Zitat Zitat von Prospero Beitrag anzeigen
Gegenfrage: Habe ich denn ein Anrecht darauf unglücklich zu sein? Vermutlich ebensowenig oder genausogut wie andersherum, oder?
Natürlich habe ich ein Recht darauf glücklich oder unglücklich zu sein ...
Ich muß gestehen, dieses Argument verstehe ich nicht. Was soll das heißen, 'habe ich ein Anrecht darauf, unglücklich zu sein'? Und wie hängt das logisch mit meinem Argument zusammen? Soll es eine Umkehrung meines Argumentes sein? Soll es mein Argument widerlegen? Inwiefern tut es das?

Nochmal mein 'Argument', diesmal im Klartext anstatt als ironische Affirmation:

Das Universum *schuldet uns nichts*. Das war meine Kernaussage. Es gibt kein Menschenrecht auf permanentes Glück, aus gutem Grund: weil es ein solches Glück in unsere Welt nicht geben kann. Niemand kann uns das garantieren oder versprechen.

Es gibt natürlich sehr wohl Glück im menschlichen Leben. Aber wir haben keinen verbrieften Anspruch darauf, *und*, noch wichtiger: es fällt einem sehr oft nicht einfach so in den Schoß. Man muß was dafür tun. Und selbst im gelungensten Leben wird es auch immer wieder Zeiten geben, in denen man eben auch mal nicht glücklich ist. Damit muß man leben können, wenn man eine Chance haben will, daß das Glück mal wiederkommt. Wenn man bei der erstbesten 'Down'-Phase einfach aussteigt (also: aus dem Leben), hat man nämlich ganz einfach keine Möglichkeit mehr, zu erleben, wie es irgendwann wieder bergauf geht.

und um den Satz weiterzuführen und ich vermute darauf willst du eigentlich hinaus: In wieweit berührt dieses "Recht" das Recht der Anderen in meiner Umwelt, die ja ebenfalls ein Anrecht auf ihr Menschsein mit allen Konsequenzen haben...
Nein, darauf wollte ich nicht hinaus, zumindest nicht mit meinem Satz vom Recht auf Glück. Das Problem mit den Mitmenschen, die vom Streben des Einzelnen nach Glück tangiert werden, war mit der ebenso ironischen Affirmation "Scheiß-auf-den-Rest-der-Welt" gemeint.

Ich meinte mit meinem Satz vom Recht auf Glück wirklich die *Vermessenheit* anzunehmen, daß wenn mal was nicht so richtig läuft im Leben, das daran liegen müsse, daß die Welt irgendwie einen Fehler hat. Da liegt bei vielen, vielen Leuten so ein impliziter Glaube vor, daß die Welt ihnen ein glückliches Leben schuldet. Und das ist, m.E., Hybris.

(Anmerkung: 'die Welt' benutze ich hier im Sinne von 'das Universum', nicht von 'die Gesellschaft' - ich bin durchaus der Meinung, daß *die Gesellschaft* es uns schuldet, zumindest jede Anstrengung zu unternehmen, damit es allen so gut wie möglich geht. Aber das Universum - das Universum schuldet uns gar nichts.)

Wie weit darf ich es mir herausnehmen wirklich glücklich oder unglücklich zu sein auf die Kosten der Anderen? Womit wir bei einer äußerst moralischen Fragestellung wären - die die Autoren der Serie sicherlich nicht beabsichtigt haben, die allerdings natürlich zum Nachdenken anregt. (Womit in sofern das Ende durchaus seinen Sinn hat IMHO, aber das muss man nicht unbedingt so sehen.)
Weitaus problematischer als die Frage, inwieweit ich andere verletzen darf, um mein eigenes Glück zu erreichen - man kann es nämlich gar nicht verhindern, im Leben auch Menschen zu verletzen, deshalb ist das für mich hier gar nicht so sehr das zentrale Problem - ist doch die Frage, was ist eigentlich Glück? Wenn es lediglich ein Endorphinrausch ist, dann sind Sam und das Ende von LoM allerdings glücklich zu nennen. In diesem Sinne ist dann auch die Gesellschaft von Brave New World eine wahrhaft glückliche, denn schließlich ist dank Soma jeder dort permanent im Endorphinrausch.

