„Ich bin Joe.“
„Alexis.“ Dann hielt Joe mir eine Tafel Schokolade hin und meinte ich solle doch ruhig zugreifen. Ich betrachtete die Schokolade eingehend und schon ihr Aussehen warnte mich, noch bevor der typische Geruch in meine Nase stieg. Kaffee-Sahne, eine der wenigen Schokoladensorten, welche ich überhaupt nicht mochte.
„Schade.“ Bedauerte er nach meiner Ablehnung. „Dabei wollte ich mich für die Störung mit einem schönen Stück Schokoladen nochmals entschuldigen.“
„Naja.“ Entgegnete ich immer noch verlegen. Es war total ungewohnt das jemand Fremdes, genau das war Joe für mich immer noch, so höflich und zuvorkommend war. Doch blickte ich ihn jetzt direkt an und musste höllisch aufpassen nicht in seinen Augen zu versinken.
„Es ist nicht so das ich keine Schokolade mag.“ Begann ich. „Es ist eher so, dass Kaffee-Sahne mir nicht schmeckt. Ich mag andere Sorten.“
„Und welchen sind eher nach deinem Geschmack?“ Ohne es zu wollen hatte ich den perfekten Start für angenehmen Smalltalk hin bekommen. Und über Milka mit Kuhflecken und Alpia Zartbitter kamen wir zu anderen Themen und verbrachten die Reisezeit mit angenehmen Geplauder. Dabei stellte es sich noch heraus, dass wir das selbe Ziel hatten und mit Sicherheit noch den Rest der Fahrt zusammen sein konnten. Ich freute mich riesig darüber, da unser Themenpool noch lange nicht erschöpft war.
„Am besten ist es wenn du am....“ Endlich waren wir angekommen. Man war ich froh endlich aus diesem Zug steigen zu können. Der Zugbegleiter hatte nur die direkten Anschlusszüge genannt. Aber wir hatten noch einmal umzusteigen und mussten daher nun herausfinden welchen Zug wir bei der nächsten Zwischenstation nehmen konnten. Sicher würde am Servicepoint, wo man sich Zugverbindungen geben lassen konnte, viel los sein. Die Automaten aber, welche ebenfalls Zugverbindungen ausgeben konnten, waren daher einfacher zu erreichen. Zudem hatte ich ein Wochenendticket. Joe hatte die Bahn Card 100 und auch er musste daher nicht an einen Service Point. Ich wollte Joe diese Tatsache gerade erklären, als wir auf seine Mutter trafen.
„Josef.“ Sagte sie. „Wir haben eine Stunde Aufenthalt.“ Es schien ihr gar nicht zu gefallen so lange auf einem Bahnhof warten zu müssen. „Besorgst du uns bitte eine Information über den weiteren Verlauf unserer Reise? Ich warte derweil in der Lounge auf dich, wo es sich hoffentlich angenehmer die Zeit verbringen lässt, als in dieser Halle hier.“ Ich hätte schwören können ihre Gedanken zu hören, die sagten nie wieder werde ich mich in einen Zug setzten.
„Ich wollte mich bereits diesbezüglich erkundigen Mutter. Doch würde ich gerne die Zeit mit Alexis verbringen wollen. Ich hole dich selbstverständlich rechtzeitig ab.“ Josef drückte sich sehr gewählt aus.
„So, so und wer ist diese Alexis?“ Dieser Ton, der hätte einen Ziegelstein, wie Butter zerschneiden können und der abschätzende Blick den sie mir zuwarf, brachte Joe dazu etwas vollkommen unüberlegtes zu sagen.
„Alexis.“ Er legte einen Arm um meine Schulter und zog mich zu sich. „Alexis ist meine Verlobte. Mutter.“ Ich glaube in diesem Moment, mitten auf dem Bahnsteig des Leipziger Bahnhofes, dort wo Menschen, sich unterhaltend, an uns vorbei liefen, wo aus den Lautsprechern die Züge angesagt wurden, hatten seine Mutter und ich ein und den selben Blick im Gesicht und beide trafen direkt Joes Augen. Und einen Moment war eine greifbare Stille um uns herum.
