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Thema: FollowTheBox: Fantastische Empfehlungen

  1. #1
    Flinker Finger Avatar von Annorax
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    Standard FollowTheBox: Fantastische Empfehlungen

    Ähnlich wie bei "A GEEKs LiFE": Fanleben in den Welten von SciFi, Fantasy & Mystery" (Link) wird sich dieses Topic einer weiteren Kollumne der fictionBOX widmen, nämlich:
    "FollowTheBox: Fantastische Empfehlungen".

    Beginnen werden wir auch hier selbstverständlich mit der Ausgabe #1: "Die Tugend der Neu-Gier", verfasst von unserer Kollegin Christina Hansen alias Hmpf.

    Hier könnt ihr darüber diskutieren, den Artikel kommentieren, Feedback dazu geben...
    Wir wünschen euch viel Spaß!




    FollowTheBox #1
    Die Tugend der Neu-Gier

    von Christina Hansen

    Herzlich willkommen bei FollowTheBox. Wir sind angetreten, um der Neugier im phantastischen Genre zu ihrem Recht zu verhelfen.

    Zuerst eine Definition: wenn hier vom "phantastischen Genre" oder auch "der Phantastik" die Rede ist, so sind sowohl Science Fiction und Fantasy (auch in ihren dunkleren Varianten, einschließlich Horror) als auch ihre Grenz- und Übergangsbereiche gemeint. Das Wort "Phantastik" hat zwei Vorzüge: 1.) Es ist kürzer und daher tastaturschonender als der unschöne Sprach-Bandwurm "Science Fiction und Fantasy". Und 2.): es schließt auch Bereiche ein, die nicht so recht in die engeren Genregrenzen von Science Fiction und Fantasy, wie sie heute meist definiert werden, passen.

    Ebensowenig wie auf einen engen Genrebegriff wollen wir uns hier auf ein bestimmtes Medium festlegen. Ob Buch, Film oder Fernsehserie, Comic, Computerspiel oder Flash-Animation - egal, welche Form das Phantastische annimmt, wir kümmern uns darum.

    Doch zurück zur Neugier. Die Neugier ist von alters her eine der wichtigsten Tugenden der Phantastik. Vielleicht ist sie die Kardinaltugend der Phantastik schlechthin. Nicht selten ist eben sie es, die den Fan vom Durchschnittszuschauer/-leser unterscheidet: Die Neugier des Fans ist maßlos, ist wahre Neu-Gier - ein leidenschaftlicher Hunger nach neuen Ideen, neuen Erlebnissen, neuen Technologien, neuen Lebensformen, neuen Welten. Unsere eine, alltägliche Welt ist uns zu klein, wir denken immerzu im Konjunktiv. Was wäre wenn?

    Kein anderes Genre bietet einen ähnlichen Spielraum für neue Ideen, ein ähnliches Potential für Originalität, Abwechslung und Überraschungen wie das phantastische. Ob winzige Variation unserer Wirklichkeit oder umfassender alternativer Weltentwurf, ob unerklärliche Phänomene, hypothetische Technologien, oder fremdartige Wesen: Alles findet hier ein Zuhause. Die Phantastik kann sich Fragen widmen, die erst übermorgen - wenn überhaupt je - relevant werden und auch die abwegigsten philosophischen Probleme experimentell durchprobieren. Sie gibt unseren Träumen und Albträumen Gestalt und hat manchmal, so scheint es, einen direkten Zugang zu unserem kollektiven Unterbewußten. Sie liefert die besten und billigsten Trips diesseits von LSD und Marihuana. Die einzigen Grenzen, die sie kennt, sind die Grenzen der menschlichen Phantasie.

    Gleichzeitig steckt aber auch kaum ein anderes Genre so tief im Sumpf der Klischees, abgenutzten Ideen und nach Schema F gestrickten Endlosserien wie eben das phantastische. Im Lauf der Jahrzehnte haben sich bewährte Muster herausgebildet, die gerne immer wieder repliziert werden, weil sie jeder kennt und sie somit für Autoren wie für Konsumenten phantastischer Stoffe den Weg des geringsten Widerstands darstellen. Die Dominanz des Mainstreams ist so stark, daß es einem Leser oder Zuschauer, der sich nicht intensiv und ausdauernd der Suche nach außergewöhnlichem Material widmet, leicht so vorkommen kann, als ob der Mainstream schon die ganze Wahrheit sei.

    Begibt sich der wahrhaft Neu-gierige nun allerdings einmal auf die Suche nach Stoff, um seine Neu-Gier, also sein dringliches Bedürfnis nach neuen Ideen, Überraschungen, Erfahrungen, ja, nach dem Rausch des Phantastischen selbst zu befriedigen, so entdeckt er zunächst meist die große Unübersichtlichkeit des wuchernden Dschungels der Phantastik.

    Wo also anfangen? Wie einen Weg finden? Wie die Neu-Gier befriedigen? Wo verbergen sich die wahren Schätze?

    Hier kommen wir ins Spiel. Betrachtet uns als Pfadfinder, Fährtenleser, Führer im Dschungel der Phantastik. Mit Bücherstaub an den Fingern und mit Augen, die vom Fernsehen schon ganz eckig sind zeigen wir Euch den Weg. Unsere Maus ist unsere Machete. Wir wissen, welche Sehenswürdigkeiten man hier wirklich gesehen haben muß. Wir können Euch zu geheimen Tempeln und in abgelegene Täler führen, die kein Tourist je gesehen hat. Folgt uns. Vertraut uns.

    Und bringt Eure Neu-Gier mit.


    Quelle: FollowTheBox #1: "Die Tugend der Neu-Gier"
    Geändert von Dr.BrainFister (30.01.2007 um 23:32 Uhr)
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  2. #2
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    Standard AW: FollowTheBox: Fantastische Empfehlungen

    Zitat Zitat von Hmpf in "FollowTheBox" #1
    ... Hier kommen wir ins Spiel. Betrachtet uns als Pfadfinder, Fährtenleser, Führer im Dschungel der Phantastik. Mit Bücherstaub an den Fingern und mit Augen, die vom Fernsehen schon ganz eckig sind zeigen wir Euch den Weg. Unsere Maus ist unsere Machete. Wir wissen, welche Sehenswürdigkeiten man hier wirklich gesehen haben muß. Wir können Euch zu geheimen Tempeln und in abgelegene Täler führen, die kein Tourist je gesehen hat. Folgt uns. Vertraut uns. ...
    also, ich bin schon auf die nächste empfehlung gespannt, denn genau dieses "dschungel"-problem hab ich auch manchmal. sobald ich anfange, zu einem interessanten thema zu suchen, stoße ich auf unzählige verästelungen, die zu weiteren scheinbar spannenden pfaden führen...

    @hmpf
    wie hast du es eigentlich geschaft, dir fährtenlese-techniken für den phantastik-dschungel anzulernen?


    .
    "Wissen sie woraus der Leberkäs gemacht wird? Aus den Resten der Knackwurst. Und die Knackwurst? Aus den Resten vom Leberkäs. So geht das ewig weiter: Leberkäs, Knackwurst, Leberkäs, Knackwurst..." - Simon Brenner (Josef Hader) in "Silentium"

  3. #3

    Standard AW: FollowTheBox: Fantastische Empfehlungen

    Zitat Zitat von Dr.BrainFister
    @hmpf
    wie hast du es eigentlich geschaft, dir fährtenlese-techniken für den phantastik-dschungel anzulernen?