Aber sobald man eine etwas komplexere Idee von Glück hat, z.b. eine, die Selbsterkenntnis und ein gelungenes Leben beinhaltet, steht man eben mit einer ganz anderen Geschichte da: dann hat Sam nämlich jede Chance auf wahres Glück verspielt, und zwar unwiderruflich. Wie so viele bemitleidenswerte Junkies hat er sich einfach den goldenen Schuß gesetzt. Mag ein ganz tolles Erlebnis sein, so lange es währte - aber eben doch ziemlich final, und letzten Endes sinnlos.

Das kann ich dir nicht zeigen - aber gerade das IST es doch letztendlich, oder? Was sehen wir denn genau? Wir sehen bei Sams Aufwachen gerade mal eben eine Schwester und den Chirurg, der die OP gemacht hat. Sonst ist da kein Mensch. Außer seiner Mutter natürlich, aber sonst? Kein Bekannter oder Freund, der sich vielleicht nach all den Zeit darauf freut Sam wiederzusehen.
Es besteht ein starker Widerspruch zwischen der übertrieben kalten, emotionslosen Darstellung von 2006 in diesen Szenen und der echten menschlichen Wärme, die in den vielen 'Soundbytes' aus dem Jahr 2006, die wir während Sams Koma zu hören bekamen - von seiner Mutter, seiner Tante, gelegentlichen Krankenschwestern, und sogar von Maya, trotz der letztendlichen Trennung - zu spüren war. Dieser extreme Bruch macht die 2006-Szenen aus 2.08 für mich zu einem eindeutigen, faulen Versuch der Zuschauermanipulation. Es paßte Graham plötzlich nicht mehr in den Kram, daß Sam glaubwürdige emotionale Beziehungen zu Menschen im Jahr 2006 hatte, weil ihm (wie er selbst im Interview zugibt) *in letzter Minute* auffiel, daß er Sam lieber im Jahr 1973 lassen würde. Da waren die Bindungen an 2006, die zuvor so sorgfältig aufgebaut worden waren, plötzlich hinderlich, denn durch sie würde das erwünschte Happy Ending ja einen bitteren Beigeschmack bekommen. Also hat er versucht, die *vielen* Szenen, die in den vorangegangenen 15 Folgen Sams emotionale Bindung an 2006 gezeigt hatten, aus dem Bewußtsein der Zuschauer zu verdrängen, indem er die 2006-Szenen in 2.08 so kalt und leblos wie möglich schrieb (und so kalt und leblos wie möglich ausleuchten und filmen ließ - der Blaufilter tut das Seinige).

Übrigens:

Seine Verlobte hat die Beziehung schon längst gelöst.
Ganze zwei Folgen zuvor. Davor, dürfen wir annehmen, hat sie *monatelang* regelmäßig an seinem Bett gesessen. Und das, obwohl er vor dem Unfall nachweislich ein ziemliches Arschloch war und sie Krach miteinander hatten. Und selbst, als sie sich dann am Ende von 2.06 wirklich von ihm verabschiedet, geschieht das mit einer immer noch spürbaren Wärme, Zärtlichkeit, und Bedauern. Und Sams Abschied von ihr ist ebenso gefühlsgeladen.

Nein, so, wie das gespielt und geschrieben war, kann ich nicht glauben, daß er ihr plötzlich am Arsch vorbeigeht. Und sie ihm auch nicht.

Aber selbst wenn - selbst wenn... Nehmen wir mal an, daß jegliche Wärme und Liebe und Fürsorglichkeit, die aus den 2006-Stimmen herauszuhören war, einzig und allein in Sams Phantasie bestand und in Wirklichkeit tatsächlich alle seine Beziehungen zu seinen Mitmenschen unterkühlt bis scheintot sind. Und nehmen wir, for argument's sake, mal an, daß sein Job und sein ganzes Leben nicht nur mild-langweilig sondern so richtig total beschissen sind: dann giblt immer noch:

So, wie 1973 angelegt war, schien es Sam zwei essentielle Dinge lehren zu wollen:

1.) Baue Beziehungen zu den Menschen um dich herum auf, nimm sie ernst, laß sie an dich heran, öffne dich, und

2.) Nimm dein Leben in die Hand, verändere deine Welt, kämpfe!

