Strang Rubin
Kapitel XI – Flucht


Der Annäherungsalarm piepte schon die ganze Zeit und wurde immer penetranter. Bald würde die verfolgende Rakete in den Jäger einschlagen und ihn schwer beschädigen. Aber dies war eines der geringsten Probleme von Chi t’Nst. Hier in Erzgürtel durch die vielen Asteroiden zu navigieren war schon schwer genug. Bei einem Kampf in diesem Asteroidenfeld mit seinen unberechenbaren Meteoritenschauern wurde von jedem Piloten das Non-Plus-Ultra an Können und Konzentration gefordert. Ein einziger Fehler oder eine Unaufmerksamkeit und schon zerschellte man am nächsten Asteroiden. Und genau das beabsichtigte Chi t’Nst. Sie hielt direkt auf einen Asteroiden zu, während das Warnsignal des Annäherungsalarmes in immer kürzeren Abständen aufheulte und schließlich zu einem andauerndem Ton wurde. Im letzten Augenblick zog Chi t’Nst die Schnauze ihres Schiffes nach oben, um nur wenige Meter über die zerklüftete Oberfläche eines Asteroiden zu gleiten. Hinter ihr schlugen die verfolgenden Raketen ein und brachen einen Teil des Asteroiden heraus. Mehrere Schockwellen von Explosionen verrieten ihr, dass auch einige ihre Verfolger nicht mehr den Fragmenten ausweichen konnten. Chi t’Nst hoffte, dass man sie nun für tot halten würde, ging aber nicht davon aus, und nahm trotzdem Kurs auf das Osttor, anstatt sich in einem der vielen Asteroiden zu verstecken. In weniger als einer halben Stazura würde sie das Tor erreichen. Zeit genug, um darüber nachzudenken, wie es soweit hatte kommen können.

Chi t’Nst war gerade erst 16 Jazuras alt gewesen, als sie vom Militär zu einem Test eingezogen worden war. Durch eine Laune der Natur war sie mit einer sehr hohen und schnellen Auffassungsgabe ausgestattet worden. Für das Militär war sie allerdings wegen ihrer mangelnden körperlichen Konstitution nicht zu gebrauchen. Der Geheimdienst hingegen hatte dafür umso mehr Interesse an ihr gezeigt, da sie die Handelssprache perfekt beherrschte. Vier Jazuras lang wurde sie auf ihren Auftrag vorbereitet: Die Infiltrierung der argonischen Föderation. Durch eine plastische Operation wurde ihr Aussehen das einer Argonin angepasst. Ihr Auftrag war eigentlich recht einfach gehalten: Sie sollte sich bei einer High-Tech Firma einschleichen und dort für die Split Dynastie spionieren.
Der Anfang war ein leichtes, doch als die Jazuras verstrichen und sie immer tieferen sozialeren Kontakt zu ihren Kollegen und Kolleginnen bekam, kam sie ins Schwanken. Die argonische Kultur war so viel anders als die der Split. Chi t’Nst war darauf trainiert worden dem nicht zu erliegen. Sie wurde regelrecht indoktriniert die Argonen als ihren Feind zu betrachten. Doch je länger sie unter ihnen gelebt hatte, desto weniger konnte sie sie hassen.
Je schwächer die Barriere wurde, die sich Chi t’Nst um sich herum aufgebaut hatte und je mehr sie Gefühle zuließ, desto größer wurden die Probleme. Sie hatte sich ihr ganzes Leben lang von körperlichen Kontakt zwischen dem männlichen und weiblichen Geschlecht fern gehalten. Umso schlimmer traf sie das Verlangen nach körperlichen Kontakt, als sie sich verliebte. Diese Liebe war unter Argonen kein Tabu. Aber da Chi t’Nst keine Argonin war, war diese Liebe mehr als ein Wagnis. So sehr sie auch gegen die Liebe zu einer anderen Frau ankämpfte, Chi t’Nst konnte nicht gewinnen.
Die Liebe zwischen ihnen begann harmlos bei einem geschäftlichen Abendessen zu zweit. Diesem Treffen folgten weitere und ehe sich Chi t’Nst versah, hatte sie einen Flirt am Laufen. So sehr sie sich auch dagegen gesträubt hatte, ihr Unterbewusstsein hatte ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Liebe zu einer Frau war in der Split Kultur per Todesstrafe verboten. Doch hier bei den Argonen interessierte es niemanden weiter wer welches Geschlecht bevorzugte. Unter anderem war dies einer der Gründe, warum die Split die Argonen als ein verweichlichtes Volk ansahen. Doch Chi t’Nst konnte durch das jazuralange Leben unter den Argonen verstehen, dass das vermeintlich verweichlichte Gedankengut und ihre Einstellung sie nicht schwach machten, sondern ihnen eine Stärke ohnegleichen gab. So sehr die Split auch den Argonen an physischer Kraft überlegen waren, die Argonen konnten durch ihre Liebe Kräfte mobilisieren, die für einen Split unvorstellbar waren.
Verzweifelt über ihre Gefühle zu einer argonischen Frau hatte sich Chi t’Nst zurückgezogen. Sie war aufs Land geflohen, wo ihr der Split Geheimdienst eine Zweitwohnung für Notfälle eingerichtet hatte. Doch schon bald war sie aufgespürt worden und konnte dem Drang nicht mehr widerstehen. Sie gab sich ihm hin. Ohne auf die Konsequenzen zu achten. Bereits nach der ersten gemeinsam verbrachten Nacht wusste ihr gegenüber, dass sie eine Split war. So gut auch die plastischen Chirurgen gearbeitet hatten, einige Merkmale ließen sich nicht tarnen. Doch das störte nicht. Keine von beiden Frauen hatte mehr ein Problem mit dieser Interspeziesliebe. Chi t’Nst wusste schon längst nicht mehr, zu welchem Volk sie gehörte. War sie nun Split, von Geburt wegen? Oder war sie Argonen, von Gedanken wegen? Diesen Konflikt sprach sie aus, doch ihre Liebe hatte darauf keine passende Antwort parat. Aber das brauchte sie auch nicht. Es war egal. Chi t’Nst war in ihrem Leben das erste Mal so etwas wie glücklich und geborgen.
Doch dann passierte ein Unfall in einer der High-Tech Anlagen, die sie zu beaufsichtigen hatte. Ein Biochemisches Gas war ausgetreten und hatte jeden getötet. Nur nicht Chi t’Nst. Auf dem Weg zur Krankenstation der Anlage setzte eine Reaktion der Biochemikalie mit ihrem Organismus ein. Ihr Äußeres, sorgfältig präpariert, veränderte sich. Von Gefühlen zerfressen zu welcher Spezies sie gehörte, war nun ein weiteres hinzugekommen. Ihre einst dunkle lederartige Haut einer Split hatte sich verändert und schimmerte nun in fahlem gelb und grün durch ihre Tarnhaut. Auch ihre Haare verfärbten sich von einem kastanienrot zu einem weißblond mit dünnen unscheinbaren blauen Strähnen. Schließlich veränderten sich auch ihre Augen. Von einem dunklen braun, fast schwarz, veränderte sich ihre Iris in ein strahlendes hellblau. Im Geiste zerrissen, war sie nun auch körperlich weder Argone, noch Split.

