Eine Rezension in der SZ:
Das verstehe ich nicht

Thilo Sarrazins Buch Deutschland schafft sich ab ist bildungsfern, fortpflanzungsfreudig und viel zu dick. Warum wird es dann von Bild und Spiegel abgedruckt?

Es ist ein unlesbares Buch. Und das zunächst nicht aus inhaltlichen Erwägungen, sondern wegen seiner erstaunlich schlampigen Komposition. Sarrazin feuert ein gut 400 Seiten andauerndes Stakkato desselben bescheidenen Zahlenmaterials ab; manche Statistiken wiederholen sich im Lauf des Buches über zehn Mal. Er schreibt Sätze, die im exakten Wortlaut drei Seiten später noch einmal vorkommen; die englischsprachigen Zitate strotzen vor Fehlern, jedes »its« wird zum »it’s«, genauso wie auch die Namen der herbeizitierten Wissenschaftler (wie viele Patzer erträgt der Name »Claude Lévi-Strauss«?) In einem PISA-Test für Sachbücher läge Deutschland schafft sich ab ungefähr auf dem Platz von Bremen, was seine Lesbarkeit und die Sorgfältigkeit des Lektorats betrifft.

Dieses Buch ist ein wucherndes Gebilde: in seiner Fehlerhaftigkeit überraschend bildungsfern, in seiner Dickleibigkeit fast adipös, dabei allerdings so fortpflanzungsfreudig, dass der Argumentationskeim eines Kurzreferats zu einem Riesenwälzer angewachsen ist. Nimmt man noch die Perspektive des Erzählers hinzu, die es an Verengung mit dem Augenschlitz einer Burka lässig aufnehmen kann, gleicht Thilo Sarrazins Buch eigentlich exakt seinem Feindbild: ein übergewichtiger, fertiler Religionsfanatiker.
http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/34607

In der Tat eine interessante Frage. Der Spiegel hat einen langen Weg zurückgelegt vom linksliberalen Leitmedium dass er einmal war.

Ich erwarte übrigens nicht, dass aus des Sarrazins Medienfeuerwerk eine ernsthafte Integrationsdebatte erwachsen wird. Das würde Grundsatzfragen wie Chancengleichheit berühren, und daran hat die herrschende Klasse keinerlei Interesse. Mit dem weiteren Abbau des Sozialstaats dürften sich die sozialen Brennpunkte in unseren Großstädten eher weiter aufheizen - das Banlieue lässt grüßen. Der Elite können kriminelle Ausländer und prügelnde Jugendliche letztlich auch egal sein, da sie mit diesen Negativerscheinungen nirgendwo in Berührung kommt - man lässt sich chauffieren statt die U-Bahn zu benutzen, man schickt seine Kinder auf Privatschulen statt auf die öffentliche Gesamtschule, man lebt in abgeschlossenen Villenvierteln.