Kapitel XIII – Das Schiffswrack

Chi t’Nst saß nun in einem geliehenen Elite MK II da ihr früheres Schiff, eine Nova MK II, zu sehr beschädigt war, als dass man noch mit diesem hätte rumfliegen können. Sie war ausgesandt worden, weil man einen Notruf eines Frachterpiloten aufgefangen hatte.

Linie der Energie wurde von einem trüben Planeten und dessen Begleiter beherrscht, deren Namen Chi nicht geläufig waren. Der Notruf kam aus der Nähe des Mondes und so setzte sie Kurs zum Mond. Zwei Staffeljäger der Buster Mark 3 Klasse wurden ihr als Wingmen zugeteilt. Nicht, dass sie Hilfe bei einer Erkundungsmission gebraucht hätte, aber so war es nun mal Vorschrift.

Die Mizuras zogen sich hin und wurden zu einer Inzura, als Chi und ihre beiden Flügelmänner den Frachter auf den Schirm bekamen, der den Notruf ausgesandt hatte. Was sie sahen, ließ sie die Stirn runzeln. Auf der Steuerbordseite war der ganze Frachter von Bug bis Heck aufgerissen. Aber das war nicht das, was Chi und die anderen veranlasste aufzupassen. Aus dem Riss ragte eine seltsame Substanz hinaus ins All. Sie schien gefroren zu sein. Vorsichtig und behutsam flogen die drei Schiffe mehrmals um das Wrack, wobei ihre Schleifen immer enger wurden. Auf den Sensoren war der Frachter energetisch tot. Aber nur weil der Scanner anzeigte, dass es keine Energie und keine Lebewesen an Bord gab, musste das auch stimmen.

„Was zur Hölle ist hier passiert?“ Fragte der eine Pilot.
„Du glaubst an die Hölle?“ Fragte darauf der andere.
„Schnauze!“ Konterte der erste heftiger als gewollt.
„Yare. Yare. Calm Down!“ Versuchte der Zweite den Ersten zu beruhigen.
„Beide, Schluss jetzt!“

Chi t’Nst drehte noch eine runde um das Wrack und entschied dann einen Blick hinein zu werfen, was ihren beiden Begleitern nicht sehr gefiel.

Stahlblaue Energie wirbelte Moleküle und Atome durcheinander, bis aus dem Energiewirbel ein Muster entstand. Das Muster einer humanoiden Frau. Chi t’Nst überprüfte den Sitz ihres Weltraumanzugs und die eingeblendeten Anzeigen. Der Anzug funktionierte einwandfrei. Wie Chi es erwartet hatte, war keine Atmosphäre mehr im Frachter vorhanden. Sie befand sich in der Nähe des Cockpits und ging nun vorsichtig auf dessen Schleuse zu. Unheimlich lautlos glitt das Schott zur Seite und gewährte Chi einen Blick hinein ins Cockpit. Anzeigen waren explodiert. Schalter waren geschmolzen. Das Cockpitfenster hatte Risse. Doch vom Piloten und der Crew war nichts zu sehen. Keine Leichen. Chi versuchte die Energie wieder online zu bringen, um über den Bordrechner herauszufinden was geschehen war. Aber bei der Zerstörung war das ein Ding der Unmöglichkeit.
Vorsichtig arbeitete sich Chi vom Cockpit aus in Richtung Frachtraum vor, um über diesen zum Maschinenraum zu gelangen. Vielleicht erhielt sie dort ein paar Antworten darauf, was hier geschehen war.
Obwohl es keine Luft in diesem Wrack gab, hatte Chi immer wieder das seltsame Gefühl das Knacken und Knarren von nachgebenden Verstrebungen zu hören. Ihre Sinne schienen ihr Streiche zu spielen. Doch warum? Sie empfand diese Außenmission weder als gruselig, noch als unheimlich. Dennoch blieb ein unbehagliches Gefühl in ihrer Magengegend zurück.
Als Chi das Schott zum Frachtraum erreichte und damit auch zum aufgerissenen Teil des Frachters kam, konnte sie an der Türe ein Symbol erkennen. Es waren drei Sicheln, die einen Totenkopf umrahmten. Paranidische Piraten. Chi wollte sofort ihre beiden Begleiter anfunken, aber diese meldeten sich nicht. Auf dem Kanal war nur zerhaktes Rauschen zu hören. Waren sie in einen Hinterhalt geraten? Kämpften beide da draußen gerade um ihr Überleben, oder waren sie bereits mitsamt ihren Schiffen vernichtet worden? Chi mochte sich nicht ausmalen, was man mit ihr anstellen würde. Doch, warum wurde so ein Aufwand betrieben um jemanden hierher zu locken? Grundsätzlich kamen nur Patrouillen soweit aus einem Sektor heraus und überprüften solche Notrufe. Irgendetwas stimmte hier nicht. Doch nur was?