„Nun gut, dann lass ich dich mit deiner Verlobten allein.“ Joe’ s Mutter brach das Schweigen und lies erahnen das sie Taktgefühl besaß. Diese Eigenschaft war bei ihrem Sohn weniger ausgeprägt, sonst hätte er mit Sicherheit mich nicht in so etwas hinein geritten. „Lass. Ich trage ihn selber.“ winkte sie ab, als Joe den Koffer seiner Mutter in die Lounge bringen wollte. Schweigend sahen wir also den trippelnden Schritten, welche so typisch für Stöckelschuhe waren, hinter her, bis sie außer Sicht- und Hörweite war. Dann drehte ich mich um und warf Joe einen entrüsteten Blick zu.
„Verlobte?“ Schnaubte ich wütend.
„Ich dachte du hättest nichts dagegen.“ Er schien ein wenig verlegen zu sein, ich war wütend, ich fühlte mich total hinters Licht geführt.
„Ich fass es nicht.“ Rief ich schockiert aus, schulterte meine Reisetasche und lies ihn einfach stehen. Doch Joe dachte gar nicht daran allein auf dem Bahnsteig zurück zu bleiben und folgte mir kurzerhand. Während ich versuchte seine Gegenwart vorerst zu ignorieren. Was aber nicht so klappen wollte, da seine Nähe mir durch mein Herzklopfen und die Schmetterlinge in meinem Bauch vollauf bewusst war. Als erstes lenkte ich meine Schritte zu einem Fahrkartenautomaten Ich lies mir die zwei mal ausdrucken, immerhin benötigte Joe auch eine. Doch als ich mich umdrehte, um ihm den Zettel in die Hand zu drücken schäumte meine Entrüstung wieder hoch ob seines Anblickes. Wenigstens schien er gehetzt zu sein, also war ich schnell. Das war ich immer wenn ich sauer, wütend oder sehr verärgert war. Im Moment nicht fähig auch nur irgend ein Wort zu sagen, gab ich nur einen schnaufenden Laut von mir, der nichts anderes bedeutete als: <<Nicht zu fassen.>>. Dann ging ich einfach weiter und ließ ihn abermals stehen, immerhin mussten meine Eltern informiert werden, das mein Zug Verspätung hatten und sie mich daher erst zu einem anderen Zeitpunkt vom Bahnhof abholen sollten. Zu allem Überfluss gab mir Joe anstandslos Kleingeld, als ich in meinen Portemonnaie nur einen fünf Euro Schein fand. Als meine Mutter unterrichtet war, gab ich ihm das Restgeld, blieb aber stehen, konnte aber kein Wort sagen. Jetzt da ich einfach nicht mehr wusste wie ich reagieren sollte, nach Wut und Verärgerung kam nun Verwirrung und ich stellte mir die Frage, ob Joe es nicht doch ernst gemeint hatte. Aber als auch er nichts sagte, drängte ich mich an ihm vorbei und wollte weiter gehen.
„Alexis so warte doch mal.“ Bat er. Dieser Schuft mit diesen paar Worten brachte er mich dazu wieder dieses angenehme kribbelnde Gefühl im Rücken zu haben.
„Ich finde es ist alles geklärt oder?“ Sagte ich dennoch. Mein Trotz regte sich, als mir etwas klar wurde. „Du hast deine Mutter schockiert und ich war dir eben genau richtig. Durfte das Opferlamm spielen.“ Entgegnete ich gepresst und wollte weiter.
„Wer hat dich verletzt?“ Fragte Joe einen langen Atemzug später. Es musst ihm viel Überwindung gekostet haben das schon jetzt zu fragen. Denn
es war eine Frage, deren Antwort ein Teil meines Innerstes hätte offen legen müssen. Ich stockte und drehte mich langsam zu ihm um und sah ihn mit zusammengepressten Lippen an. „Wer hat dich derart verletzt das du Menschen so scheu gegenüber trittst das du lieber weg rennst als dich dem zu stellen, auf was du triffst?“ Meine Schultern hatten sich schon längst verhärtet und meine Hand, die den Schulterriemen meiner Reisetasche hielt verkrampfte sich, während die freie sich zu einer Faust ballte.
