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Thema: Der Herr der Ringe - die neue Übersetzung beurteilt

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  1. #1
    Forum-Aktivist Avatar von Reiner
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    Standard AW: Der Herr der Ringe - die neue Übersetzung beurteilt

    Da haben wir ja eine ausgesprochen "Fach-Frau" an Bord, danke hmpf.

    Sach mal noch, woher Deine excellenten Englischkenntnisse herrühren ... nur aus der Schule?

    Zu meiner Beurteilung:

    Ja, ich kritisiere auch dass die neue Übersetzung gewisse übertriebene Modernierungen hat. Wobei ich nach einiger Zeit des Lesens "Chef" als gar nicht mehr schlimm empfand - auf Dauer dann sogar passender.

    Warum?

    Man schau sich einfach die excellente Verfilmung (New Line Cinema) an. Man sieht jetzt Sam vor sich in seiner flapsigen und manchmal naiven Art. Was hat dieser bäuerliche Sam in dieser Form mit einem gebildeten, britischen Aristrokaten des Mittelalters gemeinsam - nichts!
    Auch diese, seine Art aber auch die verschiedenen Kulturen und Völker, werden in unterschiedlicher Sprachweise im neuen Buch deutlich - viel deutlicher als zuvor.

    Kregge begründet dieses auch so im Nachwort.

    Und es macht es auch für mich plausibeler. Man merkt deutlich, dass die Sprache im Auenland anders ist als bei den Reitern von Rohan und die Sprache der Elben ist wieder eine Andere.

    Das finde ich gut und gelungen.

    Viel wichtiger noch als diese kleine Kritik, ist für mich die deutlich gesteigerte Lesbarkeit.

    Da ich beide Fassungen besitze habe ich mir immer wieder zum Anfang eines Kapitels die alte Übersetzung daneben gelegt und musste feststellen: Nö, das ist "verdrehter Satzbau", sowas mag man im Mittelalter gesagt haben, doch wer kann das heute flüssig lesen und noch verstehen.

    Die alte Übersetzung bediente sich dem Sprachaufbau des irdischen Mittelalters als Mittel zum Zweck. Als Mittel um eine bestimmte Assoziation und Vorstellung herzustellen.

    Auenland, Rohan und Mordor sind jedoch keine Länder auf der tatsächlichen Erde und stellen eine fiktive Fantasie-Geschichte dar.

    Auch wenn der Autor die britschen Landschaften und Sprachgewohnheiten seiner Zeit vor Augen hatte und verwendete, so verwendete wiederum die neue Verfilmung (The Lord Of The Rings) Landschaften aus Neu Seeland und wieder eine andere Sprache - hier akzeptieren wir das komischweise viel kritikloser.

    Also ich bin ein Freund geworden der neuen Übersetzung ... nicht kritiklos, aber grundsätzlich in die richtige Richtung, denn es ist ein Fantasie-Urgestein und keine Geschichte des Mittelalters über das Mittelalters - das sollte nicht vergessen werden.
    Geändert von Reiner (16.12.2006 um 18:20 Uhr)
    "Glaubst Du noch, oder denkst Du schon?" Giordano Bruno / "Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher." Albert Einstein. /"Ich kann zwar die Bewegungen von Himmelskörpern berechnen, aber nicht die menschlichen Verrücktheiten." Sir Isaac Newton. / Das Mitlesen in diesem Beitrag ist verboten, wenn Ihr zu jung dafür seid. https://anchor.fm/reiner-krauss/

  2. #2

    Standard AW: Der Herr der Ringe - die neue Übersetzung beurteilt

    Zitat Zitat von Reiner
    Da haben wir ja eine ausgesprochen "Fach-Frau" an Bord, danke hmpf.