    Hauptsächlich durch Dranbleiben. ;-) Unendlich viele auf verschiedensten Foren, Rezensionsseiten, Amazon-Empfehlungslisten, Fanseiten usw. verbrachte Stunden. Ich mache mir auch viele Listen von Autoren, Titeln usw., die ich irgendwann mal genauer unter die Lupe nehmen muß, und da kristallieren sich irgendwann auch gewisse Muster heraus, z.B. werden bestimmte Autoren immer wieder von bestimmten anderen Autoren empfohlen usw. Na ja, und man entwickelt irgendwann einfach gewisse Instinkte, welche Fährten sich weiterzuverfolgen lohnen, wo man richtig gute Empfehlungen bekommt usw. Trotzdem entdecke natürlich auch ich immer wieder neue, ganz unerwartete Sachen - aber gerade da liegt ja der 'Thrill'.

    Im SF-Literatur-Bereich, der ja schon etwas älter ist und seine eigene Literaturgeschichtsschreibung hat, fand ich es anfangs (als relativer Neuling auf dem Gebiet) auch ganz hilfreich, mal die eine oder andere Geschichte der SF zu lesen, für den ersten Überblick. Entdeckungen lassen sich schließlich nicht nur in der Gegenwart machen.

  4. #4
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    Standard AW: FollowTheBox: Fantastische Empfehlungen

    Zitat Zitat von Hmpf
    ...Ich mache mir auch viele Listen von Autoren, Titeln usw., die ich irgendwann mal genauer unter die Lupe nehmen muß, und da kristallieren sich irgendwann auch gewisse Muster heraus, z.B. werden bestimmte Autoren immer wieder von bestimmten anderen Autoren empfohlen ...
    sowas mach ich auch. also zumindest notier ich mir regelmäßig tipps und bewahre das auf. aber ehrlich gesagt, greif ich darauf selten zurück. entweder packt mich davon dann was so sehr, dass ichs gleich will oder die notiz gerät oft wieder zusammen mit den viiielen anderen in vergessenheit.


    .
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  5. #5
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    Standard AW: FollowTheBox: Fantastische Empfehlungen

    update:
    wir haben das logo von "FollowTheBox" nochmal überarbeitet. der schriftzug wird jetzt auf einem wegweiserschild präsentiert. das soll symbolisieren, dass FTB, wie hmpf bereits so schön sagte, den weg durch den dschungel der phantastik weist.
    wurde in den bisherigen ausgaben hier im thread entsprechend ersetzt. auf der homepage wird das auch noch passieren.
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  6. #6
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    Daumen hoch AW: FollowTheBox: Fantastische Empfehlungen

    diesmal empfiehlt uns kollegin christina hansen (alias "Hmpf") eine ihrer neuen lieblingsserien...

    FollowTheBox #2: Im Vinyl-Himmel

    Zeitreisende Polizisten gibt es wie Sand am Meer.

    Na gut, das ist vielleicht ein klein wenig übertrieben. Doch so ganz taufrisch ist diese Idee in der Science Fiction wirklich nicht. B-Movies und TV-Serien haben wiederholt versucht, mit diesem Kunstgriff zwei populäre Genres, nämlich die Science Fiction und den Krimi, zu verbinden. Das Ergebnis war bisher selten wirklich sehenswert. Das britische Fernsehen, mit dem Klassiker Doctor Who seit vier Jahrzehnten Spezialist für Zeitreisegeschichten, hat jedoch kürzlich mit der herausragenden Zeitreise-/Krimiserie Life on Mars bewiesen, daß man diese beiden Genres durchaus mit Gewinn kombinieren kann. Und diese Woche kommen wir nun auch hier in Deutschland in den Genuß von alten Autos, Cordhosen mit Schlag, gemeingefährlich ausladenden Hemdkragen und viel Beige und Braun.

    Life on Mars ist eine Produktion der unabhängigen TV-Produktionsfirma Kudos sowie von BBC Wales, welches in den letzten zwei Jahren so viele Serien mit zeitreisenden Protagonisten an den Start schickte, daß man sich fragen muß, ob es irgendeinen Zusammenhang zwischen Wales und Zeitreisen gibt, der dem gemeinen Volk bisher verborgen blieb. (Meine walisische Freundin Rebecca verneint, doch vermutlich gehört sie bereits zu IHNEN und hat eine Zeitmaschine im Keller stehen.)

    Mit durchschnittlich sieben Millionen Zuschauern war die erste Staffel von Life on Mars der Überraschungserfolg des Jahres 2006 im britischen Fernsehen. Daß die Serie trotz ihrer verschrobenen Grundidee großen Anklang auch jenseits des Scifi-Ghettos fand, überraschte selbst deren Erfinder, die sieben Jahre vergeblich versucht hatten, ihre Idee an den Mann zu bringen, bevor sie in BBC Wales-Programmchefin Julie Gardener eine Frau fanden, die sich der Serie annahm. Eine zweite Staffel steht kurz vor der Ausstrahlung. Danach ist leider Schluß, was jedoch nichts mit mangelndem Erfolg, sondern mit der britischen Tradition kurzer, in sich abgeschlossener Serien zu tun hat.

    Worum geht es nun also in Life on Mars? Um einen zeitreisenden Polizisten natürlich. Oder vielleicht auch nur um einen sehr phantasiebegabten Polizisten mit extrem wilden Träumen. Oder möglicherweise ganz einfach um einen Polizisten, bei dem ein paar Schrauben locker sind.

    Detective Chief Inspector Sam Tyler ist jung, ehrgeizig und allem Anschein nach erfolgreich. Dienstvorschriften sind ihm heilig. Er trägt einen schnieken Anzug, hat ein Handy, ein Ipod, ein protziges Auto sowie eine hübsche und intelligente Freundin. Er ist glatt wie ein Aal und vielleicht auch genauso kalt.

    Life On Mars gibt uns nicht viel Zeit, Sam im Jahr 2006, seiner Gegenwart, kennenzulernen. Bereits nach wenigen Minuten der ersten Folge wird seine Freundin von einem Serienmörder gekidnappt. Sam bringt das etwas aus der Fassung; er vernachlässigt einen Moment lang die Vorsicht im Straßenverkehr und wird prompt von einem Auto angefahren. Zum Zeitpunkt des Unfalls läuft auf seinem Ipod gerade David Bowies Song "Life on Mars" - veröffentlicht 1973. Und in eben jenem Jahr findet sich Sam wieder, als er zu sich kommt. Verwirrt begutachtet er die Sünden gegen den guten Geschmack, in die er nun gekleidet ist, und als seien diese nicht schon schlimm genug, findet er sich auch noch degradiert - und unter dem Befehl eines Mannes, der die Polizeimentalität der Siebziger geradezu perfekt verkörpert.

    Detective Chief Inspector Gene Hunt, Sams neuer Vorgesetzter, hat seine Persönlichkeit getreu nach dem Motto modelliert, daß auf einen groben Klotz ein grober Keil gehöre. Sein bevorzugtes Argument sind seine Fäuste; wenn das nicht wirkt, schiebt er Verdächtigen konfisziertes Diebesgut unter, um einen Vorwand zu haben, sie einzubuchten. Er ist ungehobelt, korrupt, sexistisch, raucht wie ein Schlot und hat immer eine Flasche Scotch in der Schreibtischschublade. Da Sam weder Hunts Methoden gutheißen noch vergessen kann, daß er selbst bis vor kurzem dessen Rang inne hatte, geraten die beiden - ganz wie zwei Hunde, die um die Alpha-Stellung konkurrieren, wobei man sich für eine brauchbare Analogie Sam als Zwergpinscher und Gene Hunt als Dobermann vorstellen muß - immer wieder aneinander. Mit der Zeit entwickelt sich zwischen ihnen jedoch ein widerstrebender Respekt, denn sie erkennen, daß sie in vielen Situationen ein gutes Team bilden und vielleicht sogar voneinander lernen können.