Weshalb fühlt sich Sam denn in seinem imaginären 1973 so lebendig? Weil er sich an der Welt dort reiben kann, und weil er es dort geschafft hat, Beziehungen aufzubauen, die tatsächlich etwas bedeuten. Weder das eine noch das andere sind ausschließlich Eigenschaften des Jahres 1973; es gibt weiß Gott auch im Jahr 2006 genug, an dem Sam sich reiben könnte, gegen das er kämpfen könnte, und sei es bloß das Übermaß an Bürokratie in der Polizeiarbeit. Und es gibt auch im Jahr 2006 Menschen, mit denen man echte Beziehungen eingehen kann. Wenn diese Menschen nicht in Horden um Sams Bett herum stehen, als er aufwacht, dann liegt das nicht daran, daß sie nicht existieren, sondern daran, daß Sam bis vor seinem Unfall anscheinend unfähig zu Beziehungen war.

Aber sein Unterbewußtes hat ihm ja jetzt extra einen mehrmonatigen Crashkurs zum Thema 'how to win friends and influence people' beschert und er hat sich dort gar nicht *so* übel geschlagen. Man sollte also annehmen, daß die grundsätzliche Fähigkeit durchaus in ihm angelegt ist. Es steht also nichts Grundsätzliches der Möglichkeit im Wege, daß Sam nach den die Selbsterkenntnis fördernden Erfahrungen seiner Koma-Träume sein Leben gemäß dem dort Gelernten neu anpacken und verändern könnte. Ja, wir würden dies sogar erwarten, denn seine Erfahrungen, sollte man annehmen, haben ihn zum Positiven verändert.

So weit, so logisch. Nur kommen dann leider Matthew Graham und der Blaufilter of Doom und wollen uns weismachen, daß

1.) entweder Sams Welt *so* einschränkend und unmenschlich ist, daß eine Veränderung dort unmöglich ist, oder aber

2.) daß *Sam* so beschränkt und in seinen Bahnen festgefahren ist, daß eine Veränderung für *ihn* unmöglich ist.

Im ersten Fall wäre sein Sprung ein Aufbegehren gegen eine tote Welt, die kein menschliches Glück mehr zuläßt; das wäre immerhin in der Geste des triumphalen Ausstiegs aus einem absolut menschenfeindlichen System ein Happy Ending of sorts, Thelma & Louise-style. Allerdings fehlen für diese Deutung m.E. Belege. Wir sehen nichts, das *wirklich* darauf schließen läßt, daß die Gegenwart kein wahrhaft menschliches Leben mehr zuläßt. Es wird dies uns zwar durch den Blaufilter und die Auswahl der Szenen auf einer emotionalen Ebene suggeriert, aber dummerweise kennen wir das Jahr 2006 gut genug, um zu wissen, daß die Welt nun doch nicht so völlig kalt und lebensfeindlich ist. Wenn Sam aus einer Welt wie jener des oben bereits erwähnten Films Brazil käme, könnte ich seine Entscheidung wesentlich besser verstehen. Um uns aber davon zu überzeugen, daß unsere eigene Welt unerträglich ist, hätte es mehr gebraucht.

Im zweiten Fall, also im Fall "die Unfähigkeit zur Veränderung liegt in Sam, nicht in der Welt begründet", hätten wir es mit einer waschechten Tragödie eines tragisch in sich selbst gefangenen Unverbesserlichen zu tun, der für sich selbst eine perfekte mentale Falle gebaut hat. Gegen diese Deutung, auch wenn sie eigentlich leider die einzig logische ist, sprechen allerdings die auf Teufel komm raus auf happyhappyjoyjoy getrimmten letzten vier Minuten (die ja - vielleicht nicht ohne Grund! - auch John Simm laut Interview irgendwie daneben findet).

Aber seltsamerweise macht sie die Bemerkung, dass er immer seine Versprechen einlösen würde.
Na, damit hat sie ja *bestimmt* gemeint, daß er sich vom Dach stürzen soll. Ganz klar.

