Lexicania
Die Besserwisserin

Lexicania, die Schaumgeborene, ging aus einer dünnen Suppe hervor, die Moraleier aus Gehirnzellen gekocht hat, eine Gehirnzelle von jedem der fünf Götter. Sie hatten sich davon versprochen, eine Streitschlichterin zu erschaffen, eine Göttin, die das Beste von ihnen allen in sich vereint und alles wissen, das es jemals zum Thema Rollenspiel gegeben hat.
Das Ergebnis ist so fragwürdig wie entsetzlich.
Lexicania wird als kleines Mädchen mit großen, hungrigen Augen dargestellt, das seinen Kiefer ausrenken kann, so dass es glatt ein Nilpferd am Stück herunter schlingen könnte. Mit sich trägt sie das Buch der Sieben Siegel, das Unsichtbare Nachschlagewerk und die Tröte der Verdammnis.
Es ist, hat man es mit einer Inkarnation von Lexicania zu tun, nicht ratsam, etwas nicht zu wissen oder gar, ob aus böser Absicht oder nicht gegen die heiligen Gesetze des Rollenspiels zu verstoßen.
„Wie würfelt man das jetzt noch mal aus?“ fragt der Spieler arglos und erntet Schweigen. Es dauert immer länger, bis er schließlich den Kopf hebt und die bleichen Gesichter seiner Mitspieler betrachtet und dann das Antlictz der Lexicania-Inkarnation, die ihn mit einer Mischung aus Abscheu und Vorfreude anstarrt.
„Nun“, beginnt sie langsam und gewichtig, und dann vergeht eine recht lange Zeit, in der sie redet und zitiert und erklärt. Wie lang diese Zeit ist? Was sie alles erzählt du zitiert und erklärt? Niemand weiß es. Die gnädige Umnachtung des Wachkomas umfängt die Opfer von Lexicanias Attacken bereits nach wenigen Augenblicken, und später leiden die armen Seelen an Amnesie, deren Schleier sich nie wieder von den Erinnerungen lüften lassen will.
Und das ist noch das Harmloseste, was einem zustoßen kann.
„Ach ja“, könnte der Spieler vielleicht sagen, in dem Irrglauben, er wüsste, wie man das denn noch mal auszuwürfeln hat … und macht es falsch. Vor Lexicanias Augen.
„Nööööööt!“ Der Klang der Tröte der Verdammnis ist entsetzlich und fährt selbst dem Unerschrockensten bis ins Mark. Diesmal ist der Ton der Erklärung nicht mehr so freundlich. Und es dauert alles noch viel länger. Manche haben auf diese Weise nicht nur Stunden, sondern ganze Tage ihres Lebens verloren, und in Berlin wandert im Tiergarten ein verwirrter Mann mit schlohweißem Haar umher, der berichtet, er habe dereinst mit vierzehn Jahren mit dem Rollenspiel angefangen, einen Fehler gemacht, und von diesem Tag an fehlen ihm sämtliche Erinnerungen.
Zu Anhängern, die gefhelt haben, kann Lexicania mitunter besonders grausam sein, indem sie am Ende die richtigen Antworten abfragt. Und wehe dem, der sie nicht parat hat. Der Klang der Tröte der Verdammnis kann einen geistig zuvor noch ganz gesunden Menschen binnen kurzer Zeit in den Wahnsinn treiben.
Gesegnet seien die, die überzeugend sind und ohne Stolz. „Klar, du hast recht“, ist eine der Zauberformeln, mit denen man mitunter eine aufgebrachte kleine Gottheit besänftigen kann, bevor es zu ersten Fällen von geistiger Zerrüttung kommt. „Natürlich, das hatte ich nur vergessen, aber klar – tut mir leid.“ Eine andere. Man tut gut daran, sie sich zu merken, sie auszubauen und vor dem Spiegel zu üben. Um gewappnet zu sein für den Tag, da man einen Fehler macht.
Manch Wahnsinniger hat sich auch schon aufgemacht, um Lexicania auf eigenem Feld zu schlagen. Hat sich ausgerüstet mit Argumenten, Zitaten und Seitenzahlen und ist voll Wagemut ausgezogen in die Schlacht. Keiner von ihnen kehrte je zurück. Nur die von Lexicania Beseelten können sich auf eine Diskussion mit ihresgleichen einlassen. Und da sieht man sie stehen und reden und reden und eifern und reden. Oder, in Foren, schreiben und schreiben und eifern und schreiben.
Mischt euch niemals ein, ihr Normalsterblichen. Ihr werdet zwar dabei nicht den Tod finden – aber etwas, das ihn wie die weitaus bessere Alternative erscheinen lässt.
Und lasst ihr den Triumph, der armen Lexicania. Aus einer dünnen Suppe geschöpft, von allen ihren fünf Eltern gehasst und nichts in der Hand und im Kopf als Bücher und Tröte – sie hat es doch wahrlich schwer genug.