Kapitel XX – Ein Paranide für alle Fälle
Tammanckabssit lag bewusstlos auf einem Bett in der Krankenstation und Tarre Nettar stützte sich auf sein Schwert, um seine etwas wackligen Beine zu entlasten. Irgendwie wollten diese nicht mehr so ganz seinem Willen gehorchen, seit er sich eine Plasmavergiftung zugezogen hatte.
„Was zur Hölle tun Sie hier? Sie sollten doch im Bett liegen!“
Tarre drehte sich zur Seite und sah im schummrigen Licht des Raums die Umrisse von Mirai Jenos, der behandelnden Ärztin. Langes schwarzes Haar, braune Augen und eine sportliche Figur traten auf ihn zu.
„Erstens: Ich sehe nach meinem Vorgesetzten. Zweitens: Bis auf wacklige Beine geht es mir gut.“
„So, Ihnen geht’s gut? Letzte Nacht haben Sie beinahe das gesamte Krankendeck zusammengehustet. Ihr Röcheln war so laut, dass ich Schallblocker aktivieren musste, um die anderen Patienten nicht zu beunruhigen.“
Jenos klopfte Tarre mehrmals fest auf die Schulter, worauf dieser einen Hustenreiz verspürte, den er nicht unterdrücken konnte. Er hustete so stark, dass ihm die Beine unterm stehen wegknickten. Mirai musste Tarre etwas halt geben, damit dieser nicht wie ein nasser Sack auf dem nackten Fußboden aufschlug.
„Okay. Okay.“ Brachte Tarre hervor, nachdem er sich wieder gefangen hatte und wieder einigermaßen frei atmen konnte. „Ich werde mich wieder in meine Zelle begeben.“
„Zelle? Sein Sie froh, dass ich Sie nicht wirklich in eine solche schmeißen lasse. Vor allem weil Sie hier mit einem antiquierten Schwert rumlaufen.“
„Das ist ein Katana und kein Schwert. Zudem ist es nicht antiquiert. Aber ich frage mich: Wieso tragen die Schwestern und Pfleger hier Elektrostöcke, wenn Sie doch keine Waffen in Ihrer Krankenstation dulden?“
„Um Leute wie Sie ruhig zu stellen.“
Damit drehte sich Mirai um und schaute nach ihren anderen Patienten. Tarre sah Doktor Jenos nach. Besonders ihr Hüftschwung war nicht zu verachten.
„Ziemlich schlagfertig nicht wahr?“
Tarre drehte sich um, und sah auf das Bett von Tammanckabssit hinab.
„Seit wann sind Sie schon wach?“
„Schon seit ein paar Inzuras.“
„Und da halten Sie es nicht für nötig sich entsprechend zu geben?“
„Ich habe mich in einer regenerativen Trance gehalten, um meine Heilung zu beschleunigen.“
„Und diese Trance hält natürlich externe Einflüsse nicht davon ab Ihre Sinne zu erreichen?“
„In der Tat.“
Tarre schüttelte seinen Kopf und atmete tief aus, um sich Erleichterung zu verschaffen.
„Was ist passiert?“
„Sie wurden von einem Techniker gefunden, als dieser gerade eine geplatzte Versorgungsleitung reparieren wollte. Leider hatte dieser nicht so viel Glück wie sie.“
Tarre deutete in eine dunkle Ecke, wo Tammanckabssit eine verkohlte Leiche ausmachen konnte.
„Wie bedauerlich.“
Tarre fragte sich, ob Paraniden überhaupt Emotionen besaßen und falls ja, ob diese überhaupt so zu definieren waren wie die der Argonen oder Terraner. Er verabschiedete sich, wünschte eine gute Besserung und ging dann in die Richtung, in die zuvor auch Doktor Jenos Mirai gegangen war.
Tammanckabssit dachte an den Feuerdämon zurück und sah noch einmal auf den verbrannten Leichnam des Technikers hinüber. Das passte nicht. Der Feuerdämon kam von Vorne, aber Tarre hatte gesagt, dass der Techniker ihn gerettet hatte. Das konnte nur sein, wenn dieser von Hinten gekommen wäre. Was hatte es also mit dem Feuerdämon auf sich?
Tarre Nettar lehnte sich an die Kante von Dr. Jenos Schreibtisch, während diese eine Patientin untersuchte. Er hatte versucht mit ihr ins Gespräch zu kommen, doch auf das Thema auf das er hinauswollte, schaffte er es nicht.