    Life on Mars lebt sehr von seinen beiden gegensätzlichen Hauptfiguren, dem dauernden Kontrast zwischen ihren grundverschiedenen Mentalitäten und kulturellen Hintergründen. Daneben ist natürlich für Zuschauer über dreißig der Nostalgiefaktor nicht zu unterschätzen - hier ist insbesondere der mit Rockklassikern der Epoche gespickte Soundtrack zu erwähnen. Wie zu erwarten, gibt Sams Situation auch immer wieder Anlaß zu Humor, seien es Sams von seinen Kollegen mit Unverständnis empfangenen, da einige Jahre zu früh kommenden Star Wars-Anspielungen oder auch ganz einfach sein alltäglicher Kampf mit den Unbilden der Siebziger: dem Fehlen von PCs, Handys und anderen "lebensnotwendigen" Dingen, den ungewohnten Sitten und Gebräuchen und den ständigen Beleidigungen seines Sinnes für Ästhetik. (Sams erste Reaktion auf sein plüschig-tristes Zimmer im Jahr 1973 ist ein fassungsloses "Oh mein Gott.")

    Das emotionale Zentrum der Serie liegt allerdings in Sams unbegreiflicher Situation, die zumindest in der ersten Staffel nicht schlüssig erklärt und von Sam permanent hinterfragt wird. Wir haben es somit - bei allem Spaß - mit einem Protagonisten zu tun, der sich existenziellen Fragen stellen muß: Ist das, was ich sehe, real? Weshalb bin ich hier? Liege ich im Koma und träume? Bin ich verrückt?

    John Simm, der Sam Tyler spielt, verleiht der bizarren Situation durch seine überzeugende und oft herzzerreißende Darstellung von Sams Verwirrung, Angst und Wut eine unmittelbar nachvollziehbare emotionale Realität. Dadurch gewinnt die Serie Tiefe und Gewicht und hebt sich meilenweit von vielen anderen Zeitreisegeschichten ab. Seit Terry Gilliams 12 Monkeys haben wir keinen zeitlich deplazierten Helden mehr gesehen, der eine so glaubwürdige Reaktion auf den Kultur- bzw. Zeitschock zeigt.

    Und ähnlich wie in 12 Monkeys ist auch bei Life on Mars der Protagonist nicht der Einzige, der sich fragt, was denn nun eigentlich die Realität sei. Life on Mars steckt voller kryptischer Hinweise, aus denen die Fans der Serie auf Websites wie The Railway Arms die abenteuerlichsten Theorien basteln. Namen, Songtexte, Nummernschilder, Werbeplakate im Hintergrund, Geräusche, kurz aufblitzende Fernsehbilder - alles wird dort unters Mikroskop gelegt. Ist Sam ein Zeitreisender aus einer noch ferneren Zukunft? Ein geisteskranker Mörder mit einer gespaltenen Persönlichkeit? Das unwissende Testsubjekt eines Experiments außerirdischer Entführer? Der Star einer futuristischen Gattung von "Virtual Reality TV"? Oder vielleicht sogar schon längst tot? Und was will David Bowie uns mit den Lyrics von "Life On Mars" wirklich sagen?

    Meine favorisierte Theorie? In einer Szene der ersten Folge steht Sam vor einem Plattenladen mit dem Namen "Vinyl Heaven". Vielleicht ist Sam genau dort: im Vinyl-Himmel. Viele, allzu viele Details seiner Version des Jahres 1973 lassen sich auf Songtexte zurückführen - vom Vornamen seines Chefs bis hin zum Sand an der Hand seiner Kollegin Annie in einer entscheidenden Szene. Wo dieser Vinyl-Himmel nun allerdings ist - ob er eine tatsächliche, physische Realität hat oder nur in Sams komatösem Gehirn existiert, und ob Songs von David Bowie in der Welt von Life on Mars vielleicht tatsächlich die Kraft haben, einen Menschen, der ihnen - im Moment des Exitus? - lauscht, in die Vergangenheit zu befördern - wer weiß. Ich warte jedenfalls mit Spannung auf neue Hinweise und hoffe, daß viele Zuschauer am Samstag um 20:15 Kabel 1 einschalten, um Sam Tyler auf dem wahrhaft seltsamsten Trip seines Lebens zu begleiten.


    Den Artikel inklusive Bildern und weiterführender Links findet man unter:
    http://www.fictionbox.de/index.php?o...temid=88888910
    @hmpf
    ich bin selbst ganz vernarrt in diese serie! dein artikel bringt diese begeisterung echt super auf den punkt!

    .
    "Wissen sie woraus der Leberkäs gemacht wird? Aus den Resten der Knackwurst. Und die Knackwurst? Aus den Resten vom Leberkäs. So geht das ewig weiter: Leberkäs, Knackwurst, Leberkäs, Knackwurst..." - Simon Brenner (Josef Hader) in "Silentium"

  7. #7
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    Standard AW: FollowTheBox: Fantastische Empfehlungen

    in der 3. ausgabe von unserer fictionBOX-empfehlungskolumne "FollowTheBox" zeigt christina hansen (alias "Hmpf") leuten, die eigentlich keine mangas mögen, warum es sich doch lohnt, mal über den "telleraugenrand" zu schauen...
    FollowTheBox #3: Jenseits der Telleraugen

    Es kann frustrierend sein, Leuten in Deutschland Mangas näher zu bringen.

    Das ist zunächst einmal etwas überraschend, denn Mangas sind, vielleicht mit Ausnahme von Evergreens wie Mickey Maus und Asterix, mittlerweile die populärsten Comics in Deutschland. Trotzdem sprechen sie nur eine vergleichsweise eingeschworene, wenn auch zahlenmäßig recht starke Fangemeinde an. Dies ist eigentlich ein Jammer, denn diese Comics fernöstlicher Provenienz bieten wesentlich mehr - und oft auch anderes - als das, was man gemeinhin mit ihnen verbindet.

    Wer bereits einige oberflächliche Begegnungen mit japanischen Comics hatte, hat meist eine recht genaue Vorstellung davon, was ihn oder sie dort erwartet. Riesenroboter, komplexbeladene Jünglinge, zuckersüße Mädchen und anstrengende Kratzbürsten, ein wenig Magie und viel Herzschmerz, Schulmädchenuniformen, weichgespülte Erotik, Telleraugen, spitze Kinne und phänomenale Oberweiten, große Kanonen und gelegentliche Ultragewalt - dies sind wohl einige der häufigsten Assoziationen.

    Der Eindruck, daß mit diesen Begriffen das Wesen japanischer Comics hinreichend umschrieben sei, ist so falsch wie erklärlich. Wie die meisten populären Unterhaltungsformen haben auch Mangas ihre Klischees und Konventionen, und diese bestimmen das Bild in den Köpfen der meisten Menschen; doch wie so oft finden auch im Manga die wahren Leseabenteuer häufig ein wenig abseits der ausgetretenen Pfade statt. Weder thematisch noch zeichnerisch sind japanische Comics auch nur annähernd so einheitlich, wie es nach einem kurzen Blick auf das deutsche Angebot erscheinen mag.

    Ebenso wie in der angloamerikanischen und der europäischen Comickultur gibt es in Japan nicht nur den Mainstream, sondern auch Comicautoren, die in ihren Comics eine sehr persönliche Handschrift pflegen und originelle, ungewöhnliche Geschichten erzählen. Und selbst im Mainstream gibt es viel zu entdecken, denn die japanische Comiclandschaft beherbergt eine weitaus größere Vielfalt als der schmale Ausschnitt des deutschen Mangaangebots vermuten läßt.

