Ohne WorteSkandal mit Haken
Mende Nazer - vom Sklavenhandel auf den Buchmarkt
Seit Wochen macht die Geschichte der Mende Nazer Schlagzeilen. Sie war Sklavin im Sudan und in England, wurde geschlagen, erniedrigt, entrechtet. Allen Protesten zum Trotz soll sie genau dorthin abgeschoben werden. Ein Todesurteil - und es wird für sie nicht einfacher seit sich abzeichnet, dass ihr Buch schlecht recherchiert wurde.
In einem autobiografischen Bericht hat Mende Nazer die im Sudan bis heute gängige Praxis der Sklaverei an den Pranger gestellt. Es gelang ihr zu fliehen, und nach einer erschütternden Odyssee ist sie in England angekommen. Nun soll sie zurück. Zurück in den Sudan, der mit Menschen, die Tacheles reden, kurzen Prozess macht. Erst recht, wenn sie von einem Tabu-Thema sprechen, von jenen Sklavenmärkten deren Existenz Insider bestätigen. "Man schätzt", so der Exil-Sudanese Philip Tartisio, "dass es bis zu 30.000 Sklaven im Sudan gibt, ein Sklave kostet zwischen 50 und 80 Dollar."
Unglaublich, aber alltäglich
Mit gerade einmal 22 Jahren schaut sie auf ein zerstörtes Leben. Die Kindheit verbrachte sie in den Nuba-Bergen, in einer intakten Familie. Dann kam Mendes erste Trauma, das sie mit Millionen von Frauen gemein hat: Die Mutter schaut zu bei der Beschneidung der Tochter. Bald kommt es weit schlimmer: Mit zwölf wird sie verschleppt von einem Mudschahedin-Kommando. Von ihren Eltern getrennt. Von den Kämpfern missbraucht. Vergewaltigt. In einem Sklavenhaus abgeladen. Für Mende findet sich alsbald ein Käufer. Fortan muss sie in Khartoum Frondienste leisten. Oft sind es 18 Stunden am Tag. Dann wird sie von ihrer Herrin zum Schlafen weggeschlossen. Sie ernährt sich vom Abfall. Sie fühlt sich wie ein Stück Dreck. Eine unglaubliche und doch, wie Kenner sagen, durchaus alltägliche Geschichte.
Die Existenz von Sklavenmärkten ist zweifelsfrei dokumentiert. Für die BBC London hat das der britische Fernsehjournalist Damien Lewis recherchiert. Er kämpft seit Jahren aktiv gegen die Sklaverei im Sudan. Er war es, der Mende Nazer vor zwei Jahren nach einer Flucht, deren Umstände rätselhaft bleiben, dazu überredet hat, ihre Lebensgeschichte mit ihm gemeinsam aufzuschreiben. "Es ist ihre Geschichte", sagt Lewis. "Nichts wurde hinzugefügt und nichts gestrichen. Besonders hat mich berührt , wie sehr ihre Erfahrungen vielen anderen Berichten gleichen, die ich persönlich im Sudan über die Versklavung von Menschen gehört habe."
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Die Rechnung mit der, gelinde gesagt, grob fahrlässig recherchierten Lebensgeschichte scheint aufzugehen: Platz zehn in der aktuellen Spiegel-Bestseller-Liste. Nächste Woche Rang acht. Niemand übrigens hielt es für nötig, Mende Nazer die eigene, nun profitabel vermarktete Geschichte in ihrer Muttersprache vorlesen zu lassen. Sie kennt ihr gedrucktes Leben allenfalls in Umrissen: Vom Sklavenmarkt in die Fänge des Buchmarkts. Eines ist klar: In ihre Heimat wird sie nie wieder zurückkehren können. Weh dem, der diese arme, ausgebeutete Frau nun auch noch abschiebt. Denn das bedeute, so Philip Tartisio, "Folter, Gefängnis, Verfolgung und Tod".
Geklaut von: 3sat.de/kulturzeit





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