Ich tippe seit Serienbeginn auf
Achtung Spoiler!


Zitat Zitat von Dr.BrainFister Beitrag anzeigen
Vielleicht ist der wunde Punkt bei mir, dass einige deiner Kommentare symptomatisch für die festgefahrenen Sehgewohnheiten sind, die ich in vielen Diskussionen im Internet wahrnehme. Beispielsweise wird immer ein bestimmtes Muster an Charakterentwicklung erwartet. Völlig egal, ob das im Erzählkontext der Serie oder des Films überhaupt realistisch wäre. Scheinbar hat uns Hollywood jahrzehntelang eingeimpft, dass es in einer Geschichte entweder immer eine große Läuterung oder einen tiefen Fall geben muss. Hinzu kommt, dass viele Zuschauer immer wieder Probleme mit den selben Tabuthemen haben: Krankheit, Tod und Trauer. Vor kurzem hab ich eine Doku über eine dieser schmierigen Casting-Tanten gesehen, die auf der Straße das Kanonenfutter für Dokusoaps und Reality-Shows einsammeln. Als sie aus dem Nähkästchen plauderte, meinte sie, dass im Casting-Business vor allem zwei Dinge momentan gar nicht gehen: Kranke und Behinderte. Tschingrassabumm, sind wir heutzutage aber tolerant! Das sieht man allein schon an den infantilen Witzchen über die krankheitsbedingte Gewichtszunahme von Richard Dean Anderson. Aber ich will jetzt nicht zu sehr ins Offtopic abgleiten - in Bezug auf "The Killing" zeigt sich diese symptomatische Überforderung ggü. solchen unschönen Themen jedenfalls daran, dass viele Zuschauer mit der "Überdosis" Trauer scheinbar nicht umgehen können. Anstatt sich mal an die eigene Nase zu fassen und einzugestehen, dass das ein unangenehmes Thema ist, mit dem man nicht gerne konfrontiert werden will, wird dieses Element der Serie natürlich sofort als Qualitätsmangel abgestempelt.
Du sprichst da ein Grunddefizit der Networkserien an. Networkserien müssen poppig sein und dem Zuschauer ein wohliges Gefühl im Bauch verschaffen. Alzu negative Serien haben auf den Networks praktisch keine Chance, da ein deprimierter Zuschauer kein Zuschauer ist der positiv auf die fünf Werbeblöcke reagiert welche die Dramaturgie einer jeden Networkserie bestimmen. Die Kabelsender zeigen weniger Werbung, sind aber auch nicht von Werbung unabhängig so wie Pay TV (HBO, Showtime, starz). Dadurch dass sie eine besserverdienende, besser gebildete Zuschauergruppe haben können sie aber hier mehr echtes Drama bieten als es NBC, ABC und CBS vermögen.

Man muss dazu nur mal "The Killing" mit Copserien der Networks vergleichen, wie "Castle", "Hawaii 5-0" oder "CSI". In diesen Serien wird jeder Fall binnen 40 Minuten gelöst, alle Beweise liegen herum und müssen von den Ermittlern nur noch einer nach dem Anderen aufgesammelt werden, oft mit praktisch null Aufwand. Es gibt keine bürokratischen Hindernisse (wie Richter die keine Durchsuchungsbefehle ausstellen können weil die Beweise nicht reichen) und praktisch alle Verdächtigen verzichten in Befragungen auf ihre verfassungsmäßigen Rechte (nämlich auf Aussageverweigerung und einen Anwalt). Jede Folge folgt immer derselben Dramaturgie. Man präsentiert einen Strauss an Verdächtigen, führt den Zuschauer eine Weile auf eine falsche Fährte um dann in den letzten fünf Minuten mit einer "überraschenden" Wendung dem richtigen Killer auf die Spur zu kommen. In Serien wie "Castle" sind diese Wendungen sehr oft nicht das Ergebnis von Ermittlungen oder neuen Beweisen, sondern folgen einer sponanten Eingebung des kongenialen Helden wenn er mal wieder mit seiner Tochter über ihre Jungenprobleme palavert.

Die Serien spielen in hippen Städten wie New York, Miami oder Las Vegas. "The Killing" spielt in Seattle, einer Stadt die praktisch das gesamte Jahr in Regen und Nebel gehüllt ist. "The Wire", die wohl beste Krimiserie aller Zeiten, spielt im heruntergekommenen Industriepott Baltimore, einer Stadt die Duisburg aussehen lässt wie Disneyland. Ernsthafte Dramaserien setzen Musik gar nicht oder nur sehr sparsam ein (in "The wire" und "The shield" gibt es z.B. überhaupt keine Musik), während die Networkserien voll von hipper, schnippiger Actionmusik sind. Die Schauspieler der Networkserien sind in der Regel und durch die Bank überdurchschnittlich gut aussehend - Castle hat den schneidigen Nathan Fillion und Stana Katic, die aussieht wie ein Ex-Supermodel, Hawaii 5-0 hat einen Haufen durchtrainierte, muskelbepackte 30 Jährige. Dagegen sehen die Schauspieler in "The Killing" erheblich durchschnittlicher aus. Die Charaktere wirken verhärmt, fertig und so wie ganz normale Menschen eben aussehen wenn sie 16 Stunden am Tag arbeiten und nicht schlafen. Dies ist bewusster Teil der Inszenierung, denn dieselben Schauspieler sehen in anderen Rollen wesentlich schneidiger und attraktiver aus. Dies ist z.B. Holder-Darsteller Joel Kinnaman, oder Lynden-Darstellerin Mireille Enos. Beide wirken in der Serie wie völlig andere Menschen, von Glamour ist hier keine Spur.

Die meisten Zuschauer wollen das nicht sehen, da es realistisch ist - eben ganz so wie ihr eigenes Leben. Sie wollen den unrealistischen Glamour, sie wollen der tristen Realität des Alltags entfliehen und das gute Gefühl dass nach 40 Minuten der Bösewicht hinter Gittern ist. Das ist auch legitim und diese Serien haben ihren Platz, ernsthaftes Drama oder komplexe Unterhaltung sind sie aber nicht.

"The Killing" muss sich folglich mit Krimidramen messen. Twin Peaks, The Wire, dies sind natürlich fast unerreichbare Gradmesser der Serienunterhaltung. Die Serie gefällt mir bisher recht gut, auch wenn sie nicht an diese praktisch fehlerlosen Ikonen heranreicht.

Übrigens war Folge 11 mal ein netter und durchaus spannender Zwischenstop vor dem Finale und wir lernen Lynden und Holder mal etwas näher kennen ohne dass sie im Schatten der Haupthandlung des Mordfalls agieren müssen. Dabei gewinnt gerade der zu Anfang doch ziemlich abgefuckt wirkende Holder mehr Kontur.