    Die deutsche Mangaauswahl bietet überproportional viele Titel, die auf Kinder und Teenager ausgerichtet sind, während in Japan große Segmente des Angebots den Markt der erwachsenen Comicleser bedienen. Und da in Japan Science Fiction und Phantastik allgemein hoch im Kurs stehen, warten dort auch viele Schätze des phantastischen Genres auf ihre Hebung. Nur erreichen leider wenige davon unsere Gestade.

    Die meisten in Deutschland erscheinenden Mangas sind, wie schon gesagt, für ein jüngeres Publikum gedacht, und wie in jedem gut funktionierenden Teufelskreis werden durch das relativ homogene Angebot Lesererwartungen bestätigt und gefestigt, was wiederum zu einem Fortschreiten der Homogenisierung führt. Angebot kreiert Nachfrage - und umgekehrt. Dennoch versuchen die Verlage immer wieder einmal, eine der etwas ungewöhnlicheren, "erwachseneren" Serien in Deutschland zu lancieren. Bisher verkauften sich diese jedoch fast ausnahmslos dramatisch schlecht bis - bestenfalls - mäßig und wurden gelegentlich sogar vor dem Ende abgebrochen.

    Dabei sind es ironischerweise eben jene "erwachseneren" und für deutsche Verhältnisse "ungewöhnlicheren" Mangas, die das größte Potential hätten, ein Publikum jenseits des harten Kerns der Mangaleser anzusprechen. Sie sind meist stilistisch relativ stark an der westlichen Comicästhetik und allgemein an westlichen Sehgewohnheiten orientiert (oder doch zumindest damit recht kompatibel) und behandeln oft Themen, die auch Otto und Ottilie Normalleser interessieren könnten - seien es der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf oder die Jagd nach einem unheimlichen Serienmörder. Die Erzählweise ist oft stark von Film- und Fernsehkonventionen geprägt, so daß man gelegentlich den Eindruck hat, weniger einen Comic als eine Folge einer Fernsehserie in Standbildern vor sich zu haben, was diese Comics gerade für die "televisuell" geprägten Generation(en) zu einem optimalen Lesestoff machen sollte.

    Wir möchten hier in den nächsten Monaten in loser Folge diverse Titel aus dem im weitesten Sinne phantastischen Bereich vorstellen, die auch von Mangaskeptikern genossen werden können - weil diese Titel mehr Leser verdienen, und, was noch wichtiger ist: weil mehr Leser es verdienen, diese Titel zu entdecken.
    @hmpf
    auch in mir ist das telleraugen-klischee ziemlich tief verwurzelt. deine empfehlungen im forum und auch die reviews von kollege miroshima zeigten aber schon des öfteren, dass es mehr in diesem genre zu entdecken gibt. abseits der verschmähten klischees... bin gespannt, welche leckerbissen du uns präsentieren wirst.

    .
    "Wissen sie woraus der Leberkäs gemacht wird? Aus den Resten der Knackwurst. Und die Knackwurst? Aus den Resten vom Leberkäs. So geht das ewig weiter: Leberkäs, Knackwurst, Leberkäs, Knackwurst..." - Simon Brenner (Josef Hader) in "Silentium"

  8. #8
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    Standard AW: FollowTheBox: Fantastische Empfehlungen

    update:
    habe mal die 2 letzten ausgaben von "FollowTheBox" nachträglich hier eingefügt.

    .
    "Wissen sie woraus der Leberkäs gemacht wird? Aus den Resten der Knackwurst. Und die Knackwurst? Aus den Resten vom Leberkäs. So geht das ewig weiter: Leberkäs, Knackwurst, Leberkäs, Knackwurst..." - Simon Brenner (Josef Hader) in "Silentium"

  9. #9
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    Standard AW: FollowTheBox: Fantastische Empfehlungen

    Das Problem ist meines Erachtens, dass Mitteleuropa seit Kriegsende fast ausschliesslich mit Micky Maus, Superman, Asterix und Co aufgewachsen ist. Wir hatten 50 Jahre Zeit, uns an Zeichenstil und Storylines hauptsächlich amerikanischer Prägung zu gewöhnen. Das ist in uns drin und nur schwer wieder raus zu bekommen.
    Mangas geben (zwangsläufig automatisch) eine asiatische Sichtweise wieder, die sich hierzulande natürlich am leichtesten in den Köpfen derer festsetzt, die noch nicht zu sehr "geeicht" sind, eben bei Kinder und Jugendlichen. Die amerikanisierten Älteren werden damit ihre Probleme haben.:undecide:

    Ich sehs an mir selbst: ich hab versucht, mit Mangas "warm" zu werden, es ist mir nicht gelungen. Sie gehen einfach nicht an mich. Zum Trost kann ich aber sagen: der aktuelle amerikanische Zeichenstil geht ebenfalls nicht an mich. Die Darstellung geläufiger Superhelden ist mir einfach zu hektisch und videoclipmässig. Ich bin da irgendwie in den 80igern stehen geblieben.

  10. #10

    Standard AW: FollowTheBox: Fantastische Empfehlungen

    Zitat Zitat von Starcadet
    Das Problem ist meines Erachtens, dass Mitteleuropa seit Kriegsende fast ausschliesslich mit Micky Maus, Superman, Asterix und Co aufgewachsen ist. Wir hatten 50 Jahre Zeit, uns an Zeichenstil und Storylines hauptsächlich amerikanischer Prägung zu gewöhnen. Das ist in uns drin und nur schwer wieder raus zu bekommen.
    Also, für mein Empfinden sind wir in Europa mindestens so sehr von den französischen und belgischen Comics geprägt wie von amerikanischen, wenn nicht noch mehr.

    Mangas geben (zwangsläufig automatisch) eine asiatische Sichtweise wieder, die sich hierzulande natürlich am leichtesten in den Köpfen derer festsetzt, die noch nicht zu sehr "geeicht" sind, eben bei Kinder und Jugendlichen. Die amerikanisierten Älteren werden damit ihre Probleme haben.:undecide:
    Der springende Punkt bei meinem Artikel (und hoffentlich der bevorstehenden Artikelserie) ist eigentlich, daß die japanischen Comics bei weitem nicht so einheitlich sind, wie sie immer wahrgenommen werden. Weder thematisch, noch im Zeichenstil. Es gibt Mangas, die sehen fast wie französische Autorencomics aus, und welche, die aussehen wie amerikanische Independents... aber natürlich kommen die selten nach Deutschland, weil das Publikum hier einfach eine sehr feste Vorstellung davon hat, wie Manga auszusehen hat. Nämlich nicht so: http://www.kodanclub.com/db_img/0002...27_01_002R.gif. Und nicht so: http://koti.phnet.fi/otaku/jorina/r_puu.jpg. Und nicht so: http://i47.photobucket.com/albums/f1...mster/fr15.jpg. Und auch nicht so: http://comics.212.net/blackwhite-image.gif.

    Na ja, siehe Artikel. *seufz*

    (Allerdings sind die meisten Sachen, die ich vorstellen werde, *etwas* näher am 'typischen' Stil dran - in Deutschland erscheint ja kaum etwas anderes, und wenn man dann auch noch ganz gerne Comics mit SF- oder fantastischen Themen hätte, wird die Auswahl wahrlich klein.)

