- 2 -

»Jetzt hör mir mal ganz genau zu, du kleine Scheisserin... wir sind jetzt seit knapp fünf Stunden da draussen... eine gute Freundin und Kollegin ist gerade gestorben... und jetzt erzählst du mir, das wir nicht landen dürfen?« erkundigte sich Sarah, mühsamst beherrscht. Eine weile lang war nichts zu hören, bis schliesslich doch noch eine Antwort kam.
»In Ordnung, Sergeant... sie haben Landeerlaubnis... Deck I auf der Thorn.«
»Na wunderbar. Ich wollte schon immer auf 'nem Kaktus landen...« warf Myriam ein.
»Es ist besser als nichts...«
Die beiden Venture-Jäger flogen in richtung eines grossen Schlachtschiffs... vor Waffen starrend, was dieser Schiffsklasse unter den Piloten und einfachen Crewmitgliedern den Namen Kaktus eingebracht hatte. Die beiden Pilotinnen verlangsamten ihre Geschwindigkeit und glitten in die einzige Landebucht des Schlachtschiffs hinein. Mit einem lautem kreischen schabten die Landestützen über das Deck. Ein Blaues flackern am Hangareingang signalisierte den beiden Frauen, das sich ein Schutzschild hinter ihnen geschlossen hatte, und sie nun ihre Cockpits verlassen konnten, was sie auch schnell taten.
»Ich hab's schon immer für einen Fehler gehalten, einem derartig grossem Schiff nur einen Hangar zu verpassen... da reicht ja ein einziger Kamikaze und schon kann kein Jäger mehr starten...« bemerkte Myriam, während sie auf die Druckschotttüre am ende des Hangars zugingen.
»Oh, wunderbar. Musst du mich jetzt daran erinnern, welches Opfer Meg gebracht hat?« fragte sie in ziemlich scharfem Tonfall.
»Ich dachte, ich lenk dich ab... es tut mir leid, Sar---« setzte Myriam an, doch Sarah hatte sie schon gepackt und hart an die Wand gestossen. Myriam keuchte, sagte jedoch nichts weiter.
»MIR tut's auch leid... aber das ist noch lange kein Grund, auf gewalt zu versuchen mich abzulenken... ich werde schon damit fertig werden... verstanden?«
Myriam nickte nur, und Sarah liess sie los. Schon in der nächsten Sekunde tat ihr Verhalten ihr leid. Was ist bloss in mich gefahren? Tod gehört zum Geschäft...
»Myri... sorry. Ich weiss gar nicht, was in mich gefahren ist...«
»Schon ok, Sarge. Ich weiss, das ihr gut befreundet wart.«
Sarah wollte noch etwas sagen, wurde aber dann vom endlich aufgleitendem Schott unterbrochen. Eine Soldatin in einer schlichten, schwarz-roten Uniform stand vor ihnen und salutierte. Die beiden Pilotinnen salutierten ebenfalls.
»Ladies, die Lage ist ziemlich mies. Wir vermuten, das die feindliche Flotte in spätestens 12 Stunden hier eintreffen wird... die Scanner sind allerdings im moment sehr widersprüchlich... man kann den Angreifer nicht identifizieren. Wir haben höchste Alarmstufe...«
Sie unterbrach sich, blinzelte, und schaute die beiden Frauen einen Moment lang an, ohne etwas zu sagen.
»Oh, Scheiße. Tut mir echt leid, Mädels...«
»Schon gut«, murmelte Sarah, aber es war mehr ein Schluchzer. Myriam nahm sie sanft in den Arm und strich ihr beruhigend durch's Haar.
»Ist schon gut, Sarge... ist schon gut...«
Die Soldatin zog es vor, mit betroffenem Gesichtsausdruck an der Schottwand zu lehnen und nichts zu sagen. So standen sie zu dritt eine Zeitlang, die Sarah wie eine Ewigkeit vorkam, bis ein ohrenbetäubender Lärm losbrach, die Schiffsinternen Alarmanlagen, die sich mit einem beständigem ruuuuuaaaah-ruuuuuaaaaah zu Wort meldeten, und den gesamten Hangar in gelbes Licht tauchten. Das Hangarschott glitt langsam zu, verbarg den Anblick der Sterne vor den drei Frauen. Eine Stimme schallte durch das Schiff...