Nein, mein Lieber (Du weißt, daß ich Dich mag, oder, Prospero? In dieser Sache hier 'kämpfe' ich mit harten Bandagen, aber das ist nicht persönlich gegen Dich oder irgendwen hier gerichtet.) - dieses Gespräch mit Sams Mutter ist nur ein weiteres Zeichen für die himmelschreiende Faulheit von Matthew Graham. Er wußte, daß über die vorangegangenen 15 Folgen hinweg dummerweise eine gewisse emotionale Beziehung zu Sams Mutter aufgebaut worden war, also mußt er einen Weg finden, den Zuschauern das Gefühl zu geben, daß es für Ruth Tyler 'irgendwie nicht so schlimm' wäre, wenn Sam springt - z.B. indem er die beiden ein halb-kryptisches Gespräch führen läßt, bei dem der Zuschauer sich dann vorstellen kann, daß die Mutter, in immer wieder gern bemühter magisch-mütterlich-telepathischer Weise, 'irgendwie verstanden' hat, was er meinte und 'irgendwie weiß', daß er 'irgendwo' weiterlebt.

Das ist leider einfach nur richtig schlechtes Schreibhandwerk.

Warum aber gelingt ihm in den zwei Szenen mit seinen Kollegen kein richtiger Dialog, warum bricht er das eine Gespräch brüsk ab ebenso wie das im Besprechungsraum?
Weil Matthew Graham vermeiden mußte, daß der Eindruck entsteht, daß Sam im Jahr 2006 noch irgendeinen Platz für sich finden könnte. Jeder Hinweis darauf, daß so etwas wie Leben oder menschliche Beziehungen im Jahr 2006 möglich sind, mußte vermieden werden.

Ich verweise auf meine obigen Bemerkungen zur handwerklichen Faulheit von Matthew Graham in dieser Folge.

Aber selbst in einer Midlife-Crisis würde ich es definitiv merken wenn was Scharfes in meine Hand eindringt...
Ich weiß, ich wiederhole mich, aber: auch das ist wieder ein Beispiel für MGs Tendenz, anstelle von Logik auf emotionale Manipulation zu setzen. Ist ja auch viel einfacher. Ein klares, deutliches Bild, dessen emotionaler Gehalt jedem klar ist ("Er kann nichts fühlen! OMG!"), und den Rest dürfen wir uns dann denken - oder auch nicht. Warum, weshalb? - Alles nicht so wichtig. Ob das Gefühl (ja, auch das Fehlen von Gefühl, also Totheit, Taubheit, ist ein Gefühl) berechtigt ist? Who cares. Wir sollen nicht denken, wir sollen fühlen. Denken ist unerwünscht, weil es die Widersprüche aufdeckt, die der Blaufilter of Doom und die schöne Brieföffner-Fingerschneide-Szene und die OMG!Einsamkeit!aufderParkbank verdecken sollen.

Nicht, daß ich was gegen Gefühle oder gegen gefühlige Sachen im TV hätte. Und wenn ich hier von Logik töne, dann meine ich damit nicht die banale Plotlogik. Ich kann Plotlöcher von Lastwagengröße verzeihen und ich heule auch gerne mal wie ein Schloßhund vorm Fernseher (äh, Computer). Was ich allerdings nicht verzeihen kann ist, wenn *der* klimaktische Punkt einer Erzählung in seinem emotionalen Effekt davon *abhängt*, daß der Zuschauer die Erinnerung an die bisherige Entwicklung der Themen der Erzählung sowie der Figuren ausschaltet. Die konsequente Entwicklung von Themen und Charakteren ist mir heilig. Wenn die Autoren einer Serie über ca. 16 Stunden hinweg daran gearbeitet haben, bestimmte zentrale Themen und Charakterzüge zu etablieren und zu entwickeln, kann man diese nicht in den letzten zehn Minuten über Bord werfen - oder zumindest nicht ohne eine *verdammt* gute Begründung. Matthew Graham gab uns aber keine Begründung, sondern nur Augenwischerei.