  11. #11
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    Standard AW: FollowTheBox: Fantastische Empfehlungen

    Zitat Zitat von Hmpf
    ...
    Na ja, siehe Artikel. *seufz*
    ...
    die macht der gewohnheit ist wohl eine der am schwersten zu bekämpfenden. hinzu kommt noch die schwemme an interessant erscheinenden medien... bücher, comics, animes, serien, filme, webcomics, flash-cartoons, podcastst, hörspiele, fanfiction, heftserien, youtube, flickr, del.icio.us, chat-rollenspiele usw. etc. ... dass da erstmal auf die gewohnheit zurückgegriffen wird, um zumindest einen einigermaßen "verlässlichen" sortiermechanismus (das bin ich gewohnt: super, nehm ich! / hmmm, is ungewohnt: nee, erstmal nicht!), ist für mich schon wieder nachvollziehbar, wenn auch schade. jedoch denke ich, dass "aufklärungs-arbeit" wie du und viele andere "geeks" sie leisten kann, einen wichtigen teil dazu beiträgt, mut zu machen, den blick über den teller(augen)rand doch etwas weiter schweifen zu lassen...


    .
    "Wissen sie woraus der Leberkäs gemacht wird? Aus den Resten der Knackwurst. Und die Knackwurst? Aus den Resten vom Leberkäs. So geht das ewig weiter: Leberkäs, Knackwurst, Leberkäs, Knackwurst..." - Simon Brenner (Josef Hader) in "Silentium"

  12. #12

    Standard AW: FollowTheBox: Fantastische Empfehlungen

    Zitat Zitat von Dr.BrainFister
    dass da erstmal auf die gewohnheit zurückgegriffen wird, um zumindest einen einigermaßen "verlässlichen" sortiermechanismus (das bin ich gewohnt: super, nehm ich! / hmmm, is ungewohnt: nee, erstmal nicht!)
    Ich bin da irgendwie merkwürdig. Bei mir geht der Sortiermechanismus eher so: Sieht bekannt aus/bin ich gewohnt: ach nö, zu öde. Sieht neu, unbekannt und überraschend aus: au ja, her damit!

    Aber deswegen bin ich hier ja auch der Scout im Mediendschungel.

    *g*

  13. #13
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    Daumen hoch AW: FollowTheBox: Fantastische Empfehlungen

    Zitat Zitat von Hmpf
    Ich bin da irgendwie merkwürdig. Bei mir geht der Sortiermechanismus eher so: Sieht bekannt aus/bin ich gewohnt: ach nö, zu öde. Sieht neu, unbekannt und überraschend aus: au ja, her damit!
    meiner funktioniert vor allem genauso. vor allem beim essen. wobei ich da immer noch den winterspeck loswerden will und leider nicht mehr allzu oft "auja, her damit!" rufen darf.

    Aber deswegen bin ich hier ja auch der Scout im Mediendschungel.
    *g*
    hmpf-medienscout24.de = web 2.0 at it´s best!

    .
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  14. #14
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    Standard AW: FollowTheBox: Fantastische Empfehlungen

    @Hmpf
    In Deutschland assoziieren wir mit belgischen (und französischen) Comics hauptsächlich nur einen...und zwar den Asterix. Der ganze Rest konnte sich hier in der breiten Masse bis auf verhältnismässig wenige Ausnahmen einfach nicht durchsetzen. Das Material, welches früher (und teilweise heute noch) z.B. vom Carlsen-Verlag auf den Markt gebracht wurde/wird, war/ist doch eigentlich nur was für den finanzkräftigen, etwas elitären Comicleser mit gewissem Anspruch. Ist schon lustig, dass Serien, die es im Nachbarland an jedem Kiosk zu kaufen gibt, hierzulande plötzlich nur als Super-Luxus-Hardcoverausgabe zu haben sind.

    Zu meiner Jugendzeit war durch und durch amerikanisches Material von Disney, Marvel und DC angesagt. Für Franzosen und Belgier hat sich kaum einer interessiert, zumal es die auch nicht (bis auf Asterix) am Kiosk um die Ecke zu kaufen gab.
    In den 90igern kam dann wohl der grosse Knick und die Jugend ist mit wehenden Fahnen zu den Mangas umgeschwenkt. Eine neue Generation mit ebenso neuen Interessen, auch in Sachen Comics.

    Ich persönlich halte es da mit den Klassikern. Es geht ja nix über nen schönen originalen Donald Duck-Comic von Carl Barks (oder allerhöchstens noch Don Rosa).

  15. #15
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    Standard AW: FollowTheBox: Fantastische Empfehlungen

    Vermutlich braucht Brainy noch etwas um es zu bemerken, aber Ausgabe 4 ist gerade online gegangen.
    Diesmal mit einem kurzen Einleitungssatz und Abstand nach unten. Dafür aber mit viel, viel Inhalt. Oder um die Mutter der bösen Wissenschaftlerin Narbonic zu zitieren: "He, he, he, he."
    Ad Astra

  16. #16
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    Standard AW: FollowTheBox: Fantastische Empfehlungen

    In der 4. ausgabe unserer fictionBOX-Empfehlungskolumne "FollowTheBox" begleitet uns diesmal Christian Spließ (alias Prospero) durch den Phanastik-Dschungel und zeigt uns dort einen ganz besonderen Serienschatz aus Kanada...
    FollowTheBox #4: Die Pfeil und Wogen des Geschicks
    Die kanadische Serie "Slings and Arrows"


    Theater, das Leben und ein Geist - die Serie "Slings and Arrows" beweist, dass gute Unterhaltung nicht nur aus den Staaten kommen muss.

    New Burbage – eine Stadt in Kanada. Gerade ist die Inszenierung von Shakespeares „Sommernachtstraum“ im Gange – das renommierte Theater ist der Ort für das „New Burbage Theatre Festival“ und in den letzten Jahren ziemlich gewachsen. Während Regisseur Oliver Wells im Hintergrund die Aufführung per TV überwacht, schaltet der Hausmeister auf einen aktuellen Fernsehsender um und Oliver erblickt das Gesicht von Geoffrey Tennant, den gerade Polizisten von seinem „Theater sans d'argent“ - ein No-Budget-Theater im wahrsten Sinne des Wortes – im wahrsten Sinne des Wortes loseisen müssen. Ein Bild, dass Oliver zum Nachdenken bringt.
    Früher einmal haben Oliver und Geoffrey ein Dream-Team abgegeben. Eine Produktion von „Hamlet“ am Burbage Theatre war der Höhepunkt ihrer beiden Karriere – und der von Ellen, die Geoffrey geliebt hat. Doch während einer Aufführung von „Hamlet“ wurde Geoffrey wahnsinnig. Nach einiger Zeit in der Geoffrey in Behandlung war hat er sich wieder gefangen. Oliver, der sich an die Zeit erinnert in denen alle drei auf dem Höhepunkt ihrer Karriere waren, voll Feuer und voller Energie blickt auf seine Inszenierung des „Sommernacht-Traums“ und erkennt, dass irgendetwas grundlegend falsch gelaufen ist. Seit Jahren ist das New Burbage Theatre ein Konsumtempel mit Inszenierungen, in die man laut den Kritikern „reinschlüpfen kann wie in alte Hausschuhe“.
    Deprimiert und betrunken ruft Oliver am Premierenabend Geoffrey an und versucht ihm zu erklären, was er fühlt – etwas was bei Geoffrey, der gerade sein Theater verloren hat nun ganz und gar nicht gut ankommt, sehen wir mal von den Wunden ab, die offenbar noch nicht verheilt sind. Währen Geoffrey genervt den Hörer auf Gabel wirft, wird Oliver bewußtlos – und von einem Truck überfahren.

