Ganz klar ist "Interstellar" der Film, der auf meiner diesjährigen Kino-Agenda ganz oben stand. Am vergangenen Wochenende kam ich nun endlich dazu, ihn mir im Kino meines Vertrauens zu Gemüte zu führen. (Für unschlagbare 8,00 €, nebenbei bemerkt )

Christopher Nolan ist es gelungen, den mit Abstand berauschendsten und anspruchsvollsten SF-Film der letzten Jahre zu schaffen. Während das Genre lange Zeit im Begriff war zu verkümmern, ist "Interstellar" in erster Linie waschechte Hard Science-Fiction. Damit nähert sich Nolan inhaltlich und narrativ SF-Ikonen wie Arthur C. Clarke, womit sich Vergleiche zu Kubricks "2001" aufdrängen. Hier meine erste lose Gedankensammlung.

Zu den Stärken:
-Der intensive Bezug auf die Kip-Thorne-Theorien hat mir ausgesprochen gut gefallen. Es ist hier kein Drehbuchautor, der sich irgendwelche Ideen zusammenspinnt. Dadurch hat der Film trotz aller Fiktion immer noch einen realistischen und bodenständigen Touch. "Interstellar" stellt aus meiner Sicht einen wichtigen Beitrag zur Populärwisenschaft dar, so wie es beispielsweise auch Stephen Hawking mit seinen Büchern gelungen ist. (Aus diesem Punkt ergibt sich allerdings auch eine Schwäche, dazu aber weiter unten...)
-Das vergleichsweise ruhige, gemächliche Erzähltempo. Ohne aufgesetzte Action und hektisch geschnittene Szenenabfolgen. Die Handlung bleibt jederzeit nachvollziehbar, als Zuschauer verliert man nicht die Orientierung. Die beinahe 170 Minuten sind an keiner Stelle langweilig. Man taucht voll und ganz in den Film, in die Stimmung ein. Ein mitreißender Trip, wenn man so will.
-Sie spektakuläre Optik. Die visuellen Effekte sind einfach nur beeindruckend und wirken auf der großen Leinwand überwältigend. Die Planetenoberflächen sind fantastisch gestaltet, wobei es mir vor allem der Wasserplanet angetan hat. So etwas hat man selbst in knapp 50 Jahren "Star Trek" noch nicht zu Gesicht zu bekommen.
-Das herausragende Sounddesign. Großartig finde ich übrigens, dass die im Weltraumszenen völlig ohne Geräusche auskommen, wodurch die Aufnahmen noch einmal authentischer wirken. Stattdessen werden sie entweder von kraftvoller Musik (eine der besten Arbeiten von Hans Zimmer, wie ich finde) oder einfach nur von Totenstille untermalt. Die Wirkung ist einmalig!
-Die Szene, nachdem es Cooper in das schwarze Loch hineingezogen hat und er sich in dem Tesserakt (Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Begriff im Film fällt, aber Wikipedia nennt ihn zumindest...) wiederfindet, hat für mich einen ähnlichen Stellenwert wie die Wiedergeburtsszene in "2001". Sie ist herrlich anzusehen und lüftet einige große Geheimnisse, ohne allerdings für alles eine Erklärung zu liefern. Noch heute versuchen SF-Fans, "2001" zu interpretieren, und ich denke, auch Nolan gelingt es mit "Interstellar", die Zuschauer für eine Weile zu beschäftigen. Ich war anfangs unentschlossen, ob ich es dem Film bzw. Nolan vor- oder doch zugutehalten soll, dass er viele Fragen offenlässt und nicht auf alles eine befriedigende Erklärung findet.
Achtung Spoiler!
Fragen über Fragen... Das Ergebnis ist jedoch, dass der Film noch lange nachwirkt. Man ist als Zuschauer (auf-) gefordert, sich mit praktischen, aber auch mit metaphysischen und philosophischen Fragestellungen auseinanderzusetzen. Inwiefern das von Nolan beabsichtigt ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Auch will ich nicht ausschließen, dass mir das eine oder andere Detail entgangen ist. Doch summa summarum sind die Intelligenz und die möglichen Interpretationsspielräume die großen Stärken des Films.
-Nolan verzichtet glücklicherweise auf unnötiges Drama und und unangebrachten Patriotismus. Dadurch bleiben Inhalt und Figuren zugänglich und bodenständig. Das Dilemma, dass Cooper sich fragen muss, ob er seine Familie zurücklassen würde, um das Überleben der Menschheit zu sichern, wird von Nolan nachvollziehbar behandelt. Das innige Vater/Tochter-Verhältnis bleibt ein bestimmendes und glaubwürdiges Motiv. Im Vergleich zu anderen Blockbustern ist es weiterhin auffällig, dass sich der Film ausgesprochen ernst nimmt. Die Dialoge kommen ohne hinfällige Oneliner aus, auch ist keine einzige Szene auf Situationskomik ausgelegt. Ich weiß, dass von vielen Kritikern gerade die Abstinenz des Humors beanstandet wird, jedoch sehe ich es nicht so, dass dadurch der Unterhaltungswert des Films eingeschränkt wäre. Ich meine sogar, dass die Ernsthaftigkeit maßgeblich dazu beiträgt, das Szenario plausibel herüberzubringen und dadurch den Zuschauer emotional zu erreichen.
-Auch der Cast ist vorzüglich. Allen voran gefallen die Oscar-Preisträger McConaughey, Hathaway und Caine, doch auch die junge Mackenzie Foy sowie Jessica Chastain machen ihre Sache sehr gut.

Und nun zu den Schwächen:
-Wie ich weiter oben bereits erwähnte, zeichnet den Film sein wissenschaftliches Fundament aus. Etwas holperig fühlt es sich allerdings an, wenn Nolan diese doch komplexen Theorien in die Handlung integriert. Ein Beispiel: Nachdem das Raumschiff in einer spektakulären Sequenz das Wurmloch durchflogen ist, wird an Bord erst einmal ausführlich und kopflastig über die Zeitdilatation auf dem ersten Zielplaneten gesprochen. Erst dann geht das Abenteuer weiter, und man fliegt den Planeten schließlich an. Solche Übergänge sind an mancher Stelle arg uneben, auch würde ich meinen, dass diese Ausführlichkeit zum Verständnis des Films gar nicht notwendig wäre. Ein paar weniger Fakten, dafür besser aufbereitet, hätten dem Film narrativ sehr gutgetan.
-Auf dem zweiten Planeten begegnet man Dr. Mann (Matt Damon).
Achtung Spoiler!

-Schade finde ich auch, dass man nicht das Gefühl vermittelt bekommt, es auf der Erde tatsächlich mit einer globalen Katastrophe zu tun zu haben. Eigentlich bekommt man nur die Auswirkungen auf die USA zu sehen, so dass das Ausmaß und die Tragweite der Mission kaum begreifbar werden.
-Etwas sauer aufgestoßen ist mir auch Coopers Gespräch mit Murphys Lehrern, wo allen Ernstes von einer "überarbeiteten Fassung der ersten Mondlandung" gesprochen wird. So soll sie zu Propagandazwecken inszeniert worden sein, womit man abwegige, da schon längst entkräftete Verschwörungstheorien noch einmal aufgreift.

Auf der großen Leinwand entfaltet der Film seine volle berauschende Wirkung. Ein mitreißendes Kinoerlebnis, für das ich vorläufig 9 / 10 Punkten vergebe. Ich bin gespannt, wie er sich später im Heimkino halten wird und ob sich dort dann Schwachpunkte offenbaren, die eine neuerliche Wertung nötigmachen.