strich sich das lange Haar zurück hinters Ohr und suchte beide Gänge ab. Ein DRD entdeckte sie und mit einem kleinen elektronischen Quieken drehte er sich um und eilte den Weg zurück, den er gekommen war. Sie lächelte, der Vorsprung war schon zu groß. Sie würde einen anderen, weniger aufmerksamen zum Spielen finden. Abendessen gab es erst in vier Arns.

    Sie hatte eine Menge Zeit.

    Ende
    ~-o~o~o-~
    I don't go out so much. So I read.
    (Pilot)
    Friends help you to move, real friends help you to move bodies. (John Crichton)

  3. #3

    Standard AW: "Verborgene Türen" - Endgültige Version

    Das langversprochene Feedback - ich gebe es hier anstatt auf der Mailingliste, um damit die Story nochmal ins Bewußtsein der potentiellen Leser zurückzuhieven, denn sie *verdient* es, gelesen zu werden:

    Eine sehr schöne Übersetzung. Sie liest sich sehr schön flüssig und poetisch wie das Original, auch wenn ich die beiden jetzt nicht im Detail verglichen habe. Ich habe noch ein paar kleinere Fehler entdeckt (fehlende Wörter, doppelte Wörter etc.) und in ein paar wenigen Fällen habe ich ein bißchen was an der Wortwahl auszusetzen, aber das maile ich Dir lieber persönlich, da es für die Leser hier wohl kaum von Bedeutung ist. Alles in allem ist diese Übersetzung jedenfalls wirklich eine beachtliche Leistung. Danke, daß Du dem deutschen Farscape-Fandom diesen Gefallen getan hast.

    Ist die Story eigentlich auch auf Farscape-Germany.de archiviert?

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