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Auf der anderen Seite haben meine Großeltern ganz früher die schimmeligen Stellen vom Brot weggeschnitten und den Rest noch gegessen.

Sie sind über 80 Jahre alt geworden.
ja, dieser früher-heute-vergleich wird wirklich häufig gemacht, funktioniert aber nicht: deine großeltern wuchsen in einer zeit auf, in der sie völlig anderen bedingungen ausgesetzt waren als wir heute. damals gab es andere einflüsse in der umwelt und auch in dem, was man an nahrung zu sich nahm. heute gibt es bei den umwelteinflüssen viel mehr zu berücksichtigende faktoren (zb. in der luftqualität, strahlungs-potenzial, giftmüllanreicherungen...), die einfluss auf die gesundheit nehmen.

das essen ist heute stärker denaturiert und wird in der industriellen produkion mit stoffen angereichert, bei denen mittlerweile klar ist, dass sie z.b. zum anstieg von allergien und krebsrisiko führen. zudem gibt es viele wohlstandskrankheiten: früher konnten sich viele nicht leisten an den kiosk oder imbiss zu gehen und sich jeden tag schon fertiges essen zu holen. heute ist sowas normal. damit verändert sich auch essqualität, was wiederum einfluss darauf hat, dass es mehr übergewichtige menschen gibt, denn auch das ist erwiesen: wer sein essen regelmäßig selbst zubereitet, issst automatisch weniger, hat einen höheren sättigungs-erfolg und nimmt schon durch das bewusste zubereiten der nahrung aktiver einfluss auf seine gesundheit (schließlich sucht man sich dann meist genauer aus, was reinkommt).

dann kommen weitere faktoren wie zunehmender stress in beruf und alltag hinzu. heutzutage ist es so, dass wir zwar in einigen berufen leichtere tätigkeiten ausführen als deine großeltern damals. im gegenzug entwickelten sich aber ganz neue formen von arbeits-stress, z.b. durch die "heuschrecken"-taktik vieler konzerne: die angst vom verlust des arbeitsplatzes, selbst wenn man seine arbeit immer gewissenhaft erledigt.

ein weiterer faktor ist der privatstress: wer gönnt sich schonmal wirklich ruhe? selbst die sonntage werden zum shopping-event gemacht, an dem sich tausende menschen im gewusel durch die einkaufszentren pressen. auch das ist stress, selbst wenn wirs nicht wahrhaben wollen bzw. schon teils abgestumpft sind. ein weiterer faktor im privatstress ist das überangebot an möglichkeiten: uns wird permanent suggeriert, wir könnten dies und das und vielleicht auch dieses und jenes machen. eine fülle an angeboten, die alle attraktiv scheinen und wenn man sich nur richtig organisiert, kann mans doch schaffen, schließlich will man ja so viel wie möglich in seinem leben mitnehmen... auch das artet letztlich nur in stress aus, denn eigentlich schaffen es die meisten nicht, sich in diesem durcheinander zurechtzufinden.

das internet ist das beste beispiel dafür: das phänomen, dass leute mit einem bestimmten ziel ins netz gehen und letztlich was ganz anderes machen, weil sie von der vielzahl an angeboten und den unzähligen weiterverweisungen an neue themen auf den seiten ablegelenkt werden. am schluss hat man x neue seiten durchgeklickt, ohne das erreicht zu haben, was man eigentlich vorhatte. wodurch wiederum zeitdruck, unzufriedenheit und letztlich stress entsteht. außerdem suggeriert das internet, dass man ja an sooo vielen interessanten projekten teilnehmen könne, ganz easy von zuhause aus. allerdings ist das auch alles mit arbeit verbunden. eine tastatur nimmt einem die nicht ab. also unterm strich wieder stress. womit der bedarf wächst, sich immer mehr zu strukturieren oder einfach resigniert den kopf in den sand zu stecken.

ein anderes interessantes phänomen ist, dass wir als kunden mittlerweile zwar glauben, selbstbestimmter zu sein, weil wir durch die vielen tollen preisvergleichs-seiten im web ja sowas von aufgeklärt sind. andererseits wenden wir dadurch aber zeit und arbeit auf, die vorher noch nicht anfiel. beim neukauf eines produktes entsteh so auch wieder stress: was muss ich tun, um das günstigste vom günstigsten zu erhalten. wieviele preissuchmaschinen muss ich abklappern, wieviele reviewseiten lesen usw. usw.

die liste ließe sich noch um viele weitere punkte verlängern... und natürlich wiegen für jeden menschen diese einzelnen faktoren nicht gleich schwer. das ist bei jedem anders. aber fakt ist, dass wir, selbst wenn wir nix damit zu tun haben wollen und die augen zu machen, dennoch in der einen oder anderen weise davon betroffen sind.

es wäre also falsch zu resignieren. wenn man jemandem, so wie ich gerade, vor augen führt, welche riskiken es heutzutage gibt, verfallen viele in resignative bequemlichkeit und sagen entweder "ach, jetzt übertreib mal nicht. ist doch alles nur panikmache!" oder "naja, was solls, ich kann eh nix machen!".
wenn einem aber erstmal bestimmte mechanismen in unserer modernen welt bewusst sind und man sie durchschaut hat, kann man sie auch in den eigenen lebenswandel miteinbeziehen. mich macht das gelassener, denn ich weiß, dass ich in einem gewissen rahmen noch selbst bestimmen und über meine lebensqualität entscheiden kann. wenn ich das nicht machen würde und stattdessen einfach resigniere, käme mir das alles ziemlich sinnlos vor: wieso sollte ich meinen arsch auf die arbeit schieben, wenn ich mir damit nicht die entsprechende lebensqualität sichere? allein um am leben zu bleiben und fremdgesteuert vor-mich-hin-zu-konsumieren und dabei mal ein bisschen markt-verordneten spaß zu haben? nein danke.


tja... soviel von mir zum thema mindesthaltbarkeitsdatum...