    Was, so mag sich der Leser dieser Kolumne fragen, hat „Slings and Arrows“ bisher mit Phantastik zu tun? Das klingt nach einer interessanten Dramaserie, sicher, aber phantastische Elemente waren ja bisher nicht vorhanden – was also macht diese Serie in diese Kolumne?
    Gemach, gemach – wir haben ja bisher nur den Piloten der Serie etwas genauer angesehen, denn der Kniff kommt ja erst in der zweiten Folge: Olivers Begräbnis zwingt Geoffrey in seiner alten Wirkungsstätte aufzutauchen. Auch noch jemand taucht auf, der eigentlich nicht auftauchen kann: Geoffrey sieht und hört Oliver, seinen alten Mentor. Nun, Geoffrey war schon mal wahnsinnig und von daher könnte Oliver durchaus eine Imagination seines Verstandes sein. Oder ist Oliver tatsächlich wie „Hamlets“ Vater „verurtheilt eine bestimmte Zeit [...] herum zu irren, und [...] in Flammen zu schmachten, bis die Sünden meines irdischen Lebens durchs Feuer ausgebrannt und weggefeget sind“ wie es Christoph Martin Wieland in seiner Prosaübersetzung der achten Szene des ersten Aufzugs formulierte?

    Dies ist eine Frage, die sich der Zuschauer durchaus stellt und die erst gegen Ende der dritten, der letzten Staffel wirklich beantwortet wird. Bis dahin ist man im Ungewissen – wenn allerdings Oliver nur eine Einbildung von Geoffrey sein sollte, so müsste dieser auf dem Stand der „Hamlet“-Aufführung stehengeblieben worden sein. Was er ja wohl nicht ist wenn man den Dialogen der Beiden folgt. Oder ist das wirklich eine perfekte Neuerschaffung aus Geoffreys Verstand? „Es gibt mehr Ding' im Himmel und auf Erden, / Als Eure Schulweisheit sich träumt, Horatio.“ Das bekannte Zitat in der Schlegel-Übersetzung ist hier durchaus anwendbar. Doch nicht nur, dass Oliver auf einmal auftaucht, nein, Geoffrey sieht sich auf einmal in die Rolle des Künstlerischen Direktors gedrängt – zumindest bis auf Weiteres – und soll ausgerechnet das Stück inszenieren was ihn damals in den Wahnsinn trieb: „Hamlet“. Wenn das mal nicht Ironie des Schicksals ist...
    Was weitere Probleme mit sich bringt: Denn Richard, derjenige der für Finanzen und Management zuständig ist, hat wegen der Publicity einen jungen Schauspieler engagiert der sich bisher eher in Action-Filmen hervorgetan hat – die haben bekanntlich keine sehr fordernden Dialoge geschweige denn Anforderungen an den Schauspieler außer eventuell ein gutes Aussehen und die Gabe, zur rechten Zeit sich vor Explosionen zu ducken und den Abzug einer Waffe zu ziehen. Dazu spielt Geoffreys frühere Freundin – oder vielleicht immer noch Freundin? - die Rolle Gertrudes, Hamlets Mutter und ihr ist es gar nicht recht, dass Geoffrey auf einmal wieder da ist. Und da gibt es im Hintergrund noch den Machtkampf, der sich bei den Mitgliedern des Boards abspielt; dort ist ein Coup d'etat geplant mit dem eine der Investorinnen die Macht an sich reißen und das Gelände in einen Shakespeare-Themenpark verwandeln möchte – es gibt also immer noch eine Stufe der Kommerzialisierung, die man nicht erreicht hat. Aus diesen Situationen mit ihren verschiedenen Beziehungsgeflechten entwickelt sich im Laufe der ersten Staffel eine Handlung, die den Zuschauer einige skurrile Situationen, Dramatik und vor allem eins zu bieten hat: Sympathische Charaktere mit denen man mitfiebern kann.

    Mit der Frage ob Geoffrey, der bekanntermaßen schon in der Vergangenheit verrückt war, sich Olivers Erscheinen nur einbildet ist „Slings and Arrows“ durchaus im Rahmen dessen was man Phantastik nennt – und mit der Frage natürlich nah an Serien wie „Six Feet Under“ oder „Life on Mars“ - in beiden Serien sprechen entweder die Toten, bei „SFU“ ist allerdings recht bald klar dass sie die Stelle des Gewissens einnehmen wenn der Charakter vor schwerwiegenden Entscheidungen steht oder nachdenkt, das trifft auch auf „Rescue Me“ zu, während bei „LOM“ bisher nicht klar ist ob Sam Tyler nicht doch vielleicht wahnsinnig ist und in einer Anstalt liegt. Die Imagination, das Eingebildete versus die Realität zu stellen ist dann ebenfalls ein Themenbereich, der in etlichen Serien aufgegriffen ist – allerdings nicht in „S&A“. Oder etwa doch? Schließlich ist die Bühne ja auch etwas auf dem die Schauspieler für den Zuschauer eine andere Realität erschaffen, wenn man sich hier auch stets bewußt ist dass dies dort vorne nur Schauspieler sind, die eine Rolle spielen. Und dass das Leben nur eine Bühne ist, greift Shakespeare ja des öfteren in seinen Werken auf, so wenn MacBeth in der Tieck-Übersetzung sagt: „Leben ist nur ein wandelnd Schattenbild, / Ein armer Komödiant, der spreizt und knirscht / Sein Stündchen auf der Bühn und dann nicht mehr / Vernommen wird; ein Märchen ists, erzählt / Von einem Blödling, voller Klang und Wut, Das nichts bedeutet.“ Und MacBeth taucht vielleicht nicht zu Unrecht in der zweiten Staffel der Serie auf, man vergegenwärtige sich mal die Szene, in der MacBeth Bancos Geist beim Bankett sieht.
    In „S&A“ liegt der Focus allerdings nicht unbedingt auf der Frage ob Oliver, der seinen Zustand auch nicht gerade toll findet und sich fragt warum er eigentlich in dieser „Twilight Zone“ feststeckt anstatt direkt in den Himmel oder die Hölle oder was auch immer danach kommt zu verschwinden, nun Geist oder Imagination ist – was in der dritten Staffel eindeutig geklärt wird. Nein, bei „S&A“ liegt der Focus, wie bei allen guten Serien eigentlich auf den Charakteren. Davon hat die Serie nun eine Menge zu bieten. Sei es Richard, der Management-Leiter, der in den drei Staffeln diverse Seitenwege beschreitet – in der dritten Staffel sogar ein Musical inszeniert, was man in der ersten nun nicht gerade erwartet – Ellen, die Freundin von Geoffrey, die hin- und hergerissen ist zwischen ihren Gefühlen ist, sowohl in der ersten als auch in der zweiten Staffel und erst in der dritten Frieden mit Geoffrey schließen kann. (Sehen wir man davon ab, dass es in der dritten Staffel eine entzückende Referenz an billigproduzierte Fernseh-SF-Serien gibt, einfach wundervoll.) Neben den drei konstanten Charakteren, die immer dabei sind, haben die drei Staffeln in sich natürlich andere Problematiken: Während es in der ersten darum geht aus einem Action-Darsteller einen veritablen Hamlet zu machen widmet sich die zweite Staffel „MacBeth“ und Geoffrey hat es hier mit einem sehr widerspenstigen MacBeth-Darsteller zu tun – abgesehen mal davon, dass hier nochmal Oliver eine bedeutende Rolle spielt, schließlich hatte er vor seinem Tod sich obssesiv mit dem Drama beschäftigt und eine Menge von Notizen, Anleitungen, ja ein komplettes Bühnenbild hinterlassen. Die dritte Staffel nun widmet sich „King Lear“ und erklärt endlich warum Oliver eigentlich noch immer im Limbo weilt – und ja, auch die Frage ob er ein Geist ist oder nicht, ich erwähnte es schon, und zeichnet das Porträt eines alten, widerspenstigen Schauspielers, der das gesamte Team anzischt – wobei Geoffrey weiß, dass dieser nur noch wenige Monate zu leben hat und krank ist. Überdies geht es am Rande auch um den Konflikt zwischen Theater und Musical – und zentral um die Frage wie man mit Niederlagen umgeht.
    Wobei sich die Serie vielleicht gerade deswegen den Charakteren so widmet weil sie nicht gerade von Effekten strotzt – dass Oliver ab und an mal auftaucht ist schon das Höchste der Gefühle aber Effekte sind unwichtig wenn die Geschichten, die erzählt werden in sich stimmig sind. Und das sind sie – nicht nur bei den Hauptpersonen sondern auch bei den Nebenfiguren.

