division four - chapter 2
Chad steigt in den Fahrstuhl. Wie immer überkommt ihm ein ungutes Gefühl seine Frau alleine zurück zu lassen. Dieses Gefühl hatte er schon in der alten Wohnung, aber seit dem sie in das Wohngebäude von Naevisus eingezogen sind, ist dieses Gefühl verstärkt worden. Er sieht ihr jedes Mal in die Augen und sein Herz sagt ihm, dass es das letzte Mal war. Doch bis jetzt kann er sich nicht beklagen. In seinem neuen Job läuft es gut. Und was noch viel wichtiger ist, seiner Frau gefällt es hier. Sie fühlt sich wohl. Schon alleine deswegen muss sich Chad hier auch wohlfühlen. Müssen? Nein. Er fühlt sich wohl. Zumindest redet er sich das ständig ein.
Es ist Montagmorgen. Die Wohnung liegt nur 13 Stockwerke unter seinem Labor. Das ist etwas was ihm sehr wichtig ist. Nur 13 Stockwerke trennen ihn von Sarah. Sollte sich ihr Zustand verschlimmern wäre er sofort bei ihr. Die Illusion ihr helfen zu können.
Langsam öffnet er die Türe zu seinem Labor und setzt sich an seinem Schreibtisch um die Testergebnisse von gestern zu überprüfen. Jeder dieser Tests bringt ihn ein Stück näher an sein Ziel: eine Behandlung für Sarah zu finanzieren. Noch ist es ein langer Weg. Die Uhr tickt ständig. Manchmal, wenn er nachts mit Sarah im Bett liegt und ihre Uhr hinunter zählen sieht, scheint es ihm beinahe so, als ob die Uhr bei jedem Herzschlag eine Sekunde wegnimmt. Meistens wartet er solange bis die Tagesanzeige wieder um eins reduziert wird. Kurz bevor die Digitalstelle sich umstellt schließt er seine Augen, in dem Glauben, dass sie aufhört zu zählen, dass sie stehen bleibt. Er öffnet seine Augen wieder aber die Uhr tickt unerbittlich weiter.
Heute Morgen ist ein vergleichsweise guter Morgen. Die Testergebnisse sind zufrieden stellend. Chad dürfte es gelungen sein, die Anzeige wieder etwas zu verfeinern und zu präzisieren. Bei Sarah zeigt die Uhr 459 Tage an. Da die Genauigkeit bei ihrem Modell aber um +/- 1 Jahr variiert, weiß Chad natürlich welche Stunde es geschlagen hat. Sie muss in einen anderen Körper. Es ist ihm egal wie der neue Körper aussieht, aber er muss Sarah mittels ID-Bar retten.
Nachdem er sich wieder seinen Tests gewidmet hat, öffnet sich die Tür zu seinem Labor. Er dreht sich langsam mit seinem Sessel um und erblickt Dr. Vuylian. Dieser setzt ein Lächeln auf sein Gesicht und begrüßt Chad mit einem freundlichen „Guten Morgen.“.
„Guten Morgen Dr. Vuylian.“
„Chad, wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, dass Sie mich Richard nennen können?“
„Entschuldigen Sie Dr. … ich meine Richard.“
„Sehen Sie ist doch viel besser“, sein lächeln wird noch breiter, „Wie geht es Ihrer Frau heute morgen?“
„Nun, sie versucht die Sorgen die sie hat zu verdrängen. Sie versucht auch meine Sorgen zu verdrängen. Wir wissen beide, dass sie schleunigst in einen neuen Körper muss. Leider wissen wir auch, dass es dafür nur einen Weg gibt: Geld zu verdienen. Sie hat mir angeboten sich eine Arbeit zu suchen um mitzuverdienen. Aber um ehrlich zu sein das möchte ich nicht. Ich habe große Angst um sie aber das einzige worum sie sich sorgt, bin ich. Sie ist eine großartige Frau.“ Chads Lippen bewegen sich zu einem kleinen lächeln. „Eine großartige Frau“, diese Worte hat er auch bei ihrem ersten Date verwendet. Der schönste Tag seines Lebens.
Dr. Vuylian nickt: „Ja, sie ist eine großartige Frau, und eine Kämpfernatur.“
Chad wird aus seinen Gedanken gerissen. „Richard darf ich eine Bitte äußern?“
„Aber natürlich, was kann ich für Sie tun?“
„Können Sie veranlassen, dass Sarah bei ID-Bar in Behandlung kommt?“
Richard seufzt: „Chad, Sie wissen doch das ich keinen so großen Einfluss auf andere Abteilungen habe. Das gilt für ID-Bar genauso wie für unsere Buchhaltung. Ich weiß, dass Ihre nächste Frage einen Vorschuss beinhaltet hätte. So leid es mir tut, und so gerne ich Ihnen helfen würde, ich kann leider nicht.“
Chad lässt seinen Kopf hängen und schüttelt ihn.
