Kapitel XXIII – Eine Wespe

Dare Ba war nach dem unglücklichen und leider auch endgültigen Tod des Raumdrachens zu einer anderen Forschungsabteilung versetzt worden. Man hatte ihm mitgeteilt, dass man einen alten und schon längst eingemotteten Schiffstyp wieder neu aufleben lassen möchte. Nichts geringeres als der berühmt berüchtigte Jäger des Wespe-Typs war gemeint.

Die Design-Entwürfe entsprachen beinahe denen des alten Modells. Mit einem lang gezogenem Körper und an dessen Heck eine deutliche Rundung, hatte das Schiff eine gewisse Ähnlichkeit mit seinem Nachfolgemodell, dem Aal. Dessen Design ja auch auf dem der Wespe beruhte, bevor er durch den Barrakuda ersetzt wurde.

Im Gegensatz zum ersten Modell, sollte die Mark 2 Version kein Jäger sein, sondern einem vollkommen neuen Kampfstil angepasst werden. Dem Kampf aus sicherer Entfernung. Die Wespe MK II sollte ein Artillerieschiff werden.

Die technischen Daten hatte sich Dare Ba schnell eingeflößt. Bei einer Geschwindigkeit von 134m/s war es noch recht gut betucht. Da es nicht an Kämpfen direkt teilnehmen sollte, war auch keine große Geschwindigkeit erforderlich, dennoch musste ein solches Schiff doch verschwinden können, wenn es mal angegriffen werden sollte. Mit einer doppelten Panzerung und dem Prototypen eines 50MJ Schildes war es gegen kleinere Scouts relativ gut geschützt, aber einem Kampf Schiff gegen Schiff würde es nicht lange überstehen können. Ebenfalls mit dem Prototypen eines Raketenabwehrsystems ausgestattet –dem Punkt-Verteidigungs-Gitter, kurz PVG, das das ganze Schiff überzog- hatte die Wespe MK II kein Potential sich gegen Angreifer aus der Nähe zu verteidigen oder selber aktiv gegen solche vorzugehen.

Was etwas komplizierter war, das war die Tatsache, dass man eine Waffe entwickeln musste, die eine enorm hohe Reichweite hatte und zudem noch eine entsprechend hohe Geschwindigkeit aufbringen konnte, damit der Gegner keine beziehungsweise nur eine geringe Chance zum Ausweichen bekam. Da aber auf große Distanz die Zielgenauigkeit vieler Waffen nachließ, war ein System notwendig, dass dies kompensieren konnte. Die Antwort hieß: Bereichsschaden. Selbst das Geschoß nicht traf, musste es durch eine Explosion in seinem Wirkungskreis enormen Schaden wirken. Die Antwort auf diese Anforderung war der erste energetische Torpedo. Sein Name: Sunfire. Zu recht.

Dare Ba schwamm um die neue Wespe herum und begutachtete sie. Er war von der schlichten Ästhetik dieses Schiffes aufs Äußerste angetan. Es gab nur wenige Details, die sie von der alten Version abhob. Der auffälligste Unterschied bestand wohl darin, dass MK II Version einfach neu aussah. Und, entgegen der boronischen Farbliebe, war das Schiff nicht in grün gehalten worden, sondern in blau. Was wohl auf einen Wunsch des Auftraggebers, der Zuzaimei Incorporated, zurückging. Entgegen der teladianischen Denkweise hatte die neue Wespe beinahe keinen Frachtraum. Nun, wenn man so hörte, wie der CEO der Z.Inc. seine Firma leitete, dann war das nicht wirklich verwunderlich. Die Zurianer waren in vielen Bereichen, vor allem in der Denkweise, den Boronen ähnlicher, als ihre teladianischen Verwandten im Commonwealth.

Dare Ba bugsierte sich in das Cockpit des Prototypen und begann mit der Startsequenz. Die externe Energiezufuhr wurde unterbrochen und der eigene Generator übernahm die Versorgung aller Systeme. Lampen, Monitore und weitere Lichter sprangen an. Zuerst in der Warnfarbe Magenta und sprangen dann, nach ordnungsgemäßer Routineüberprüfung aller Systeme, auf Cyan um. Das Benutzerinterface stellte Dare Ba auf seine Bedürfnisse ein und so wuchsen ihm pseudobiologische Sedimente entgegen, in die er seine Körperteile steckte, um so das Schiff zu steuern.

Als Dare Ba das Raumschiff aus dem Hangar des geheimen und versteckten Forschungslabors flog, schmeckte er die Hormonwolken von den Wissenschaftsethikern im inneren des Cockpits, die in den letzten Tazuras und Wozuras hier gearbeitet hatten. Mit seinen Pseudopodien am Rücken und den Schnurrtentakeln am Rüssel, konnte Dare Ba die RNA-Moleküle aufnehmen und einige Gedanken herauslesen, die die Wissenschaftsethiker hatten.
Eigentlich war es falsch, dass man das Schiff einfach nur steuerte. Das neue Kontrollsystem war auf die physischen und psychischen Muster des Piloten ausgelegt. Durch Gedanken konnte das Schiff gesteuert werden, auch unbewusste Bewegungen blieben nicht unbeachtet. Sah man aus den Augenwinkeln zum Beispiel ein anfliegendes Schiff oder einen Asteroiden, so registrierte das die künstliche Intelligenz des Schiffes und schlug entsprechende Maßnahmen vor. Waffeneinsatz, Kurskorrekturen und dergleichen.