»Hier spricht der Captain... wir verlassen den näheren Orbit in 3 Minuten. Alle mann auf Kampfpositionen, falls weitere Scouts des Feinds in der Nähe sind!«
Myriam und Sarah starrten die Soldatin verblüfft an. Diese grinste und zuckte mit den Achseln. »Ja, ich weiss. Der Captain ist ein Mann auf diesem Schiff, aber er ist nicht so dumm, wie die meisten anderen Männer.«
»Muss ja'n ganz besonderer Mann sein, wenn er Captain von einem Schlachtschiff ist...« murmelte Myriam, ihr Tonfall machte klar, das sie dies keinesfalls für eine gute Idee hielt.
»Glaubt mir, Mädels, er ist wirklich in Ordnung. Er ist nett und hat noch nie eine von uns angefasst. Und jetzt bring ich euch in ein Quartier - ihr seht aus wie der Tod persönlich, und ich vermute, das ihr ein bisschen Zeit braucht.«
Die beiden Frauen nickten und folgten der Soldatin durch die engen Gänge des Schiffs. Die Gänge waren wirklich eng, so das kaum zwei Soldaten nebeneinander gehen konnten. Teilweise hingen Kabelenden aus dem Boden und der Decke, kaum abgeschirmt und gerade mal mit roten Kreisen in nächster Nähe drumherum markiert.
»Wir haben beim letzten Kampf gewaltig was abbekommen, und die Reparaturen dauern bei diesem Koloss immer ziemlich lang.« erklärte die Soldatin ihnen.
Sie gingen eine Weile wortlos weiter, immer den Kabeln ausweichend. Nach eingen Sekunden kamen sie an der Schiffskantine vorbei - ein unkomfortabler, kreisrunder Tresen stand in der Mitte des Raumes, darum waren Tische und Stühle aus Aluminium eng aneinandergereiht. Wenig später erreichten sie die Quartiere. Die Soldatin öffnete die Türe und zeigte den beiden ihr Quartier... sofern man es so nennen konnte. Zur rechten und linken des Raumes lag je eine Matratze an der Wand, vor jeder Matratze ein kleiner Metallschrank, zwischen den betten ein Tisch. Alles war aus demselben Aluminium, was sie auch in der Kantine gesehen hatten.
»Ich denk, in 7 Stunden geht's so richtig los. Ruht euch bis dahin aus, Mädels.« Ohne eine erwiderung der beiden Frauen abzuwarten drehte sie sich um und schloss die Türe hinter sich.
»Tolles Quartier, aber was solls...« bemerkte Myriam und liess sich auf die rechte Matratze. Sarah stand an der Türe und starrte ins Leere.
»Oh, verdammt. Diese Matratzen sind innen sicher auch aus Aluminium. Kommt mir zumindest so vor.« beschwerte sich Myriam. Als von Sarah keinerlei Reaktion kam, seufzte Myriam, setzte sich auf und schaute Sarah an.
»Sarge.... Sarah.... Meg ist tot... und du kannst sie nicht zurückholen... selbst dann nicht, wenn du hier apathisch rumstehst... ich weiss, wie sich das anfühlt, wenn man eine gute Freundin verliert, weisst du? Versuch ein bisschen zu schlafen... oder zumindest zu dösen... wenn wir in 7 Stunden wieder da raus müssen, will ich nicht, das du todmüde bist... noch ein Staffelmitglied möchte ich eigentlich nicht fallen sehen...«
Myriam hatte ungewöhnlich sanft gesprochen... vielleicht war das auch der einzige Weg, auf dem sie an Sarah im moment herankommen konnte... und ihre Worte zeigten Wirkung. Sarah legte sich auf die linke Matratze und starrte die Wand an.
»Ja, ich weiss... es ist nur... alles so verfahren... warum sie, warum nicht ich...«
»Ja, warum sie, warum nicht ich, warum nicht du? Das werden wir niemals erfahren, Sarge... die Wege des Herrn sind unergruendlich.«
»Ich glaube, wir sollten schlafen.... ach, Myriam.... danke.....«
»Jederzeit wieder, Sarge.«
Die beiden Frauen legten sich schlafen.

