Mir sind wenige führende Politiker bekannt, die keinen Berufsabschluss haben. Am ehesten noch bei den Grünen und Linken, aber für die gehört es eben mitunter auch zur Lebenseinstellung, einen nicht systemkonformen Lebensweg zu beschreiten. Dass sie deshalb dann die Politikerlaufbahn als bequeme Verdienstquelle wählen, ist mir eine etwas zu pauschale und unfaire Unterstellung. So easy ist es nun auch nicht, in der Politik Karriere zu machen. Hinzu kommt: Da wir in einem Land leben, in dem man selbst mit hochwertigem Berufsabschluss ratzfatz in der Niedriglohnfalle oder Arbeitslosigkeit landen kann, spielt das heutzutage eh keine so große Rolle mehr.
Doch, es erfordert Durchsetzungskraft, auch gegen starke Widerstände zu bestehen und sich nicht vom ersten "Shitstorm" wegpusten zu lassen. Lucky Lucke und seine Gefolgschaft sind nicht die ersten, die das als Newcomer auf der politischen Bühne ertragen mussten und werden auch nicht die letzten sein. Außerdem hab ich den Eindruck, dass die AfD beim Dreck werfen selbst ganz gern mitmacht.Nein, sich mit Dreck bewerfen lassen, erfordert keine Durchsetzungskraft. Durchsetzungskraft erfordert, sich mit Argumenten auseinanderzusetzen, was in Sachen AfD in den seltensten Fällen geschieht.
Hat das Handelsblatt Lucke auch Worte wie "Bodensatz" in den Mund gelegt? Hat das Handelsblatt auch die auf schlichten Lügen basierende, linkenfeindliche Propaganda erfunden, mit der die AfD den eigentlich relativ harmlosen "Angriff" auf Lucke während einer seiner Wahlkampfveranstaltungen instrumentalisiert hat: http://www.bildblog.de/51716/vermummte-propaganda/ (ein Vorfall übrigens, der der AfD letztlich wahrscheinlich mehr genutzt als geschadet hat). Oder haben sich die "Prolls" vom Bildblog das alles nur ausgedacht?Und ich habe dir gesagt, dass das angebliche Fischen am rechten Rand eine Kampagne ist, die insbesondere vom Handelsblatt losgetreten wurde. Das Handelsblatt hat seine Gründe dafür, seine Anzeigenkunden bestehen wie bei kaum einer anderen Publikation aus den Profiteuren der Eurokrise.
Erstens bin ich so wie jeder Mensch auch nicht frei von Irrtümern, egal ob ich nun Medienerfahrung habe oder nicht. Schließlich liefern selbst hochdekorierte Ökonomen regelmäßig deftige Fehleinschätzungen ab. Da darf man als Medienmensch auch mal daneben liegen. Ob meine Einschätzung bezüglich Lucke & Co. falsch ist, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Ich hab dazu bisher kein festes Urteil, sondern lediglich einen ersten Eindruck. So intensiv, wie du es erwartest, habe ich mich nicht mit der AfD und ihren Führungskräften beschäftigt. Dafür hat mich ihr Programm und ihre ganze Attitüde einfach zu wenig angesprochen. Hinzu kommt, dass ich in meinem Bekannten-/Verwandtenkreis gerade bei Leuten aus der eher rechten Ecke erlebt habe, dass diese sich von der AfD angesprochen fühlen. Wahrscheinlich hat mich das zusätzlich abgeschreckt. Wenn die AfD tatsächlich nicht bewusst am rechten Rand fischt, finde ich's doch erstaunlich, wieviel Beifang aus den braunen Gewässern ihnen letztlich ins Netz gegangen ist.Mich wundert, dass du als Medienmensch auf diese durchsichtige Propaganda hereinfällst und nicht mal selber recherchierst. Wieso beispielsweise sollte jemand "D-Mark-Nostalgiker" sein, der in den 90ern energischer Befürworter der Währungsunion gewesen ist? Warum wird einer Partei "fischen am rechten Rand" unterstellt, die striktere Aufnahmeregelungen als alle anderen hat, während bei den Piraten, deren Vorsitzender damals schon mal bereit war, NPD-Funktionären "Jugendsünden" zu verzeihen, großzügig darüber hinweggesehen worden ist?
Der Rest meines Urteils zu den AfD-Leuten basiert auf reinem Bauchgefühl. Für mich strahlt z.B. Lucke einfach etwas aus, wo vielleicht nicht zwangsläufig "Nazi" draufstehen muss, aber zumindest ist er für mich sehr nah an einer Gesinnung, die in "Herrenmenschen" und "Untermenschen" aufgeteilt ist. Er hat aus meiner Sicht etwas sehr Unsympathisches, fast Abstoßendes an sich, und gehört zu dem Typ Menschen, mit denen ich privat und beruflich nur zu tun haben wollen würde, wenn ich's unbedingt müsste.