    Die drei Staffeln zu je knapp 45 Minuten mit 6 Folgen sind aber auch noch aus einem anderen Grund ein Genuß – folgen sie doch im Grunde einem übergeordneten Muster: Die erste Staffel dient der Einführung der Charaktere und der Figuren, der Situationen in denen sie stehen und sich befinden – die zweite Staffel exponiert diese Konflikte, die in der ersten Staffel vorhanden waren – ein Beispiel wäre die Beziehung zwischen Ellen und Geoffrey, aber auch die zwischen dem Regisseur Nigel und Geoffrey, dieser kann Nigel nicht ausstehen – und in der dritten Staffel, in der „King Lear“ als Drama eine Rolle spielt und dies nicht zufällig mit der Darstellung des alternden Schauspielers, der ebenfalls droht in den Wahnsinn abzugleiten korreliert – dieser Niedergang, der während der Staffel vorhanden ist und den die Macher konsequent durchziehen löst schlussendlich die Beziehungsknoten auf, die in der ersten Staffel gelegt worden sind. Das Ende, um es hier dann doch vorwegzunehmen mag auf den ersten Blick nicht das sein was man „glücklich“ nennt – Ellen und Geoffrey sind keineswegs ein Paar, Geoffrey hat seinen Posten am New Burbage verloren und wird sich voraussichtlich wieder seinem „Theatre sans d'argent“ widmen, Oliver hat seine Ruhe gefunden und alles in allem ist es ein Ende, dass keineswegs dem typischen Hollywoodklischee entspricht. Doch sind die Charaktere nach den Ereignissen andere, haben Erfahrungen gesammelt und schlussendlich scheinen sie wenn die letzten Minuten der letzten Folge der dritten Staffel angebrochen ist doch glücklich mit dem zu sein, was sie erreicht haben. Insofern ist es dann doch ein glückliches Ende. Oder?

    Was „Slings and Arrows“ ebenfalls auszeichnet ist die Art und Weise in der die Dramen Shakespeares aufgenommen werden – sehen wir mal davon ab dass man mehrere Szenen der New Burbage Inszenierungen sieht und in der dritten Staffel es sich nicht mehr ausschließlich um Shakespeare dreht.
    So ist die Frage, ob es Regeln für die Erscheinung von Oliver gibt durchaus eine, die auf Shakespeare rekurriert – anders als Hamlets Vater, der am Tag im Fegefeuer schmachten muss und nur in der Nacht für eine Stunde zwischen Mitternacht und ein Uhr frei ist über die Erde zu gehen ist das Erscheinen von Oliver durchaus willkürlich. Er taucht auf und verschwindet ohne dass er selbst einen Grund angeben kann warum, wie und weshalb. Auf Hamlet selbst wird dann ja in der ersten Staffel noch ausreichend Bezug genommen – Oliver als Geist hat durchaus die Rolle des Mentors, des „Vaters“ während der Serie, Geoffrey selbst war das, was Hamlet ja nur vorgibt zu sein, nämlich wahnsinnig und wenn auch Ellen nicht gerade den Vater Geoffreys geheiratet hat so ist der Grund für seinen Wahnsinn durchaus in dieser Richtung zu suchen. Was man Ende der ersten Staffel auch in einer sehr bewegenden Szene erfährt.
    Ein Schauspieler, der sich von Geoffrey in der zweiten Staffel nichts sagen lässt, ebenso Ellen, die gegen Geoffrey aufbegehrt und die Beziehung der Beiden, die am Ende der ersten Staffel nach einem Happy-End aussah, alles andere als harmonisch verläuft – die Thematiken die „MacBeth“ behandelt sind auch in der zweiten Staffel reflektiert und werden von den Autoren aufgenommen. Vielleicht nicht so stark wie in der ersten Staffel – man mag sich streiten ob der finanzielle, geschäftssüchtige Aspekt, der in Richard erwacht und das Theater beinahe in den Ruin treibt nun ein Widerhall von Lady MacBeths grenzüberschreitendem Ehrgeiz ist. Doch ist der Geist von „MacBeth“, diesem verfluchtem Stück dass die Theaterleute zuerst überhaupt nicht begeistert aufnehmen – der Aberglaube besagt, dass etwas mit diesem Stück nicht stimmt und Unheil droht wenn es gespielt wird – durchaus während der zweiten Staffel zu spüren.
    Stärker an „King Lear“ und dem Thema des Zerfalls und des Niederganges angelehnt ist dann die dritte Staffel in der die Autoren es wagen, das bisher stets im dritten Teil der Staffel herumgerissene Steuer nicht herumzureißen und kein „glückliches“ Ende herbeizuschreiben. Wie Lear selbst ist der Schauspieler, der ihn darstellt alles andere als ein „nette Persönlichkeit“: Aufbrausend, beleidigend, zornig und erst gegen Ende der Staffel stellt sich etwas wie ein Milde ein. Geoffrey muss diesmal an allen Fronten kämpfen – einerseits versucht er immer noch Ellen zurückzugewinnen, andererseits geht ihm Oliver, der in der dritten Staffel allmählich ebenfalls sein Geister-Dasein satt hat, auf die Nerven und darüberhinaus muss der die Produktion noch gegen das Musical verteidigen, dass Richard unter die Fittiche genommen und zu einem Erfolg macht. Immerhin etwas, was Richard tatsächlich hinbekommt, aber darüberhinaus vernachlässigt er diesmal das Management des Theaters komplett und schließt sich mit einem Haufen von Musical-Schallplatten – ja, tatsächlich Vinyl – in sein Büro ein um „Recherchen zu betreiben“.

    „Slings and Arrows“ ist der Beweis dafür, dass man auch mit wenig Budget, dafür allerdings großartigen Schauspielern und guten Drehbuchautoren eine Serie auf die Beine stellen kann, die einerseits tatsächlich in das Gebiet der Phantastik spielt, andererseits aber demjenigen, der so gar nichts mit Geistern anfangen kann genügend Stoff zum Amüsieren bildet. Dass die Serie dabei durchaus eigene Wege geht klingt schon in den drei Theme-Songs an. Kritisch und ironisch beleuchten diese nämlich die jeweiligen Shakespeare-Stücke – und dafür reichen ein Klavier und zwei ältere Schauspieler, deren Homosexualität übrigens – ebenfalls etwas, was die Serie auszeichnet – zwar mal ab und an erwähnt wird, aber es wird kein großes Bohei drum gemacht, da scheint Kanada durchaus weiter zu sein als andere Länder der Welt. „The World is a stage of entertainment“ heißt es in einem alten Musical-Hollywood-Song. Im Falle von „Slings and Arrows“ kann man das noch erweitern: „The TV is a stage of entertainment“.