Es fühlte sich an, als wenn sie ganz ohne Raumjäger dahinglitt, durch den Weltraum... ziemlich lange glitt sie so dahin... bis sie Meg erreichte, die sie vorwurfsvoll anschaute.
»Meg...«
»Ich bin tot... und es ist DEINE Schuld, Sarah!«
»Aber... nein...«
»Doch, Sarah... du warst zu FEIGE, um zu sehen, das du dich hättest lieber selber umbringen müssen... aber du warst ängstlich....«
»Meg, das ist nicht wahr! Es ist nicht wahr!«
»Sarge«
»Es ist nicht wahr!!!!«
»SARGE!!!«
Sarah blinzelte, Myriam war über sie gebeugt und schaute sie besorgt an.
»Keine gute Basis für einen erholsamen Schlaf, nicht?« fragte Myriam sie.
»Nein, wohl nicht... wie lange habe ich geschlafen?« erkundigte sich Sarah.
»Vielleicht eineinhalb Stunden... wir haben noch mindestens 4 Stunden vor uns...«
»Na, wunderbar...«
»Vielleicht kann ich deine Laune ein wenig aufbessern...« Myriam zog etwas hinter ihrem Rücken hervor... eine gelblich-schwarze Flasche.
»Oha. Du hast doch wohl keinen Alk hier reingeschmuggelt, PFC, eh?«
»Sarge, du hast mich lange nicht mehr mit meinem rang angeredet... aber nein... geschmuggelt? Privileg eines einfachen Soldaten ... so, genug geschwafelt.«
Sie schraubte die Flasche auf, gönnte sich einen tiefen Schluck, verzog kurz das Gesicht und reichte sie an Sarah weiter, die ebenfalls einen Schluck nahm, das Gesicht heftig verzog und beinahe würgen musste, als ihr die warm wirkende Flüssigkeit den Hals hinabrann.
»Pfui deibel... ist das selbstgebrannt?«
»Selbstgekauft...«
»Na, denn...«
Die beiden tranken noch ein wenig... und legten sich dann erneut schlafen... diesesmal ohne böse Träume.

