Strang Teal
Kapitel XXI – Nachrichten
Dare Ba war in seinem Zen-Modus, wie er es selbst nannte. Weder die Außen-, noch seine Innenwelt waren voneinander getrennt. Er hörte die Maschinen des Schiffes, wie sie ihm ein Lied sangen. Er hörte das Rauschen seines Blutes, wie das fließen der Kühlmittel durch ihre Leitungen. Durch die halb geöffneten Augen sah er die türkisen und magentafarbenen Anzeigen des Cockpits, ohne sich direkt auf sie zu konzentrieren.
Ich bin alles. Ich bin nichts.
Ich habe alles. Ich brauche nichts.
Das Lied der Maschinen veränderte sich und Dare glitt sanft aus seiner Zen-Meditation in die Realität zurück. Er schwebte mitten im Cockpit, aber das war für einen Boronen normal. Sie ließen sich nur selten nieder, schwammen lieber oder ließen sich von der Strömung treiben.
Dare Ba lenkte den Prototypen der neuen Mobula Generation behutsam in Richtung des Hangars eines Forschungszentrums. Die Station war geheim, trug deswegen keinen Namen, und befand sich weit außerhalb der Ekliptik von Königstal. Wie alle anderen Stationen der Boronen auch, hatte sie ein äußerst individuelles Design, dass von den anderen Völkern, allen voran den Argonen, als biologisch empfunden wurde. Die meergrüne Farbgebung, sowie die zellenförmige Maserung der Hülle war dafür verantwortlich. Aber nicht nur die Stationen der Boronen riefen diese Assoziation bei anderen Völkern hervor, auch ihre Schiffe muteten wie lebende Wesen an. In gewisser weise hatten sie sogar recht.
Langsam und vorsichtig landete der Prototyp im Hangar. Dieser wurde sogleich vom Weltraum abgeschottet und mit einer speziellen Nährflüssigkeit gefüllt, in der nicht nur das Schiff, sondern auch andere Boronen schwammen. Dare Ba stieg aus der Mobula aus und nahm erstmal einen tiefen Schluck der Nährflüssigkeit. Durch seine Rüsselfilter entnahm er der Flüssigkeit beigesetzte Konzentrate und fühlte wie sein Körper und Geist aufgefrischt wurden.
Die Korridore, durch die Dare Ba schwamm, wiesen eine grünbraune Wellenmaserung auf, die darauf abzielte den Bewohner dieser Station ihre natürliche Umgebung vorzugaukeln. Boronen fanden die Reisen im Weltraum nicht unangenehm, aber dennoch zogen sie Umgebungen vor, die ihnen heimatlich und vertraut waren.
Auf dem Weg zu seinem Quartier kam Dare Ba am Kern der Forschungsstation vorbei. Hier ragte eine dreifache Helix vom Boden zur Decke. Sie zeigte in aller Detailverliebtheit den Aufbau des boronischen Genoms. Vorbei an gut gepanzerten Aussichtsplattformen und nicht weniger beanspruchten Freizeitangeboten, erreichte Dare Ba endlich sein Ziel.
In seinem Quartier angekommen, öffnete Dare Ba zuerst die Nachrichtenverläufe, um zu sehen, was für Kontakte ihm geschrieben hatten. Doch deren Inhalte waren nicht so wichtig und Dare Ba schloss den Verlauf wieder. Von einer leichten, künstlich erzeugten, Strömung ließ er sich in die Küche treiben, wo einige Köstlichkeiten darauf warteten verspeist zu werden. Obwohl die Schwimmflüssigkeit einiges an Zusätzen enthielt, konnte man nicht auf reguläre Nahrungsaufnahme verzichten. Plankton, sowie kleine Krebstiere verschwanden in Dare Bas Schnauze, um seinen Hunger nach dieser langen Reise zu stillen. Nachdem er seinen Hunger gestillt hatte, glitt Dare Ba in den Entspannungsbereich seines Quartiers. Mit seinen unteren Tentakeln hielt er sich an einer Querstrebe fest, die quer durchs Zimmer verlief und gab sich den sanften Bewegungen des Wassers hin, die seinen Körper massierten und den Geist treiben ließen.
