Endlich habe auch ich die erste Season von Carnivàle gesehen, und jetzt fühle ich mich dazu bewegt mal aufzulisten, warum diese Serie einfach perfekt ist und auf eine Stufe gestellt werden darf mit The West Wing und Six Feet Under.
1. Carnivàle zu sehen ist wie ein gutes Buch zu lesen. Die Story hat genau die richtige Geschwindigkeit, genüßlich und doch nicht zu langsam.
2. Die Story könnte auch von Stephen King sein. Sein Stil und seine Stimme sind deutlich bemerkbar.
3. Die Charaktere sind prächtig, vielschichtig und faszinierend. Gut auch, daß die Story sich nicht selbst treibt, sondern komplett von den Charakteren vorangetrieben wird. Das macht das Ganze gleich viel natürlicher als solche "Gimmick-Serien" wie 24 oder Alias, wo die Charaktere den Saltos und "Überraschungen" der Schreiber ausgeliefert sind.
4. Der Protagonist und der Antagonist treffen sich noch gar nicht. Warum auch? Schließlich ist die erste Season ganz offensichtlich nur eine Einleitung. Das macht die Serie viel aufregender und bedrohlicher, und wird dem Treffen - wenn es dann dazu kommt - noch viel mehr Bedeutung verleihen.
5. Die Serie sieht wundervoll aus; Kulisse, Ausstattung, Maske, Kamera, Farben sind allesamt perfekt.
6. Keine Effekthascherei. Beim Gegenspieler ist weder Feuer, Blitz noch Donner notwendig, um ihn bedrohlich wirken zu lassen. Bens Heilkünste kommen auch gänzlich ohne Spezialeffekte aus.
7. Brother Justin Crowe. Was für ein wunderbarer, wahnsinniger, gequälter Bösewicht. Seine Charakterstudie ist sehr ausführlich; das Publikum darf lange und gut in den Abgrund starren, seine Beweggründe erkennen und teilweise sogar schaudernd nachvollziehen. Einziger Makel: Ist das nur mein Gefühl, oder kopiert Ronald D. Moore ein wenig bei sich selbst? Crowe hat sehr viel mit Gul Dukat und Kai Winn gemeinsam.
8. Zwei Worte: fühlbare Atmosphäre.
9. Noch zwei Worte: perfekte Schauspieler. Allen voran Michael J. Anderson, Patrick Bauchau und Clancy Brown.
10. Die Serie übernimmt sich nicht mit ihren Geheimnissen. Es ist immer genau die richtige Anzahl Bälle in der Luft. Die langsamen Auflösungen sind allesamt schlüssig, und man bekommt so viel, daß das Interesse ungebrochen bleibt. Man hat nicht das Gefühl, daß man Merkwürdigkeiten nur um ihrer selbst Willen und ohne Aussicht auf Erklärung serviert bekommt, so wie seinerzeit bei The X-Files. Einzige Ausnahme: Der zwinkernde Embryo in der zweiten Episode war unnötig.
Von mir aus kann es jetzt weitergehen. Sofort. Nur bitte aufhören, solange es noch am schönsten ist; viel zu viele Serien werden über ihre Glanzzeit hinaus künstlich am Leben erhalten.





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