Und da ist sie auch schon, die Degradierung von Andersdenkenden (bzw. Anderslachenden) zu Untermenschen: Wer Struckrad-Barre guckt und Bildblog liest, ist also ein "Proll ohne Schulabschluss mit der Bierflasche vor der Glotze". Und Herr Lucke andererseits ist natürlich der ehrenwerte Professor, auf den der Proll dann neidisch sein darf. Ganz ehrlich, ich setz mich lieber mit stinkendem Feinripphemd, gammligen Chips und siffiger Bierflasche johlend vor die Glotze anstatt mir ein pseudo-elitäres Weltbild anzueignen, das Menschen in solche Kategorien unterteilt.Andererseits, wenn ich die vorige Seite so lese, ist es vielleicht doch nicht so verwunderlich. Bild-Blog, kein Jota weniger manipulativ als das Medium, das er an den Pranger stellt. Und Stuckrade-Barre, also ich bitte dich. Unterschichten-TV, das billige Punkte damit zu machen sucht, seine Gäste wie den dummen August über Stöckchen springen zu lassen und lächerlich zu machen, damit der Proll ohne Schulabschluss mit der Bierflasche vor der Glotze sich auch mal einem Professor überlegen fühlen kann. Was kommt als nächstes? Darf Frau Dr. Wagenknecht im Baströckchen Hula tanzen, damit sich Stuckrades Publikum auf die Schenkel patschen kann?
Dass ihm die Verwendung des Wortes "Entartung" vorgeworfen wurde, finde ich auch überzogen. Allerdings ist das nur eine von vielen Aussagen, in denen er sich einer bestimmten tendenziösen Rhetorik bediente. Das ergibt dann eben irgendwann ein durchaus fragwürdiges Gesamtbild. Ob Lucke das bewusst gemacht hat, um am rechten Rand zu fischen, oder ob es einfach nur seiner persönlichen Gesinnung entspricht, vermag ich nicht zu beurteilen. Vielleicht ist es auch beides zusammen.Das ist doch unsäglich, wie mit dieser Partei umgegangen ist. Man nehme bloß mal diese Diskussion um die "Entartung der Demokratie". Jetzt ist also Lucke ein Nazi, weil er die demokratischen Prozesse bei den Eurogesetzen als "entartet" bezeichnet hat. Den Begriff haben unter anderem Helmut Schmidt, Wolfgang Schäuble und Johannes Ponader verwendet. Hat da jemand "Nazi" geschrieen und sie mit Goebbels in eine Reihe gestellt?
Die meisten Politiker hatten während des Wahlkampfs mehr drauf als bei der AfD nur "Nahtzieh! Natzieh" und "chräächzz, räächhzz, räächhzz" zu plärren. Mir sind wenige Beispiele aufgefallen, die sich dieser simplen Abschreckungsstrategie bedient haben. Trotzdem inszeniert sich die AfD (und ihre Anhänger) immer wieder gern als Opfer solcher Kampagnen.Dass es auch anders geht, hat Dietmar Bartsch gezeigt, dessen Diskussion mit Lucke bei Phönix unter den Linden zu empfehlen ist. Aber der hat auch mehr drauf als "Nahtzieh! Natzieh" und "chräächzz, räächhzz, räächhzz" zu plärren, was man von den meisten, die die AfD an den rechten Rand stellen, nicht behaupten kann. Hoffentlich wird es bei Plasberg morgen auch anders, mit Frau Wagenknecht, die sicherlich auch nicht auf dieses Niveau heruntergehen wird.
Anscheinend hältst du sie aber für wählbar und unterstützt ihre politischen Ziele. Um weiter zu wachsen und in künftigen Wahlen erfolgreich zu sein, braucht die AfD auch Leute wie dich, egal ob nun mit oder ohne Parteibuch. Immerhin kannst du für diese Partei mit fundierten Sachargumenten sprechen - anders als die meisten AfD-Wähler, die ich kenne. Wenn man die fragt, warum sie die AfD wählen, kommt nicht viel mehr als die übliche Dresche auf die etablierten Politiker, Angst vor dem Euro und kruder Fremdenhass (oder zumindest latente Islamophobie).Ich bin nicht bei der AfD.
Du hast dich verabschiedet und ich hab dir zum Abschied gewunken. Das verlangen selbst bei einem Feinrippträger und Bierflaschenschwenker wie mir die guten Manieren.Wenn du nicht willst, dass ich antworte, warum stellst du dann Fragen an mich?![]()






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