Nach dieser erholsamen Entspannungsstazura hatte es sich Dare Ba vor dem QuadVid gemütlich gemacht und sah sich die neusten Entwicklungen aus dem Königinnenreich an. Zuerst schaltete er auf die Königlich Republikanischen Nachrichten.
Teladi wollen Artefakte verkaufen!
Es war ein schwerer Schlag für Archäologen, als die teladianische Profitgilde diese Wozura bestätigt hat, sie habe keine Einwände gegen den Verkauf von Artefakten durch die Teladi Artefakthandel und Transport AG (TAT). Die TAT ist berüchtigt für ihre gewinnorientierte Ausbeutung von archäologischen Ausgrabungsstätten. In einer Stellungnahme gab die Profitgilde folgendes bekannt: "Die TAT leitet einen ordentlichen Geschäftsbetrieb und verstösst in keinem einzigen Punkt gegen die teladianischen Gesetze. Es gibt also überhaupt keinen Grund, weshalb wir da eingreiefen sollten."
Professor Daka Ro vom Königlich-Boronischen Archäologischen Institut in Königstal hat die Arbeitsweise der TAT aufs Schärfste verurteilt: "Diese unfreundlichen Leute sind Räuber und Scharlatane! Ihre Behauptung, im Namen der Wissenschaft zu arbeiten, ist eine dreiste Lüge! Moralisch muss man sie als Kriminelle ansehen, obwohl sie laut den lückenhaften teladianischen Gesetzen ganz legal ihrem Geschäft nachgehen. Ich kann unsere mächtige Flotte nur darum bitten, die Patrouillen zu verstärken und Schiffe mit Artefaktlieferungen zu beschlagnahmen, sobald sie unser Territorium durchqueren wollen." Das boronische Oberkommando wollte sich nicht dazu äussern, wies aber darauf hin, dass diese Angelegenheit vom Teladi-Unternehmen selbst geregelt werden müsse.
Zepa Ta, Wissenschaftskorrespondentin - KRN
Teladi! Diese Schuppenknauserer waren wirklich zu allem fähig. Dare Ba hoffte, dass die Zurianer ihren Abkömmlingen diesen Unsinn bald austreiben würden. Dare Ba schaltete weiter auf Galaxy Network.
Boronen machen Lausbubenstreiche für explodierendes BoFu verantwortlich
Boronische Behörden haben die Flut von Berichten über explodierende BoFu-Behälter als Lausbubenstreich bezeichnet. Verbraucher in mehreren Sektoren hatten sich beschwert, dass ihnen der BoFu beim Öffnen der Behälter um die Ohren geflogen sei. Ein Überschuss an BoGas, das irgendwie in die Behälter gelangt war, hatte die Explosionen beim Öffnen der Verpackungen verursacht.
Es wird darüber gerätselt, wer denn wohl der boronischen Nahrungsmittelindustrie derartige Streiche spielen könnte, aber die Vorfälle folgen dem selben Muster wie frühere Vorkommnisse ähnlicher Art. Teladianische Sonnenblumenölraffinerien hatten kürzlich mit stark kohlensäurehaltigem Nostropöl zu kämpfen, das in die Produktionsprozesse gelangt war. Das Ergebnis, "sprudelndes Nostropöl", soll vielen Teladi zu einem unfreiwilligen Bad in der Flüssigkeit verholfen haben, als sich das Öl beim Öffnen der Packung gleichmässig bis in alle Winkel des Raumes verteilt hatte. Ein Nostrop-Hersteller ging sogar so weit, dass er auf den Kopf des Verantwortlichen für diese Vorfälle eine Belohnung ausgesetzt hat.