    Sach mal noch, woher Deine excellenten Englischkenntnisse herrühren ... nur aus der Schule?
    Gott, nein. Mein Englischunterricht war über weite Strecken total miserabel. Und weil ich das erkannte und aber dennoch die Sprache lernen wollte, fing ich irgendwann (9. Klasse, also Anfang der 90er) an, englische Bücher zu lesen. Ich hatte dabei das große Glück, daß die ersten zwei oder drei Bücher, die ich erwischte, sprachlich sehr einfach waren (Ray Bradburys Fahrenheit 451 und irgendwas von Hemingway, glaube ich - beide Autoren sind für Anfänger sehr zu empfehlen!), so daß ich trotz meiner bescheidenen Kenntnisse recht gut zurechtkam. In der elften Klasse wagte ich dann - nach einigen erfolgreich gelesenen Büchern - den Sprung in den Vorleistungskurs Englisch, und siehe da, ich konnte mithalten, sogar mit den Leuten, die ein Jahr in den USA gewesen waren. Nach der Schule habe ich dann mit dem Lesen so weitergemacht und, als mir nach ein oder zwei Vergleichen auffiel, wie problematisch Übersetzungen sind, den Anteil englischsprachiger Bücher an meiner Lektüre noch vergrößert. (Fahrenheit 451 ist - zumindest in der alten Übersetzung - z.B. auch sehr problematisch; der Rhythmus von Bradburys Sprache kommt überhaupt nicht rüber und es gibt auch inhaltliche Verfälschungen.) Ein paar Jahre später (1998) entdeckte ich das Internet und das Phänomen "Fandom", wobei mir lange nicht klar war, daß dies keineswegs nur ein amerikanisches/englisches Phänomen war. Ich begann, mich auf Foren und Mailinglisten rumzutreiben (alle englischsprachig) und kilobyteweise Fanfiction zu lesen (selbstverständlich ebenfalls englisch, denn deutschsprachige Fanfiction gab es damals noch kaum, zumindest nicht im Internet; mag sein, daß es ein paar Zines gab). 1999 fing ich an, Fanfiction zu schreiben (http://www.allabouthmpf.com/fanfic.htm), und die ganze Zeit über las ich natürlich nebenher noch haufenweise englische Bücher (http://www.allabouthmpf.com/books.htm - ein virtueller Blick in mein Bücherregal; ETA: Bin gerade selbst mal neugierig auf das Verhältnis Deutsch : Englisch in meinem Regal geworden, und nach einer schnellen und sicher etwas ungenauen Zählaktion bin ich auf ein Verhältnis 1:2 gekommen, d.h. auf jedes deutsche Buch kommen circa zwei englische.) Ab 2000/2001 schaute ich auch verstärkt englischsprachige Serien und Filme. Na ja, und seit 2001 studiere ich Amerikanistik (beim Sprachtest am Anfang war der Kommentar des Profs zu meinem Ergebnis: "You're too good for this department." *g* Hab dann den obligatorischen "Basic Writing"-Kurs erlassen bekommen.), und 2003/2004 war ich dann auch noch ein Jahr in Birmingham, aber da war mein Englisch eigentlich schon mehr oder weniger in dem Zustand, in dem es heute ist. Allenfalls im mündlichen Ausdruck bin ich noch etwas besser geworden - Sprechen fällt mir nämlich erheblich schwerer als Schreiben, was sicher niemanden verwundert, der weiß, wie ich Englisch gelernt habe, nämlich fast ausschließlich durch Lesen und Schreiben.