„Was ich aber für Sie tun kann…“, er macht eine nachdenkliche Pause und wartet bis Chad seinen Kopf hebt, „Ich teile Ihnen ein weiteres Projekt zu. Es steht ganz eng im Zusammenhang mit ihrem jetzigen. Doch sie werden dabei eine etwas andere Rolle einnehmen, als Sie das bei diesem Projekt tun.“
Er sieht Dr. Vuylian fragend an.
„Nun, Fakt ist Sie brauchen zusätzliches Geld, und da ich es Ihnen nicht geben kann ohne das Sie dafür eine Leistung erbringen biete ich Ihnen den Verkauf unserer Erweiterung von „circle of life“ an. Dabei handelt es sich um die „Time to Leave“ Funktion“.“
„Time to Leave?“
Richard nickt: „Sie wissen doch bestimmt, dass die Gefängnisse der Circlotron Städte schon mehr als ausgelastet sind?“
„Ja, aber ich verstehe nicht?“
„Wir haben eine Kooperation mit der Regierung. Wir dürfen Häftlinge unter Vertrag nehmen, um sie für unsere Tests zu verwenden. Nachdem dieses Programm soweit ganz gut funktioniert, und viele der Häftlinge sehr kooperativ sind, gab es von der Regierung eine Intention sich einen Weg zu überlegen, die Häftlinge wieder zu resozialisieren. Und dabei kommt Time to Leave ins Spiel.“
„Was genau ist denn nun Time to Leave?“
„Nun wir wollen die Häftlinge wieder zurückschicken in die Circlotronstädte. Wenn wir das einfach so machen, ist es sehr schwer sie zu kontrollieren. Deswegen implementieren wir bei Ihnen circle of life mit der Time to Leave Erweiterung, um die Häftlinge so jederzeit orten zu können.“
„Somit bezieht sich der Name des Chips auf das verlassen aus der Haftanstalt?“
„Nun ja, nicht ganz. Die Regierung hat uns noch einen Zusätzlichen Punkt als Aufgabe gestellt. Wir sollten etwas entwickeln, um die Häftlinge jederzeit bestrafen zu können.“
„Wie wurde diese Aufgabe gelöst?“ Chad wirkt etwas misstrauisch.
„Unsere ersten Versuche gingen in Richtung Elektroschocks. Sie sollten sanft beginnen und den Häftling zu einer Meldestelle zwingen. Sollte er es ignorieren würden die Schocks stärker werden. Doch die Regierung sah darin die Gefahr, dass die Häftlinge diese Schocks nicht ernst genug nehmen würden.“
„Das heißt?“
„Es ist nun möglich, die Häftlinge mittels einer Konsole jederzeit zur Strecke zu bringen.“
Chad schluckt. Er ist sichtlich geschockt.
„Keine Angst Chad, es betrifft nur Häftlinge. Die Zivile Menschheit wird davon nie Wind bekommen. Es ist für den Häftling auch in keiner Weise schmerzlich. Er spürt nichts davon. Ich biete Ihnen an, diese Chips bei den Gefängnissen vorzustellen und zu verkaufen. Natürlich erhalten Sie eine anständige Prämie für jeden Verkauf. Das sollte Ihnen helfen das nötige Geld für Ihre Frau zu erarbeiten.“
„Bis jetzt war ich immer der Meinung das Naevisus versucht Leben zu retten, und nicht sie auszulöschen.“
„Das tun wir auch jetzt. Waren Sie schon einmal in einem der Gefängnisse Chad? Diese Häftlinge haben dort kein Leben! Wir bieten ihnen mit unserer Technologie eine zweite Chance. Es ist doch nur Fair, dass wir uns dabei rücksichern?“
„Das ist eine große Entscheidung. Ich würde das gerne mit Sarah besprechen…“
„Glauben Sie nicht, dass sie das nur unnötig beunruhigen würde? Es ist doch nur eine Arbeit. Ein Mittel zum Zweck Ihre Frau zu retten. Ich komme Ihnen mit diesem Angebot so weit wie möglich entgegen. Eigentlich hätte ich es schon jemand anderen versprochen, aber ich möchte Ihnen helfen. Wenn Sie diese Hilfe nicht wollen kann ich nichts mehr für Sie tun.“
Ein langer Moment des Schweigens.
„Also gut Dr. Vuylian, ich werde es annehmen.“
Dr. Vuylian lächelt: „Chad, wie oft muss ich es Ihnen noch sagen, nennen Sie mich Richard. Ich werde sofort einen Termin beim hiesigen Gefängnis machen. Sie stellen den Verantwortlichen dort einfach den neuen Chip vor, und sie werden kaufen. Da bin ich mir sicher!“
Chad nickt und widmet sich wieder seinen Tests. Stillschweigend verlässt Dr. Vuylian sein Labor.
„Was habe ich mir da nur angefangen?“, murmelt Chad zu sich selbst.





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