„Das geht dich gar nichts ...“ <<an>> Wollte ich sagen, doch er lies es nicht zu. Stattdessen nahm er mein Gesicht in seine Hände, zog es sanft zu sich, beugte sich ein wenig hinunter, da ich von wesentlich kleinerer Körpergröße war als er und küsste mich sanft. Mir ging es dabei durch und durch, mir wurde heiß und das energische Herzpochen, das ich glaubte unter Kontrolle zu haben brach wieder heraus und meine Knie wurden ganz weich, ich wunderte mich schon das ich überhaupt noch stand, als er von mir ab ließ.
„Bist du jetzt bereit mit mir zu reden?“ Fragte er lächelnd.
„Ja.“ Hauchte ich. Wo war die nächste Sitzgelegenheit? Ich traute mir nicht mehr zu noch lange stehen zu können. „Wenn wir uns irgendwo hinsetzten könnten.“ Bat ich mit einem Grinsen, um meine Unsicherheit ein wenig zu überspielen.
„Hast du Hunger? Dann lade ich dich zu Mc Do ein.“ Ich nickte nur. Dort angekommen nannte ich ihm meinen Wunsch. Und während Joe sich an stellte, was ich als gerechte Strafe empfand, immerhin war er teilweise für meinen derzeitigen Gemütszustand verantwortlich, suchte ich uns einen guten Nichtraucherplatz und sehr weit weg von der Raucherecke. Kurz darauf kam er mit seiner und meiner Bestellung.
„Das ist kein Scherz?“ Begann ich zwischen zwei Bissen Mc Chicken und dem Kauen.
„Nein.“
„Keine Trotzreaktion gegenüber deiner Mutter?“ Ich aß danach etwas von den Pommes.
„Nicht direkt.“
„Ich weiß ehrlich gesagt nicht was ich davon halten soll.“ Seufzte ich auf und widmete mich meiner Cola Light, denn ich wusste wirklich nicht was ich nun mit dieser ganzen verfahrenen Situation machen sollte. Am liebsten hätte ich schon längst Nein oder Vergiss es gesagt, aber mein Herz ließ dies nicht zu. Immer wenn ich dazu ansetzten wollte, hämmerte es so laut und vernehmlich als wolle es sagen ich lebe, ich will nicht sterben. Es ging einfach nicht, ich konnte nichts in dieser Richtung sagen. „Aber warum dann? Was hat dich dazu gebracht, wenn nicht in direkter Linie deine Mutter zu verärgern?“
„Spürst du es nicht?“ Fragte Joe. Ich vergaß zu essen und zu trinken und sah ihn verdattert an. „Spürst du nicht das Gefühl deines Herzens, deines Bauches wenn du mich siehst? Fühlst du nicht wie deine Knie nachgeben, wenn du nur daran denkst mich zu küssen? Mir geht es jedenfalls so. Dein reiner Anblick lässt bei mir die Glocken läuten.“ Ich war knallrot geworden, nicht nur das er meine Gefühle in der selben Heftigkeit erwiderte, wie ich sie ihm gegenüber empfand, nein er hatte eben gerade mir seine Liebe gestanden ohne es direkt zu sagen.
„Das tut nichts zur Sache.“ Entgegnete ich widerwillig.
„Das heißt du sagst nein?“ Ich machte den Fehler in seine Augen zu schauen, welche mich flehend ansahen.
„Ja.“ Sagte ich.
„Nein.“ Revidierte ich meine Aussage. „Ich meine... Ich fühle mich geschmeichelt das mir so etwas überhaupt passiert, doch ich stelle mir das anders vor.“ Ich machte eine kurze Pause. „Ich stelle es mir romantischer vor, als auf einem Bahnsteig vor deiner Mutter und dann noch nicht mal gefragt zu werden. Nein du musst mich ja gleich als deine Verlobte vorstellen. Ich werde gerne gefragt bevor mich jemand als etwas vorstellt was ich nicht bin.“ Dann schwieg ich endgültig und hoffte das ich meine Gefühle gut zum Ausdruck bringen konnte.
„Einverstanden. Du sollst gefragt werden. Und...“ Er lächelte geheimnisvoll. „Es wird ein unvergesslicher Moment für dich werden. Nur muss ich sicher sein, möchtest du meine Verlobte sein?“ Nachdenklich saugte ich am Strohhalm meines Getränkes und lächelte, meine Antwort war doch schon längst klar.
„Ja.“ Antwortete ich nur.






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