Originally posted by DerBademeister@30.05.2004, 14:34
Wenn Du 100 Leute fragst woran sie bei Homer denken, werden Dir 95 antworten, an einen gelben dicken Glatzkopf der Donuts und Duff-Beer mag, und 5 werden Dir antworten, an den Kerl der die Odyssee geschrieben hat.
In einem Literatur-Forum, wo ich aktiv bin, hat ein erwachsener Mensch die Frage gestellt, ob es zu dem Thema Troja ein empfehlenswertes Buch gäbe.

Zum Film: Grauenhaft, absolut grauenhaft! Schön, man hat sich beim Stoff künstlerische Freiheiten genommen. Das ist legitim und auch zweckmäßig - wie wollte man Homer auf zwei Stunden komprimieren?
Aber: Dass man es schafft, einen 200-Mio-Film wie eine 20-Mio-TV-Produktion aussehen zu lassen, hat mich doch einigermaßen überrascht (na gut, das sind immer noch 19 Mio. mehr als Waterworld...). Wie schon bei "Gladiator" wirken zumindest auf mich CGI-Bauten "künstlicher" als simple Kulissen.
Die Story selbst ist langweilig hoch zehn. Die Schlachten sind wie üblich völlig unübersichtlich. Wer wem die Rübe einschlägt, ist im Getümmel nicht zu erkennen. Die Trojaner sind gut und edel, die Griechen böse und hinterlistig. Mach aus den Trojanern Amis und aus den Griechen Nazis, Kommunisten oder Engländer und du weißt, was Sache ist.
Die Charaktere sind nicht einfach flach - sie sind nicht vorhanden. Abgesehen von Hector, dessen tragische Zerrissenheit und Opferbereitschaft das einzig halbwegs Interessante an dem Streifen ist.
Der Rest ist zum Vergessen: Wenn man nicht gerade zum "Orlando Bloom ist ja soooooooo süß!!!!"-Fanklub gehört, kann man sich nur die Frage stellen, wozu es eigentlich Schauspiel-Schulen gibt, wenn solche Gestalten sich Schauspieler nennen dürfen. Obwohl: Er hat Diane Kruger an die Wand gespielt, bei der ich mich fragte, ob sie echt oder eine CGI-Figur sei. Von der entsetzlichen Synchro abgesehen, die klang, als hätte eine TV-Wetter-Moderatorin in der Kaffee-Pause laut aus dem Drehbuch gelesen.
Ich schätze Brad Pitt wirklich sehr. Aber in Troja wirkt er völlig lustlos und irgendwie abwesend, als hätte er auf Auto-Pilot geschaltet, um sich auf eine bessere Rolle vorzubereiten. Ganz schwach.

Während des ganzen Films habe ich nur auf ein paar entscheidende Szenen gewartet und nachdem sie gelaufen waren, sie innerlich abgehakt: Aha, Helena wird entführt. So, wann kämpfen Achill und Hector? Ah, gut. Bald müsste das Pferd auftauchen. Okay, jetzt wird der Film bald zu Ende sein.

Über die Filmmusik ist schon viel geschrieben worden. Bei "Gladiator" passte sie ganz gut. Iin diesem Film gefiel sie mir nicht. Gut, Geschmackssache.

Es gab für mich keinen einzigen Punkt, der mich emotional im Geringsten berührte. Und genau das macht für mich einen wirklich guten Film aus.
Aber Troja funktioniert auf keiner Ebene, außer jener, sich wie Paris an die Beine der Academy-Mitglieder zu schmeißen und um Oscar-Nominierungen zu winseln. Angesichts der extremen Simplizität des Plots, der miesen, pathos-triefenden Dialoge und der hübschen Schauspieler, sollte das für ein paar Nominierungen reichen.
Es ist zu befürchten, dass wahrhaft nix besseres nachkommt... Obwohl: Nach dem HDR-Triumph werden nächstes Jahr die kleineren Produktionen Oscars abräumen.