Zitat Zitat von Dr.BrainFister Beitrag anzeigen
Reden wir selbst aber nicht auch oft von "man", wenn es darum geht, sich Kritik zu stellen? Analysiert mal nach demselben Muster einige Kommentare und Postings, die ihr bisher im Internet hinterlassen habt - ich glaube, das Ergebnis wird ähnlich ausfallen wie beim Wulff-Interview. Ich will unseren Noch-Bundespräsidenten damit nicht verteidigen, allerdings finde ich die Analyse etwas übertrieben und unausgewogen. In den Kommentaren darunter wird dann ja auch deutlich, dass die Sachlage recht einseitig dargestellt wurde. Obwohl durch das häufige Verwenden von Fachbegriffen scheinbar ein solcher Eindruck erweckt werden sollte, handelt es sich bei dem Blogbeitrag also nicht um eine wissenschaftlich-sachliche Arbeit, sondern lediglich um das persönlich eingefärbte Statement eines Wulff-Kritikers.

Interessanter als irgendwelche Pseudo-Analysen finde ich, wie deutlich diese Debatte zeigt, dass personenbezogene Themen im Aufmerksamkeitswettstreit wahrscheinlich immer die Nase vorn haben werden. Wir Medienkonsumenten stehen einfach drauf, mit dem Finger auf einen konkreten Sündenbock zeigen zu können. Auch im neuen Jahr werden z.B. in Wirtschaft und Umwelt jede Menge Herausforderungen auf uns zukommen, die wesentlich wichtiger und drängender sind als die Machenschaften unseres Bundespräsidenten. Aber es ist eben letztlich doch unterhaltsamer, jemanden wie Wulff an den Pranger zu stellen und genüsslich dabei zuzuschauen, wie tagtäglich eine neue Ladung Schlamm über ihm ausgekippt wird.

Unter Verfehlungen wie Bonusmeilen oder Vorteilsnahme wie günstigen Krediten kann sich eben jeder auch gering gebildete Bürger etwas vorstellen - hochkomplexe Zusammenhänge welche selbst viele Fachleute heillos überfordern sind für die meisten Menschen dagegen einfach zu "groß" und die Journaille ist zudem eher wenig bemüht diese Sachverhalte einfach verständlich herunterzubrechen (oft fehlt es ihnen auch selbst an Fachwissen z.B. in den Wirtschaftswissenschaften).

Ein gutes allgegenwärtiges Beispiel ist die Austeritätspolitik (Sparpolitik) welche immer wieder mit dem Beispiel der sparsamen schwäbischen Hausfrau von unseren Politikern durchgesetzt wird, wobei hier eine betriebs- bzw. hauswirtschaftlich sinnvolle Strategie (Sparen in schlechten Zeiten) der Mikroökonomie auf die Makroökonomie (Volkswirtschaft) übertragen wird - wo sie leider genau den gegenteiligen Effekt hat, denn eine massive globale Sparpolitik in Zeiten der Krise macht den Sparerfolg wieder zunichte da die Wirtschaft dann noch stärker einbricht womit die Steuereinnahmen weiter sinken und die Sozialausgaben weiter steigen. Das war schon Keynes vor einem Dreivierteljahrhundert klar, dennoch reden die meisten Wirtschaftsjournalisten und VWL-Experten Heute dem Spardiktat das Wort, dennoch ist gerade Deutschland der Hauptakteur um die eigene Sparpolitik der letzten 20 Jahre nun auch in allen anderen EU-Ländern per ordre de mufti durchzusetzen. Länder wie Griechenland zahlen den Preis - mittelfristig wird ihn aber auch Deutschland selbst zahlen, da uns durch die deutschengetriebene Zerstörung der EU-Peripherie auch wertvolle Absatzmärkte für unsere exporthörige Wirtschaft verloren gehen.

Was Wulff angeht so blicke ich bei dem Zeitstrang seiner ganzen Verfehlungen mittlerweile auch kaum mehr durch, ob und wann er sich nun welchen Kredit zu welchen Konditionen gebort hat, wo er überall kostenlos urlaubte...ich würde mir wünschen die Journaille würde bei wichtigeren Themen sich auch so festbeißen. Von den Panzerlieferungen nach Saudi-Arabien haben wir z.B. nach wenigen Tagen Berichterstattung nie wieder etwas gehört, obwohl die Bundesregierung dieses Thema einfach aussaß und auf keinerlei Fragen Auskunft gab. Die Chefredakteure der Leitmedien beerdigten das Thema und damit war es in der öffentlichen Wahrnehmung gestorben, auch wenn sich am Grundproblem dieser fundamentalen Änderung der deutschen Rüstungspolitik überhaupt nichts geändert hatte.