(snip) dass Sam sein Leben in die Hand nimmt und sei es um dieses zu beenden. Und ja, das klingt wirklich bekloppt, ich weiß, aber es hat für mich tatsächlich Sinn.
Da sag ich nur: halt dich fern von offenen Fenstern. (Ja, in meiner Jugend habe ich viel John Irving gelesen. Die frühen Sachen, natürlich.)

Tun sie das denn nicht in den letzten Minuten der Folge vor dem Sprung? (snip)
Einerseits ist außer seiner Mutter kein Mensch mehr da, der ihn halten könnte - andererseits scheint er aber auch gar nicht mehr fähig zu sein nach der OP überhaupt ein "normales" Leben führen zu können. (Ja, ich reite auf diesen Kollegengespräche herum, auf der Szene wo er auf der Bank sitzt. Ich weiß.)
Na ja, Du weißt ja schon, was ich dazu sage. 1.) Nein, sie zeigen uns nicht genug tiefe Verzweiflung, um einen Selbstmord wirklich zu erklären (aber sie wollen ja auch gar nicht, daß wir das wirklich als Selbstmord sehen; wir sollen ja eigentlich nur die 'Rückreise' ins Jahr 1973 wahrnehmen), 2.) Wenn kein Mensch da ist, liegt das an Sam, nicht daran, daß Freundschaft, Kameradschaft und Liebe 2006 grundsätzlich unmöglich sind; und das Sam dazu grundsätzlich fähig ist, haben wir im Jahr 1973 gesehen; was also hält ihn davon ab, diese Fähigkeit im Jahr 2006 einzusetzen?, 3.) Ich stimme Dir zu, daß die 2006-Szenen nahelegen, daß *Sam* tatsächlich nicht mehr 'lebensfähig' ist, im psychologischen Sinne. Das macht allerdings lediglich ihn zu einem schwer psychisch gestörten Menschen, und nicht etwa das Ende zu einem glücklichen. Im Gegenteil macht diese Tatsache das Ende sogar noch bitterer. Aber wir sollen uns nicht bitter fühlen, denn alles an der Inszenierung schreit ja "Happy Ending!", 4.) Du extrapolierst sehr viel aus sehr wenig Material. Sicher kann man sich das alles so hininterpretieren. Eigentlich sollte es aber der Job des Autors sein, uns das alles zumindest halbewegs deutlich zu machen. Diesen Job hat Matthew Graham leider nicht gut gemacht.

Hmm - nein - nicht unbedingt. Einerseits scheinen er und Annie ja endlich sowas wie eine Beziehung führen zu können, andererseits meint Chris ja, dass er Sam als Vorbild auserkoren hatte für seine Arbeit. Und Sam hat definitiv ja die Methoden verändert mit denen die Leute vorgehen - Kette mit Nägeln, Absperrungen, Beweise sichern - insofern scheint Veränderung ja doch möglich zu sein. Nein, sehe ich nicht so.
Ich auch nicht. Genau das ist ja das Problem. Sam hat eigentlich *bewiesen*, daß er sich verändern kann und seine Welt verändern kann. Also warum geht das nicht auch im Jahr 2006? (Es sei denn, wir nehmen wirklich an, daß der einzige Grund, weshalb Sam im Jahr 1973 zu diesen Dingen fähig war, darin lag, daß diese Welt eben seine eigene Schöpfung war und er dementsprechend natürlich die Kontrolle über sie hatte. Was uns wieder zurück zur hochtragischen Deutung der Geschichte bringt.)

Sam nimmt sein Leben in die Hand in dem er selber wieder etwas entscheidet am Ende. Der Sprung ist seine Entscheidung, kein passives Mitlaufen im System mehr.
Oh ja. Genau solche Widerstandskämpfer brauchen wir. Laßt uns alle von den Dächern springen, um unser Leben endlich mal in die Hand zu nehmen!

Sam soll also die Welt verändern - die Welt von wem denn?
Seine. Seine ganz alltägliche Umwelt.