Jetzt saß Chi t’Nst im Pilotensessel einer uralten Mamba MK I, die sie als Fluchtmittel bereitgestellt bekommen hatte. Natürlich war man nie davon ausgegangen, dass das Schiff je gebraucht werden würde, so war es in keinem besonders gutem Zustand in dem Weltraum geflogen. Es war ein Wunder, dass sie den Atmosphärenflug überhaupt überlebt hatten.
Hinter Chi t’Nst saß ihre Fluchthelferin und Geliebte. Nichts schien darauf hinzudeuten, dass sie es bereute ihr geholfen zu haben. Doch Chi t’Nst wusste, dass sie beide jetzt auf der Flucht waren. Gejagt von den Argonen und den Split.
Chi t’Nst atmete tief ein und roch das Aroma von Zimt und Curry. Am Anfang ihrer Beziehung hatte sie diesen Geruch gehasst. Doch jetzt, nach so langer Zeit, hätte sie nichts lieber gerochen.

„Mein Äußeres verändert sich.“
„Ist das so wichtig, Chi?“
„Ist es das denn nicht?“
„Nein. Für mich nicht.“

Diese warme von Zuneigung geschwängerte Stimme ließ Chi t’Nst frösteln. Die Argonen waren wirklich soviel anders als die Split. Bei den Split ging alles um das Äußere. Oder besser gesagt um den Körper. Je stärker desto besser. Je durchtrainierter desto mächtiger. Macht war alles. Stärke war alles. So hieß es zumindestens und Chi erkannte wie viele Fehler doch die Split hatten. Wie viele Fehler die Argonen hatten. Wie viel sie voneinander lernen konnten.
Bei der stählernen Bestie des Misstrauens, das würde niemals passieren!

„Ich habe keine Nase mehr.“
Ein ungezwungenes Lachen ertönte hinter Chi.
„Das sollte jetzt wirklich unser kleinstes Problem sein.“

In der Tat. Sie hatten das Sprungtor nach Wolkenbasis SüdOst erreicht, doch es wurde von einer Korvette der Zentaur-Klasse blockiert.

„Hier Sektorwache 89A. Feindliches Split-Schiff, stoppen sie ihren Flug, deaktivieren sie ihre Waffen und Schilde. Lassen sie ihre Geisel frei und ergeben sie sich. Ihnen wird kein Leid zugefügt.“

„Was jetzt?“
„Ich weiß nicht.“

„Feindliches Split-Schiff, hören sie mich?“

Chi t’Nst wusste weder ein noch aus. Sollte alles nun hier enden? Wäre sie ein Mann und im Split Militär, so würde sie bis auf den Tod kämpfen. Die Verluste wären ihr egal. Aber weder war sie ein Mann, noch war sie im Split Militär. Auch wollte sie nicht das verlieren, was sie in ihrer Geliebten gefunden hatte.
Chi hatte ihre Hand, an der langsam wieder der sechste Finger zum Vorschein kam, bereits am Funkgerät, als sich ein starker Zimt-Curry Geruch neben ihr ausbreitete und ein Hauch in ihr flüsterte.

„Lass uns fliehen.“

Drei Worte. So voller Verheißung und doch unmöglich. Oder nicht? Entgegen aller Vernunft, vielleicht war es auch ihre Splitader, drehte sie ab und flog wieder in das Asteroidenfeld hinein.

„Wir können nicht entkommen.“

Es war eine Feststellung. Doch wer nahm die Realität schon so wahr, wie sie war? Jeder versuchte sie so zu ändern, wie sie ihm am Besten passte, auch Chi t’Nst.
So unwahrscheinlich es auch sein mochte, die Realität schien sich tatsächlich zu ihren Gunsten zu verändern. Vor ihnen tauchte ein argonischer Frachter auf, der gerade dabei war seine Frachtluken zu öffnen, um Erzbrocken einzusammeln, die er vorher abgebaut hatte.

„Wir steigen aus.“
„Wir tun was?“

Der Schreck stand Chis Geliebten ins Gesicht geschrieben.

Während zwei Astronauten im Weltall auf einen Frachter zutrieben und ihn als blinde Passagiere betraten, flog eine Mamba unkontrolliert weiter und zerschellte an einem Asteroiden.