@ all:

Ihr sprecht mir ja so aus dem Herzen und ich bin froh, daß es außer mir und ein paar engen Freunden anscheinend noch ein paar Überbleibsel aus der "No-Future-Generation" gibt.

Früher habe ich mich auf Ostermärschen getummelt und meine Umwelt mit meinen politischen Ansichten genervt. Heute habe ich schon manchmal bzw. meistens gar keinen Bock mehr, mir die Nachrichten anzusehen. Denn irgendwann hatte ich mal den Eindruck, daß immer, wenn ich die Tagesschau eíngeschaltet habe, in Israel gerade mal wieder ein Selbstmordattentat stattgefunden hat. Ich konnte es einfach nicht mehr ertragen.

Dieses Wochenende habe ich mal wieder in einem verzweifelten Versuch reich zu werden Lotto gespielt. Heute morgen will ich im Videotext nach den Zahlen sehen und was springt mir als erstes entgegen? "Mind. 180 Tote bei Bombenattentaten auf Bali". Ich könnte auf den Tisch kotzen.

Was ich eigentlich sagen will: Heute fällt man ja schon aus dem Rahmen, wenn man regelmäßig die Zeitung liest und eine politische Meinung hat.

Ich habe mir seit einigen Jahren angewöhnt, mir mein schlechtes Gewissen der Dritten und Vierten Welt gegenüber freizukaufen. Ich bin z.B. Fördermitglied bei Amnesty International und habe eine zeitlang mal versucht, in der Arbeit meine Mitgliedszeitung anderen Kollegen zum Lesen anzubieten. Kein Erfolg. Keiner will etwas davon hören.

Was mich selbst an mir nervt: Seit mind. 1 Jahr nehme ich mir vor, bei der nächsten Ausgabe der ai-Zeitung auch an den Briefaktionen teilzunehmen. Habe ich bisher auch nur einen einzigen geschrieben? Nein! Aber für Farscape habe ich mich hingesetzt, Briefe/Faxe/emails geschrieben... Ich kann es selbst einfach nicht glauben.

Unsere Welt ist einfach viel zu schnelllebig geworden. Man kann ja kaum noch Schritt halten. Überall Wirtschaftskrise, Gewalt, Arbeitslosigkeit, Entlassungen und und und.

Ich könnte jede Woche 60 Stunden arbeiten und wäre trotzdem mit meinem Pensum nicht fertig. Dagegen ist meine beste Freundin seit 1 1/2 Jahren arbeitslos und findet einfach keinen Job.

Morgen darf ich zusammen mit 3 Kollegen verkünden, daß aufgrund von Zentralisierungsmaßnahmen in unserer Abteilung 12 Mitarbeiter "überflüssig" werden. Die werden zwar (noch?) nicht entlassen, müssen sich jetzt aber innerhalb der Firma um - zum großteil sicher minderwertigere - Ersatzjobs bemühen. Außerdem wird es in der Gesamtfirma zu zahlreichen Versetzungen kommen. Lapidarer Kommentar: Anfahrtswege bis 75 km einfach bzw. 90 min. Fahrzeit sind zumutbar. Wer will, kann aber jederzeit kündigen.

Nächstes Beispiel: Ein guter Freund von mir hätte noch vor 5 Jahren am liebsten jeden standrechtlich erschossen, der ein Auto gefahren hat. Flugreisen kamen wegen der Ökobilanz nicht in Frage. Statt vor ein paar Jahren mal nach Dublin zu fliegen, hat er sich rund 30 Stunden mit Zug und Fähre nach Irland gequält. Tom Cruise-Filme schaut er sich im Kino wegen dessen Scientology-Zugehörigkeit grds. nicht an.

Der gleiche Typ heizt zwischenzeitlich mit einem BMW mit 200 Sachen über die Autobahn, hat als er seine jetzige Frau kennengelernt hat gleich mal einen Urlaub auf Fuerteventura gemacht (und er ist nicht mit dem Schiff dorthin gefahren) und will sich allen Ernstes von mir Mission Impossible 2 auf DVD ausleihen, denn da würde er Tom Cruise ja auch kein Geld in den Rachen werfen.

Wie kann man derart seine Prinzipien über Bord werfen? Nix gegen Veränderung, aber das ist echt too much.

Vor ein paar Monaten gab es im alten Forum mal einen Thread, der jubelnd begrüßt hat, daß die Chinesen irgendwie auf lange Sicht den Mars erreichen und besiedeln wollen. Ich habe eins auf die Mütze gekriegt, als ich dort angemerkt habe, daß zum einen das Weltall ganz sicher nicht den Menschen braucht, weil wir schon hier auf der Erde genug anstellen und die Chinesen sich v.a. erstmal um die Einhaltung der Menschenrechte in ihrem Land bemühen sollten. Wie konnte ich auch nur so ein Spielverderber sein?!

Sorry, das ist jetzt etwas lang geworden. Aber ich mußte das einfach mal alles loswerden.

Von einer, die auch Zukunftsängste hat. Von einer, die manchmal glaubt, nicht mehr Schritt halten zu können und von einer, die fest daran glaubt, daß wir in nicht allzu ferner Zukunft für alles was die Menschheit hier anstellt, bezahlen werden.

CU