Man kann die Welt doch nur verändern wenn man zusammen mit anderen arbeitet - alleine schafft man das nicht, meine persönliche Überzeugung -
Tja, dann können wir uns ja alle bequem zurücklehnen in dem Bewußtsein, daß *wir* ja keine Verantwortung für unser Leben tragen, denn schließlich sind wir immer nur machtlose Einzelne und die Welt ist groß und böse und gegen uns.

und da diese Beziehungen in seinem normalen Leben nicht da sind weil er das halt nicht kann, nicht mehr kann
Ich kann immer noch nicht ganz nachvollziehen, weshalb er es gerade *nach* den 1973-Erfahrungen 'nicht mehr' können soll. Da klafft für mich die unüberwindbare Charakterentwicklungslücke. Sollte er dort nicht eher *gelernt* haben, zwischenmenschliche Beziehungen einzugehen?

Man könnte jetzt natürlich darauf verweisen, daß er immerhin in 2.08 nochmal alle verrät, also im Grunde beweist, daß er eben *doch* ein unheilbarer Beziehungskrüppel ist. Das ergibt durchaus einen Sinn, das gebe ich zu.

erschafft er sich dann ja zum Schluss wieder sein Zuhause...
Es klingt seltsam und mit Sicherheit muss man drüber nachdenken, aber ja - das ergibt auf eine seltsame Art und Weise dann doch auf einmal Sinn. Deswegen schrieb ich etwas von Abrundung...
Der Sinn, den es ergibt und den ich, s.o., nicht abstreite, ist aber ein höchst deprimierender, und er widerspricht der offenbar ganz und gar ernstgemeinten Inszenierung als Happy Ending. Da *ist* kein Happy Ending weit und breit. Da ist einer ganz bitter an der Welt und an sich selbst gescheitert. Vor allem an sich selbst. Und das ist traurig, traurig, traurig. Egal, wieviele Regenbögen man drüber hängt. Es wird immer nur eines sein: furchtbar traurig.

Ja, genau: Sam als "Geisteskranker" - nein, ich lasse das jetzt mit den letzten Szenen, aber offenbar hat er ja Schaden erlitten durch die OP - springt vom Dach weil er mit der Realität nicht klarkommt. Weil er vermutet - sicher ist das nämlich ganz und gar nicht - dass er wieder im Land des Zauberers landet. Und weil er seine imaginäre Freundin zu retten müssen glaubt und damit ist für ihn das Happy-End gegeben. Natürlich. Und für uns dann auch.
Nein, tut mir leid, für mich nicht. Es gibt andere Geschichten, wo ich durchaus die Perspektive geisteskranker Protagonisten einnehmen konnte, aber hier nicht. Dazu ist der Bruch zu plötzlich, dazu bestehen zu viele Widersprüche zu dem Sam, den wir bis kurz vor Ende der Folge zu kennen meinten. Sam ist nämlich nicht die gesamte Serie über verrückt, so daß man als Zuschauer gewissermaßen die ganze Zeit in seiner kranken Perspektive gefangen wäre, sondern Sam ist bis circa Mitte der letzten Folge durchaus rational und weiß, was die Realität ist und was nicht (auch wenn er Phasen der Verwirrung durchmacht). Darum nimmt man in LoM als Zuschauer nie eine wirklich 'verrückte' Perspektive ein, sondern behält letztlich immer die Urteilsfähigkeit, zu entscheiden, welche von Sams Welten die wirkliche ist. Und nur, weil Sam diese Fähigkeit in letzter Minute verliert, verlieren wir sie doch nicht. Da wir nun aber mit dem Wissen geschlagen sind, daß die Welt, aus der er sich so spektakulär wie gnadenlos verabschiedet, die reale ist, und, wenn auch kein Paradies, so doch sicher auch keine menschenfeindliche Eishölle, und da wir wissen, daß es dort, egal, wie gefühlsgestört Sam selbst auch im Moment sein mag, Menschen gibt, die ihm selbst noch kurz zuvor viel bedeutet haben und denen er vermutlich immer noch viel bedeutet - da wir all das nicht einfach aus unserem Bewußtsein tilgen können wie es der Wahnsinn aus Sams Bewußtsein tilgt, wie können wir da völlig unkritisch seine plötzlich ins Irre verrutschte Perspektive einnehmen?



Oh klasse. In zwei Stunden muß ich aufstehen und zur Arbeit gehen. Und mein Rücken bringt mich um - der hätte eigentlich die Nacht zur Regeneration gebraucht. *seufz*