    Man schau sich einfach die excellente Verfilmung (New Line Cinema) an. Man sieht jetzt Sam vor sich in seiner flapsigen und manchmal naiven Art. Was hat dieser bäuerliche Sam in dieser Form mit einem gebildeten, britischen Aristrokaten des Mittelalters gemeinsam - nichts!
    Frodo ist der Aristokrat, nicht Sam. Wie bereits gesagt, das Verhältnis zwischen den beiden ist feudal - grob gesagt: Herr und Knecht. Der Knecht schuldet dem Herrn Treue und Dienst, der Herr dem Knecht Schutz. Im Buch wird des öfteren recht klar, daß sich nicht nur Sam für Frodo, sondern auch Frodo für Sam zutiefst verantwortlich fühlt - viel, viel verantwortlicher als ein Chef es gegenüber seinen Angestellten tun würde. Ein Angestellter ist, egal, für wen er arbeitet, im Grunde immer noch sein eigener Herr. Der Chef schuldet ihm nichts als eine angemessene Bezahlung. Die Verwendung des Begriffs "Chef" in der neuen Übersetzung suggeriert, daß Frodos und Sams Verhältnis ein modernes Beschäftigungsverhältnis ist, was aber eben nicht der Fall ist. Na ja, ich wiederhole mich, ich habe das ja im Grund schon in meinem vorigen Beitrag dargelegt.

    Und es macht es auch für mich plausibeler. Man merkt deutlich, dass die Sprache im Auenland anders ist als bei den Reitern von Rohan und die Sprache der Elben ist wieder eine Andere.
    Das ist ja auch ein guter Ansatz. Aber "Chef" ist einfach so daneben, daß es das gesamte Gesellschaftssystem im Auenland in ein völlig falsches Licht stellt. Dadurch wird der Inhalt des Buches ganz entschieden verfälscht.

    Da ich beide Fassungen besitze habe ich mir immer wieder zum Anfang eines Kapitels die alte Übersetzung daneben gelegt und musste feststellen: Nö, das ist "verdrehter Satzbau", sowas mag man im Mittelalter gesagt haben, doch wer kann das heute flüssig lesen und noch verstehen.
    *husthust*

    Okay, stampfen wir sämtliche Literatur, die vor 1980 geschrieben wurde ein. Wer versteht das schließlich heute noch? Altmodisches Zeugs.

    Also... Einmal tief durchatmen...

    1.) Die vorherrschende Sprache in der alten Übersetzung ist *nicht* mittelalterlich. Sie ist antiquiert, aber nicht *so* antiquiert. Sie orientiert sich am Sprachgebrauch des - schätzungsweise - späten neunzehnten Jahrhunderts. Was durchaus zu den Hobbits paßt. Was, genaugenommen, sogar ideal ist für die Hobbits, die ja unsere Perspektive und daher auch den vorherrschenden Sprachstil bestimmen, denn die Hobbits wurden aus Tolkiens Sehnsucht nach der Welt seiner Kindheit geboren, und die Welt seiner Kindheit war das späte 19. und sehr frühe 20. Jahrhundert. Tolkien wurde 1892 geboren und wuchs größtenteils in Birmingham auf, wobei seine frühe Kindheit in ländlichen Vororten stattfand und dementsprechend ländlich geprägt war.

    2.) In den späteren Teilen des Herrn der Ringe sowie in Szenen, wo die Hobbits Elben begegnen usw. wird tatsächlich ein mittelalterlich anmutendes Deutsch verwendet. Dies ist völlig angemessen, denn der Mediävist Tolkien verwendete für diese Stellen ein vergleichbar 'mittelalterliches' Englisch. In beiden Fällen handelt es sich natürlich nicht um ein richtiges mittelalterliches Deutsch oder Englisch, denn *das* versteht heute wirklich niemand mehr - lies mal Walther von der Vogelweide oder so... http://de.wikisource.org/wiki/Reichston *g*

    Auch wenn der Autor die britschen Landschaften und Sprachgewohnheiten seiner Zeit vor Augen hatte und verwendete, so verwendete wiederum die neue Verfilmung (The Lord Of The Rings) Landschaften aus Neu Seeland und wieder eine andere Sprache - hier akzeptieren wir das komischweise viel kritikloser.
    Die Synchronisation der Filme basierte auf der alten Übersetzung. U.a. leicht daran zu erkennen, daß Frodo im Film von Sam kein einziges Mal "Chef" genannt wird. ;-) Es steht aber auch ganz deutlich im Abspann.
    Geändert von Hmpf (17.12.2006 um 15:57 Uhr)

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