Kapitel XII – Eskorte

Chi t’Nst saß in einer Argon Nova MK II und haderte ein wenig mit ihrem Schicksal. Als man sie an Bord des argonischen Frachters fand, hatte Chi bereits den Gedanken an ein freies Leben aufgegeben. Sie hatte sich bereits ausgemalt, wie es wohl in einem argonischen Gefängnis aussehen mochte. War es so kalt, dunkel und modrig wie das der Split? Oder waren die Argonen selbst zu ihren Gefangenen gegenüber noch human? Doch anstatt den Behörden überstellt zu werden und ins Gefängnis zu wandern, hatte sie die Zuzaimei Incorporated verpflichtet. Und zwar als Pilotin, die Frachter eskortieren sollte. Es war keine große Überlegung, dieses Angebot anzunehmen. Ihr altes Leben als Chrestin Sperror, Agentin der Split Dynastie, hatte sie hinter sich gelassen und lebte nun wieder unter ihrem richtigen Namen, Chi t’Nst, weiter.

Chi flog schräg über der Backbordseite eines argonischen Mammuts und beobachtete die glitzernden Sterne. Sie hatte das Licht im Cockpit gedämpft. Obwohl sie jetzt nicht mehr ganz wie eine Split aussah, so war helles Licht noch immer recht unangenehm für sie. Wie für alle Split. Wieder etwas, wo alle Split indoktriniert werden: Die Argonen brauchen mehr Licht um etwas zu erkennen. Die Split sind in dieser und wie in vielen anderen Sparten den Argonen weit überlegen. Chi t’Nst konnte nicht wirklich beurteilen, ob das bessere Sehen bei gedämpften Licht ein Vorteil war. Wahrscheinlich sahen die Argonen und Split gleich, aber aus verschiedenen Winkeln.
Chi t’Nst hatte in letzter Zeit sehr viel Zeit gehabt um über die Beziehungen zwischen den Split und Argonen nachzudenken, aber auch um sich über ihre Beziehung mit einer argonischen Frau klar zu werden. Einerseits war es eine schöne Zeit und eine interessante Erfahrung mit einem Lebewesen aus einer anderen Rasse intimen Kontakt zu haben. Doch andererseits waren die körperlichen Unterschiede nicht zu übersehen, die einer erfüllende Liebe zwar nicht gerade entgegenstanden, aber doch verwirrend wirken mochten.

Lichtreflexionen rissen Chi t’Nst aus ihren Gedanken. Sie waren am Ziel angekommen. Hier, im Sektor Trantor, schwebte vor ihnen eine über 700 Meter lange blauweiße Leiche. Das Ziel dieser Operation war es den kristallisierten Raumdrachen zu bergen, den ein gewisser Joon Yemai erlegt hatte. Chi hatte diesen Argonen kurz kennen gelernt. Er kam ihr zurückhaltend und schwach vor, doch hinter seinen Augen brannte ein Feuer, dass selbst einen Split verzehren konnte. Chi empfand es als akzeptabel von einem solchen Exemplar der Argonen Befehle entgegen nehmen zu müssen.
Sie verringerte die Geschwindigkeit ihrer Nova und beobachtete, wie mehrere argonische Scoutschiffe vom Typ Discoverer MK III vom riesigen Mammut-Transporter abdockten und den kristallisierten Leichnam des Raumdrachen umkreisten, ihn sondierten. Nach mehreren Mizuras des Scannens wurden Astronauten mit Kabeln ausgeschleust, die diese am Kristallkörper anbringen sollten. Dieses Vorhaben würde einige Stazuras in Anspruch nehmen, denn den Körper unversehrt an Bord zu nehmen hatte die oberste Priorität bei dieser Bergung.

Die Bergung des Raumdrachen hatte nicht nur Reporter angezogen, sondern auch Interessierte und Möchtegernhelden, die etwas vom Kuchen abhaben wollten. Doch diese stellten keine große Bedrohung dar. Nach einer Stazura hatte es nur einmal einen kleineren Zwischenfall gegeben, als ein Raumtourist mit seinem privaten Raumgleiter auf dem kristallisierten Körper des Raumdrachen landen wollte, um sich ein Stückchen vom ihm als Souvenir mitzunehmen. Doch ein Warnschuss von Chi t’Nst hatte bereits ausgereicht um dem Souvenirjäger zu vertreiben. Weitere Vorfälle dieser Art hatten sich dann nicht weiter ereignet.
Allerdings kam es nach einer weiteren Stazura, während eines Schichtwechseln der Astronauten, die noch immer dabei waren die vielen Kabel am Körper des Raumdrachen zu befestigen, zu einem unliebsamen Besuch. Piraten. Anscheinend waren sie hierher unterwegs gewesen, um nach ihren vermissten Genossen zu suchen oder auch nur, um ihre Arbeit zu übernehmen. Aber egal warum sie auch hier waren. Sie schienen in der Bergung des Raumdrachens eine Chance auf Profit zu sehen. Und dies bedeutete für Chi t’Nst und den anderen Piloten der Eskorte Arbeit.

Plasma brannte sich durch die Schutzhülle und es roch nach verschmortem Plastik, sowie in Brand geratenen Kunststoff. Doch dies störte Chi t’Nst nicht weiter. Sie war vollkommen von der Situation eingenommen und musste sich darauf konzentrieren nicht einen weitere Treffer abzubekommen.
Der Kampf dauerte bereits schon mehrere Mizuras und die Mehrzahl der Piraten hatten bereits ihr Leben verloren oder das Weite gesucht, nachdem ihre Schiffe stark beschädigt wurden. Doch dieser eine Pirat hier hatte weder vor aufzugeben, noch zu fliehen. Von daher blieb Chi und ihren Kollegen nur die Option ihn zu eliminieren.

„Bahehih dahehrah gahohlahdahehnahehnah Bahehssthaiheh dahehrah Hahahrahthanahahehschehkahihgahkahehihtha, gahlahehihschehhah hahahbaheh ihchehhah dahihschehhah!“
*Bei der rubingoldenen Bestie der Hartnäckigkeit, gleich habe ich dich!*


Der Kampf hatte Chis Split-Instinkte aus ihrem tiefen Schlaf gerissen. Blut rauschte in ihrem Gehörgang und pulste durch ihre Adern, um ihre Wahrnehmung zu verbessern. Ihre Pupillen zogen sich zu schmalen Schlitzen zusammen und fixierten den purpur leuchtenden Punkt außerhalb des Cockpits, der einen feinen aber deutlichen lilanen Schweif hinter sich herzog. Den zweiten Zeigefinger fest am Kontrollpult eindrückend lösten sich giftgrüne Energiegeschoße aus den Flanken der Nova und rasten auf den fixierten Punkt zu, der das letzte übrig gebliebene Raumschiff der Piraten darstellte. Um nur wenige Sezuras später in dieses einzuschlagen und zur Explosion zu bringen.

Chi t’Nst landete ihre schwer angeschlagene Nova im Hangar des Bergungskreuzers und betrachtete von einem Aussichtsfenster aus weiter die Bergungsarbeiten, die wieder aufgenommen wurden, nachdem der Piratenangriff erfolgreich zurückgeschlagen worden war.
Hier, in einem kaum benutzten Verbindungsgang, war es still und Chi konnte über einige Dinge nachdenken.
Die brennenste Frage war: Was wollte man mit einem Kadaver eines Raumdrachen? Sicher, diese neue Spezies musste erforscht werden. Wer wusste schon, was für Gefahren für sie für den interstellaren Raumfahrtverkehr darstellten. Aber Chi hatte so das Gefühl, dass mehr dahinter steckte. Viel mehr.