Dare Ba hatte das Testgelände erreicht und wartete. Weit außerhalb des boronischen Sonnensystems gab es nur einen grünblauen Nebel, dessen energetische Aktivität nicht nennenswert war. Einige wenige Kometen zogen hier ihre Wege, unbeachtet dessen, was im Inneren des Sonnensystems vor sich ging. Ein kleiner Parkour aus verschieden förmigen Ringen zeigten auf, dass die Beschleunigung, und vor allem die Wendigkeit, der Wespe nicht mit den Werten anderer Schiffsklassen mithalten konnte. Aber das war auch nie das Ziel dieser Schiffsklasse gewesen.
Der zweite Test sollte das Punkt-Verteidigungs-Gitter auf Herz und Nieren prüfen. Zu diesem Zweck verharrte die Wespe im relativen Stillstand im All und wartete darauf, dass gut ein Dutzend Langstrecken-Lenk-Schwarm-Raketen, ironischer Weise vom argonischen Typ Wespe, auf sie abgefeuert wurden. Dare Ba musste nicht lange warten, bis sich entsprechende Symbole auf dem Sensorbildschirm einfanden und auch der bekannte Intervallton des Annäherungsalarms ansprang. Angst musste niemand um den Piloten oder das Schiff haben, denn die Raketen besaßen keinen scharfen Gefechtskopf. Umso überraschter waren alle, als das PVG die ersten anfliegenden Raketen zerstörte und sich diese als scharf herausstellten. Mehrere dünne kaum sichtbare violette Lanzen, die wie tausend Nadeln wirkten, schossen von der Schiffshülle der Wespe weg, in Richtung der anfliegenden Bedrohung. Explosionen und deren Druckwellen eilten durch den Weltraum, richteten aber keinen Schaden an.

„Beim schlammigen Boron! Was geht da vor?“
„Wir bitten vielmals um Vergebung, Verzeihung und Gnade. Es scheint sich ein beabsichtigter Fehler eingeschlichen zu haben.“

Dare Ba wusste, was das bedeutete: Sabotage. Aber wer wollte, dass dieser Test fehlschlug? Die Frage war falsch formuliert. Wer wusste, dass dieser Test stattfand? Geheimhaltung war etwas, dass die Boronen durchaus auf einem sehr hohen Level betreiben konnten. Sogar die Paraniden mussten hier und da mal den Kürzeren ziehen. Doch es blieb nicht viel Zeit um sich darüber Gedanken machen zu können. Die Ausläufer mehrerer Sprungereignisse emittierten in weiter Entfernung und Dare Ba war froh, dass das PVG unter Realbedingungen standgehalten hatte. Doch da die Wespe MK II keine offensive Bewaffnung hatte, war auch nicht an einem Kampf Schiff gegen Schiff zu denken. So steuerte er den Prototypen in Richtung des Forschungszentrums. Doch wie sich nach einigen Mizuras Flug herausstellte, würde er dieses nicht mehr rechtzeitig erreichen, bevor die unbekannten Verfolger ihn erreichen würden. Dare Ba entschied sich deswegen dafür hier und jetzt den dritten und letzten Test durchzuführen. Er aktivierte die Artilleriewaffe Sunfire.
Goldene und rubinfarbene Energien glitten über den kugelförmigen Auswuchs am Heck und suchten sich einen Weg nach Vorne zur Spitze des Bugs, um dort eine kleine, anderthalb Meter durchmessende, Sonne zu bilden. Theoretisch hatte diese Waffe eine Reichweite von zirka 13.500 Kilometern bei 1.500 m/s² und einem noch unbekannten Wirkungsbereich.
Dare Ba drehte die Wespe so, dass der Bug in die Richtung zeigte, aus der der Feind angeflogen kommen müsste. Genaue Daten standen nicht zu Verfügung, denn die Überwachungssatelliten wurden soweit außerhalb des boronischen Heimatsystems nicht eingesetzt. Ein Fehler, wie sich herausgestellt hatte und dieser sollte und würde auch korrigiert werden müssen.
Auf die Ausläufer der Emissionen ausgerichtet und durch einige Überwachungssatelliten trianguliert, hatte Dare Ba einen ungefähren Wert erhalten, wo sich die feindlichen Schiffe befinden könnten. Da die Sensoren des Prototypen nicht die Reichweite hatten, die für ein Schiff dieses Typs von Nöten war, zielte Dare Ba so gut es die Daten interpretieren ließen und feuerte. Schnell wurde die Miniatursonne kleiner und wurde verschwand schließlich aus dem Blickfeld. Dare Ba drehte bereits den Prototypen, um zum Forschungszentrum zu fliehen, als er auf einem der Monitore eine weit entfernte rotgoldene Explosionssphäre sah, die die einer Nova ähnelte. Eine schnelle Überschlagrechnung brachte Dare Ba darauf, dass die Sphäre mindestens einen Durchmesser von der Größe einer Handelsstation haben musste.

Nachdem Dare Ba zurück im Forschungszentrum war, begannen sofort die Auswertungen. Nicht nur der drei Testphasen, sondern auch der Aufzeichnungen und Überreste der noch unbekannten Angreifer. Zudem musste noch herausgefunden werden, wer die argonischen Schwarmraketen vom Typ Wespe wieder scharf geschaltet hatte.