Als Chi die Schleuse öffnete tat sich vor ihr seltsames auf. Der ganze Frachtraum war von einer kristallinen Masse bedeckt worden. Und es war auch das, was in den Weltraum hinausragte. Was sie beim Anflug auf das Wrack fälschlicher Weise für eine gefrorene Flüssigkeit hielt. Ihr Anzug reagierte, indem er erhöhte Strahlenwerte anzeigte. Was hatten diese Piraten nur transportiert? Chi blickte sich um und erschrak, als sie jemanden von der Crew entdeckte. Es war ein Argone, männlichen Geschlechts. Er war von dieser kristallinen Substanz vollkommen überwuchert, aber trotzdem konnte man sein schmerzverzerrtes Gesicht deutlich erkennen. Chi wagte es nicht die Substanz anzufassen, wer wusste schon, was dann passieren würde. Sie blieb wachsam auf ihrem Weg durch den Frachtraum, doch es war ihr nicht vergönnt unbeschadet auf die andere Seite zu gelangen. Eine kleine Unachtsamkeit genügte und Chi trat auf die kristalline Substanz, die sofort damit begann ihren linken Fuß empor zu kriechen. Vergeblich versuchte sie sich zu befreien. Also nahm sie ihre Impulsstrahlpistole und schoss, mit niedriger Energie, auf die Substanz, die ihren Oberschenkel bereits erreicht hatte. Doch anstatt dass die Substanz zerfiel, breitete sie sich nur schneller aus und hatte schon Chis Knie und dann den Oberschenkel eingenommen. Leicht von Panik ergriffen schlug Chi mit dem Kolben der Impulsstrahlpistole auf die Substanz ein und tatsächlich, sie fing an zu bröckeln. Hart und erbarmungslos schlug Chi immer und immer wieder zu, ohne Rücksicht auf selbst zufügende Verletzungen, bis sie endlich frei war. Hastig zog sich Chi zum Maschinenraum zurück, wo sie weitere kristallisierte Leichen der Crew fand. Sie schienen einen aussichtslosen Kampf geführt zu haben. Ihre Körper waren dem Anschein nach unversehrt eingeschlossen worden. Doch Chi konnte diesen Anblick von schmerz- und angstverzerrten Gesichtern nicht lange standhalten, obwohl sie schon schlimmeres gesehen hatte. Eilig suchte sie nach dem Computerkern, entfernte ihn und sprengte dann die Notausstiegsluke in den Weltraum. Kaum dass sie das Schiffswrack verlassen hatte, kamen auch wieder Funksignale ihrer Begleiter herein. Sie hatten sich Sorgen gemacht, als der Kontakt abgerissen war, als sie den Frachtraum betreten hatte. Anscheinend hatte die kristalline Substanz signalschluckende Eigenschaften.

Als Chi mehrere dutzend Meter vom Frachterwrack entfernt im Raum trieb, holte die automatische Rückholfunktion sie wieder an Bord ihres Schiffes. Als die stahlblaue Energie ihre Existenz zerriss und sie auf ihrem Schiff wiedergeboren wurde, hatte sie das seltsame Gefühl von jemanden oder etwas berührt worden zu sein. Sie konnte sich dieses Phänomen nicht erklären. Vielleicht war es auch nur eine Halluzination gewesen, die jetzt nachträglich zu diesem Erlebnis einsetzte. Doch wie dem auch war, Chi setzte einen Funkspruch zum Z.Inc. Großraumtransporter der Mammutklasse ab und freute sich schon auf eine heiße Dusche.