Andernorts haben Paraniden mehrere Lieferungen von gummiartiger Sojagrütze entdeckt, während bei den Argonen Cahoona-Steaks aufgetaucht sind, die "muhen", sobald man mit der Gabel hineinsticht. Bei genaueren Untersuchungen der Steaks stieß man auf Miniatur-Soundchips. Noch liegen keine Berichte über ähnliche Vorfälle bei den Split vor, aber die Gesellschaft der Rastaröl-Hersteller kam bereits zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen.
Daka Ra, Wirtschaftskorrespondentin - GalNet
Boronische Teladianiumnachfrage erreicht neue Rekorde
Der Teladianiumhandel mit den Boronen wirft ernsthafte Probleme auf. Abgesehen von den langen Strecken, die dabei zurückgelegt werden müssen, sind Teladianiumtransporte immer öfter das Ziel von Piratenangriffen. Anscheinend versuchen die Hersteller mit dem Anheuern von Piraten die ohnehin schon knappe Ware durch Angriffe auf die Konkurrenz zusätzlich zu verteuern. Jeder Frachterkapitän, der seine Ladung heil zum Bestimmungsort bringt, kann durch Sonderprämien und den hohen Verkaufspreis ein Vermögen machen.
Nili Ma – GalNet
Paranidischer BoGas-Handel immer umfangreicher
Der gestiegene paranidische Bedarf an BoGas führt zu Versorgungsengpässen. Abgesehen von den langen Strecken, die beim Transport zurückgelegt werden müssen, werden BoGas-Transporte immer öfter zum Ziel von Piratenangriffen. Anscheinend versuchen die Hersteller mit dem Anheuern von Piraten die ohnehin schon knappe Ware durch Angriffe auf die Konkurrenz zusätzlich zu verteuern. Jeder Frachterkapitän, der seine Ladung heil zum Bestimmungsort bringt, kann mit zusätzlichen Prämien und dem hohen Verkaufspreis ein Vermögen verdienen.
Nili Ma - GalNet
Die letzten beiden Meldungen machten Dare Ba ein wenig stutzig. Sie waren sich sehr ähnlich und das brachte ihn auf den Gedanken, dass dahinter vielleicht das organisierte Verbrechen stecken könnte. Aus dem Gedanken heraus fragte er sich, ob die Meldung über das explodierende BoFu wirklich ein Lausbubenstreich war oder auch zu einem Sabotageakt der boronischen Wirtschaft zählen konnte. Doch Dare Ba ließ diese Gedanken sehr schnell wieder mit einer Hormonwolke verschwinden. Er ließ einen Suchlauf durch die über zehn Millionen Sender des Commonwealth starten, um weitere Nachrichten aus dem Königinnenreich aufzuspüren.
Bevor Dare Ba das QuadVid ausgeschaltet hatte, hatte er sich noch eine kleine Sendung angeschaut, in der sich eine Diskussionsrunde gebildet hatte, die die Veränderungen in der boronischen Gesellschaft diskutierten. Die konservativen Mitglieder dieser Runde fanden es pervers, dass sich in den letzten Dekazuras immer mehr Paare entschlossen nur zu zweit eine Beziehung zu führen, anstatt –wie die Traditionalisten beipflichteten- zu dritt: Mann, Frau und Lar. Die Reformer und Freidenker hingegen hielten die Tatsache dagegen, dass man nicht in der Vergangenheit leben sollte und das das Geschlecht der Lar in den letzten Dekazuras erschreckend schnell geschrumpft sei. Es mache nicht mehr ein Drittel des Volksbestandes aus, sondern nur noch mehr knappe fünf bis zehn Prozent. Dazu kam, dass diese Lar größtenteils nur noch mehr in den adeligen Familien geboren wurden.
Dare Ba fand, dass Tradition ein wichtiger Teil der Kultur war, doch sollte sie den Veränderungen und dem Fortschritt eben dieser nicht in Gefahr bringen.





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