    Die ersten zwei Staffeln der Serie sind schon für knapp 20,- Euro zu haben, Bonusmaterial ist etwas spärlich und Untertitel gibt’s leider auch nicht. Aber das kanadische Englisch ist gut verständlich und da kein Technobabbel a la Star-Trek oder Stargate vorkommt kann man die Serie auch ganz gut verfolgen.
    @prospero
    noch eine serie, die ich mir vormerken muss! davon hatte ich bis zu deinem artikel sehr wenig gehört. also anscheinend noch ein geheimtipp!

    gestern war ich kaum online, deshalb bemerkte ich deinen neuen beitrag zu FollowTheBox erst jetzt. schön, dass du dich an "unseren plan" gehalten hast! von chrichton lernen heißt schließlich siegen lernen... hüstel.
    mich hatte es nur ein wenig verwirrt, dass du im "A GEEKs LiFE"-thread von deinem neuen beitrag geredet hattest. aber egal, wie durcheinander ich nun gewesen bin, die 4. "FollowTheBox" ist wieder geglückt und eine ganz besondere "versteckte perle" im phantastik-dschungel!

    .
    "Wissen sie woraus der Leberkäs gemacht wird? Aus den Resten der Knackwurst. Und die Knackwurst? Aus den Resten vom Leberkäs. So geht das ewig weiter: Leberkäs, Knackwurst, Leberkäs, Knackwurst..." - Simon Brenner (Josef Hader) in "Silentium"

  17. #17
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    Standard AW: FollowTheBox: Fantastische Empfehlungen

    AFollowtheGeeksLifeBox halt... Da kommt man schon durcheinander.
    Tja, siehste mal - die Hardcorefans tummeln sich halt im Subferienfandom. (Hmm, müsste ReGenesis nicht schon längst wieder losgelegt haben mit der dritten? Und "Outrageous Fortune" aus Neuseeland klingt nett... Mal gucken wo ich DAS herkriege. *g*)
    Ad Astra

  18. #18
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    Standard AW: FollowTheBox: Fantastische Empfehlungen

    Ausgabe 5 unserer Empfehlungs-Kolumne "FollowTheBox" setzt mit einem Einblick in die Mangaserie "Homunculus" (von Hideo Yamamoto) Christina Hansens (Nickname: Hmpf) Reihe rund um Mangas, die auch für Leute interessant sind, die Mangas eigentlich nicht mögen, fort! Genau das richtige für alle, die ein weiteres mal einen Blick über den Telleraugenrand wagen wollen:
    FollowTheBox #5: Homunculus

    Susumu Nakoshi lebt zwischen zwei Welten. Auf der einen Seite ein Luxushotel. Auf der anderen ein Park, in dem Obdachlose ihre Zelte aufgeschlagen haben. Zwischen diesen beiden Polen findet Nakoshis prekäre Existenz statt. Er schläft in Embryonalhaltung auf dem umgelegten Beifahrersitz seines Autos und läßt in kalten Nächten den Motor im Leerlauf, um zu heizen. Morgens putzt er sich die Zähne am Brunnen im Park. Sein Äußeres ist – noch – leidlich gepflegt: vielleicht etwas unrasiert, doch Anzug und Mantel sind noch gut in Schuß und verraten, daß ihr Besitzer diesen Lebensstil noch nicht allzu lange pflegt.

    Zu den Obdachlosen ist Nakoshi freundlich und bringt ihnen gelegentlich eine Flasche Sake vorbei, dann laden sie ihn zum Essen ein. Nach dem Essen geht er auf die öffentliche Toilette im Park und erbricht das soeben verzehrte Mahl wieder. Man ahnt, daß es sich dabei um einen symbolischen Akt handelt.

    Was den Protagonisten von Hideo Yamamotos Mangaserie "Homunculus" zu seinem ungewöhnlichen "Lebensstil" getrieben hat, erfahren wir nicht. Nakoshi selbst ist in dieser Hinsicht nicht zu trauen: Er ist ein pathologischer Lügner und erzählt jedem Fragenden eine andere Geschichte. Er scheint völlig losgelöst von jeglicher Gesellschaft, ein freiwilliger(?) Außenseiter selbst unter Außenseitern. Bezeichnenderweise ist die einzige Beziehung, die in seinem gegenwärtigen Leben von Bedeutung zu sein scheint, die zu seinem Auto. Mit dem winzigen Wagen verbindet ihn eine Art Symbiose.

    Es ist zu vermuten, daß Nakoshi den Parkplatz seines mobilen Domizils sehr bewußt gewählt hat: Er symbolisiert im Räumlichen einen existenziellen Zwischenzustand, eine Phase des Übergangs, des Zweifels, möglicherweise auch der Suche. Das Luxushotel versinnbildlicht – vielleicht - Nakoshis Vergangenheit; der Park eine mögliche Zukunft.

    Nakoshi scheint kaum Bedürfnisse zu haben, doch als ihm eines Tages das Benzingeld ausgeht und kurz darauf auch noch sein Auto abgeschleppt wird und nur durch Zahlung einer Strafgebühr zurückzugewinnen ist, steckt er in der Klemme. Deshalb geht er auf das Angebot eines exzentrischen Medizinstudenten ein, gegen Bezahlung eine experimentelle Trepanation an sich vornehmen zu lassen. Die Trepanation ist eine der ältesten Operationen der Menschheitsgeschichte, nachweisbar bereits an menschlichen Überresten aus der Steinzeit. Bei der Prozedur wird dem Patienten ein kleines Loch in den Schädel gebohrt. Dies führt zu einer Reduzierung des Schädelinnendrucks und somit zu einer besseren Durchblutung des Gehirns und - so der Medizinstudent - manchmal angeblich auch zu übersinnlichen Fähigkeiten. Um diese übersinnlichen Fähigkeiten geht es bei seinem (natürlich völlig inoffiziellen) Experiment.

    Übersinnliche Fähigkeiten traditioneller Art gewinnt Nakoshi zwar keine - eine ganz neue Art der Wahrnehmung eröffnet sich ihm aber durchaus. Worin diese besteht, möchte ich hier nicht vorwegnehmen. Nur soviel: Nakoshis neue Fähigkeit bietet dem Zeichner die Gelegenheit zu wahrhaft surrealen Bildern, und Nakoshi selbst zu einer nicht unbedingt willkommenen Erkundung seines eigenen Seelenlebens.

    Eigentliches Thema von "Homunculus" sind die Unbehaustheit, Selbstentfremdung und Neurosen der Menschen in der modernen japanischen (und vielleicht im weiteren Sinne auch allgemein der modernen) Kultur. Dieses Thema wird schon in Nakoshis Lebenssituation deutlich, und wird vertieft, als Nakoshis Wahrnehmung sich verändert, wobei der Zeichner und Autor Hideo Yamamoto zu phantastischen, traumartigen Bildern greift, um die psychischen Deformationen seiner Protagonisten zu verdeutlichen.

    Der Zeichenstil selbst ist relativ naturalistisch: Unnatürlich große Augen oder bis ins anatomisch Unmögliche verlängerte Gliedmaßen sucht man hier vergebens. Gewöhnungsbedürftig für Mangaskeptiker und -neulinge dürften allenfalls die etwas seltsamen, typisch japanischen Soundwords sein, die auch gerne für Handlungen eingesetzt werden, die eigentlich kein Geräusch machen, so z.B. das Hochziehen eines Mundwinkels (hier: „ziii“. Manga-Fakt am Rande: im Manga-Soundwordschatz gibt es sogar ein Soundword für Stille.)

    Die Mangaserie "Homunculus" von Hideo Yamamoto ist in Japan mit sieben Bänden noch nicht abgeschlossen und in Deutschland mit bisher drei Bänden bei Egmont Manga und Anime (EMA) erschienen. Die Bände erscheinen circa im Dreimonatsrhythmus, der nächste ist im Mai zu erwarten.


    Den Artikel inklusive Bildern und weiterführender Links findet man unter:
    http://www.fictionbox.de/index.php?o...temid=88888910



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    .
    Geändert von Dr.BrainFister (02.04.2007 um 21:10 Uhr)
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