Vier Stunden später wachten sie beide im gleichen Moment auf, als die Alarmsirene wieder durch das gigantische Schiff hallte, und der Captain erneut zur Mannschaft sprach.
»Frauen... wir stehen kurz vor dem Kontakt mit den Flotten unserer Verbündeten... wir werden den Rendezvouspunkt in etwa einer Stunde erreichen. Dann sollten wir erstmal eine Weile sicher sein; dennoch bitte ich darum, das die Wachsamkeit nicht nachlässt. Sämtliche Pilotinnen melden sich bitte in ihren Einsatzräumen. Over and Out.«
»Na wunderbar... wollen wir uns zu den anderen Pilotinnen gesellen? Schiffe haben wir ja mitgebracht... und die werden sicherlich jede Hilfe gebrauchen können...« schlug Myriam vor.
»In Ordnung... aber lass uns in der Kantine vorbeigehen und schauen, wie der Fraß hier so ist...«

In der Kantine herrschte kaum betriebsamkeit - anscheinend war der autokoch im letzten Kampf ebenfalls ausgefallen und noch nicht repariert worden - so das die Auswahl an Speisen sich auf verschiedene Hamburgersorten und fettige Pommes beschränkte. Die beiden nahmen sich dennoch etwas zu essen mit und schlangen es trotz des eher mittelmässigen Geschmacks schnell herunter.
»Wenigstens gab es in der Kantine einen Lageplan... in diesem Koloss hätten wir uns ja fürchterlich verlaufen, bis wir den Einsatzraum gefunden hätten...« meinte Myriam kauend.
»Jupp, sehe ich genauso... ich glaub, da ist es...«
Die Türe öffnete sich vor ihnen... in dem fast völlig abgedunkeltem Raum sassen vielleicht 10 Pilotinnen und warfen den neuankömmlingen missbilligende Blicke zu. Die Kommandantin der Jägerstaffel des Schiffes wies den beiden Plätze zu, dann deutete sie auf das grosse Display hinter sich.
»Bei dem gegenwärtigem Kurs werden wir in 50 Minuten den Rendezvouspunkt hier erreichen. Wir teilen euch in 4 Gruppen auf - Alpha Wing wird diese Route abfliegen, um nach Feindschiffen zu suchen; Beta Wing fliegt diese Route, um nach Feinden zu suchen; Gamma wird sich vor uns setzen und den Rendezvouspunkt direkt anfliegen; Delta wird uns direkt hier begleiten.«
Sarah meldete sich.
»Ja, Sergeant?«
»Über wieviele Begleitschiffe verfügen wir?«
»In unserer Formation halten sich 10 Starcruiser der Galaxy-Klasse auf, desweiteren 30 Corvetten der Nebula-Klasse, 50 Frigatten der Miranda-Klasse, etwa 100 Jäger der Defiant-Klasse und 250 Jäger der Ventura-Klasse.«
»Dann können sie diesen Kurs aber völlig knicken...« warf Myriam ein.
»Wie bitte?«
»Wenn sie diese Koordinaten anfliegen, geraten sie da unweigerlich in ein Asteroidenfeld... grosse Asteroiden... da müssten sie eine Menge Raketen einsetzen, um die loszuwerden... das ist den Aufwand nicht wert...«
»Dieses Asteroidenfeld ist da aber nicht eingezeichnet...«
»Glauben sie meiner Flügelfrau, Kommandantin. Das Feld IST da.«
»Oh, verdammt.« Die Kommandantin drehte sich um, zu einer der Kommunikationsoffizierinnen.
»Ich brauche eine Verbindung auf die Brücke, sofort.«
»Steht...«
»Ja, Commander?« erkundigte sich der Captain.
»Ich hab hier zwei Pilotinnen, die behaupten, das unser aktueller Kurs uns in ein Asteroidenfeld führt... ist aber nichts derartiges verzeichnet.«
»Wir prüfen das nach... schicken sie ein Squad aus... solang machen wir gar nichts.«
»Sir? Dann erreichen wir den Rendezvouspunkt möglicherweise nicht rechtzeitig!«
»Besser spät als nie. Over and out.«
Resigniert zuckte die Kommandantin die Schultern.
»Und ich dachte, der Captain wäre ja soooo nett« flüsterte Myriam Sarah ins Ohr. Sarah grinste.
»Na schön, meine Damen. Dann fliegen unsere beiden Gäste doch sicherlich die Patrollie zum .... Asteroidenfeld, nicht wahr? Eine der Miranda's wird sie begleiten...«
Arschloch... dachte Sarah, und war sich sehr sicher, das Myriam dasselbe dachte.
»Ja, Mam... wir werden den Auftrag gerne annehmen...« antwortete Sarah und setzte ein zuckersüsses grinsen auf.

Kurze Zeit später saßen die beiden Pilotinnen wieder in ihren Jägern... vor 5 Minuten waren sie gestartet und auf dem Weg zum Rendezvouspunkt... konnten allerdings nicht sonderlich schnell fliegen, weil die Frigatte, die ihnen folgte nicht sehr schnell war.
»Gott ist das langweilig...« ertönte Myriam's Stimme über Bordfunk. Wieder war leise Klassische Musik zu hören. Dann Stille... niemand, der die existenz von Gott anzweifelte und versuchte Streit mit Myriam anzufangen.
Eine geraume Zeit lang wurde kein Wort gesprochen.

Nach einem kurzen Flug erreichten sie den äusseren Rand des Asteroidenfelds.
»Sergeant Jones?« meldete sich der Commander der Frigatte.
»Ja?«
»Unser Radar spielt verrückt... meldet ziemlich viele Schiffe im Asteroidenfeld... müssten unsere Allierten sein, aber sie melden sich nicht. Könnten die Asteroiden eine derartig heftige Interferenz erzeugen?«
»Das glaube ich nicht, Commander... wir gehen rein und schauen's uns an.« Sie schaltete auf Privat.
»Komm, schauen wir mal, was unsere Allierten diesesmal machen...«
»Einverstanden, Sarge.«

Die beiden Venture's beschleunigten soweit es ging, und wichen den ersten Ausläufern des Asteroidenfelds aus... dann drosselten sie die Geschwindigkeit, als sie tiefer in das Herz eindrangen.
»Sarge? Ich hab hier ziemlich viele Signale - viel mehr, als das eigentlich sein dürften... meinst du, das die Schlacht schon angefangen hat?«
»Ich glaube nicht... dann müssten die 3 Stunden früher da sein als wir erwarten... ich meld's mal denen von der Miranda.«
Sie öffnete einen offiziellen Kanal und wartete... doch es tat sich nichts... keine Verbindungsbestaetigung.
»Verdammt. Vielleicht sind da Metallvorkommen in den Roids oder sowas, ich komme nicht durch.«
»Sarge....?«
»Was ist?«
»Schau mal auf's Radar.«
Sarah schaute auf's Radar... die gesamte Anzeige war überfüllt mit Signalen.
»Und jetzt schau mal nach rechts...« Die Resignation in Myriams Stimme gefiel ihr gar nicht. Sie zwang sich ganz langsam, ihren Kopf nach rechts zu wenden...

.... Trümmer. Millionen von Trümmern, einige noch am ausglühen ...