Das verstehe ich nicht
Thilo Sarrazins Buch Deutschland schafft sich ab ist bildungsfern, fortpflanzungsfreudig und viel zu dick. Warum wird es dann von Bild und Spiegel abgedruckt?
Es ist ein unlesbares Buch. Und das zunächst nicht aus inhaltlichen Erwägungen, sondern wegen seiner erstaunlich schlampigen Komposition. Sarrazin feuert ein gut 400 Seiten andauerndes Stakkato desselben bescheidenen Zahlenmaterials ab; manche Statistiken wiederholen sich im Lauf des Buches über zehn Mal. Er schreibt Sätze, die im exakten Wortlaut drei Seiten später noch einmal vorkommen; die englischsprachigen Zitate strotzen vor Fehlern, jedes »its« wird zum »it’s«, genauso wie auch die Namen der herbeizitierten Wissenschaftler (wie viele Patzer erträgt der Name »Claude Lévi-Strauss«?) In einem PISA-Test für Sachbücher läge Deutschland schafft sich ab ungefähr auf dem Platz von Bremen, was seine Lesbarkeit und die Sorgfältigkeit des Lektorats betrifft.
Dieses Buch ist ein wucherndes Gebilde: in seiner Fehlerhaftigkeit überraschend bildungsfern, in seiner Dickleibigkeit fast adipös, dabei allerdings so fortpflanzungsfreudig, dass der Argumentationskeim eines Kurzreferats zu einem Riesenwälzer angewachsen ist. Nimmt man noch die Perspektive des Erzählers hinzu, die es an Verengung mit dem Augenschlitz einer Burka lässig aufnehmen kann, gleicht Thilo Sarrazins Buch eigentlich exakt seinem Feindbild: ein übergewichtiger, fertiler Religionsfanatiker.
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