„Was hat es also mit diesen Tentakeln auf sich? Zuerst davon anfangen und dann nicht weitermachen.“
„Diese Tentakel sind Extremitäten. Sie sind eine Erweiterung der Sinnesorgane der Paraniden. Zum Beispiel können Paraniden nicht nur Schall hören, sondern ihn auch fühlen. Dies wird als sechster Sinn angesehen, wobei viele dies als Präkognition missverstehen. Paraniden können nicht in die Zukunft sehen. Sie haben nur die Fähigkeit mit ihren sechs Sinnen die Umgebung zu erfassen und daraus Aktionen und Reaktionen abzuleiten. Je mehr Lebenserfahrung ein Paranide hat, desto genauer kann es Situationen abschätzen und vorausberechnen.“
„Woher kennen Sie sich so gut mit paranidischer Physiologie aus?“
„Ich habe einen IQ von 183. Das hat mir bei meinem Medizinstudium außerordentlich geholfen. Neben der paranidischen Physiologie kenne ich auch die aller anderen Spezies.“
„Ähm … ES?“
„Paraniden haben männliche wie auch weibliche Geschlechtsorgane. Es gibt keine verteilte Geschlechterrolle. Sie können sich mit jedem paaren, mit dem sie wollen.“
„Interessant.“
„Durchaus. Die Paraniden haben einen Sammelbeutel in dem sie Spermien und Eizellen ihrer Partner sammeln. So können sie sich jederzeit selbst befruchten.“
Plötzlich wurde Jenos Mirai still und schaute die Daten ihrer Patientin an. Etwas war an diesen seltsam. Noch bevor Tarre etwas sagen konnte, wurde er hinausgeschickt.
Mirai sah die junge Frau an, die gerade zu Bewusstsein gekommen war und sie freundlich anlächelte.
„Wie geht es meinen Babys?“
„Ausgezeichnet. Sie schlafend derzeit.“
Malenie Sonilca, so der Name der jungen Mutter, lächelte aus tiefsten Herzen und Mirai fiel es schwer diese Situation zu zerstören.
„Ich muss mit Ihnen reden.“
„Nur zu. Ich werde Ihnen bestimmt nicht abhauen.“
„Wie alt sind Sie?“
Malenie wurde kreidebleich. Doch sie fing sich schnell wieder und funkelte Mirai mit ihren grünen Augen, unter den wirren rotgoldenen Haaren, böse an. Doch bevor Mirai nachsetzen konnte, kam jemand anderes ins Zimmer.
Auf dem Gang traf er einen argonischen Mann, dessen Gesicht er schon einmal gesehen hatte, aber er konnte sich beim besten Willen nicht erinnern.
„Guten Tazura. Mein Name ist Tarre Nettar. Ich bin hier für einige Zeit Patient. Sind Sie auch ein Patient oder besuchen Sie jemanden?“
„Oh, hallo. Joon Yemai. Ich besuche hier meine Frau. Sie hat vor ein paar Stazuras Zwillinge geboren.“
„Ja natürlich! Yemai, der Drachentöter. Ich wusste doch, dass ich Ihr Gesicht irgendwo gesehen habe. Herzlichen Glückwunsch zum Familienzuwachs!“
An Yoons Gesichtsausdruck konnte Tarre erkennen, dass dieser eher genervt als erfreut war ihn erkannt zu haben. So verabschiedete sich Tarre und ging nachdenken.
„Hallo, Frau Doktor. Wie geht’s meiner Frau und den Kindern?“
„Guten Tazura, Herr Yemai. Ihrer Frau geht es ausgezeichnet. Sie erholt sich sehr schnell. Auch den Zwillingen geht es blendend. Der Junge hat heute Nacht zwar ein bisschen gehustet, doch der ist schnell wieder weggegangen. Das Mädchen hatte Durchfall, doch auch das hat sich gelegt.“
„Das ist wunderbar! Kann ich zu meiner Frau und den Kindern?“
„Natürlich. Aber ich möchte zuerst mit Ihnen noch etwas besprechen.“
„Später.“
Mirai konnte garnicht so schnell reagieren, wie dieser Yemai weg war. Sie musste ihn unbedingt abfangen und ein Wörtchen mit ihm reden.
„Wir sind auf einem Raumschiff?“
Tammanckabssit und Tarre Nettar standen auf der Brücke der ‚Hornschrecke’, eines Korvette-Prototypen der Z.Inc. und sahen auf dem Bildschirm vor sich die brennende Raumstation ‚Ehre die Toten’. Mehrere Frachter, Transporter und Korvetten, sowie viele kleinere Schiffe flogen von großen Hospitalkreuzern hin zur Handelsstation und wieder zurück. Die Evakuierung lief auf vollen Touren.
„Weiß man schon, wer die Angreifer waren?“
„Man hat eine Leiche mit dem Abzeichen der Ehrentafel gefunden.“
„Seltsam. Diese Leute sind eigentlich nicht gewalttätig.“
„Eine terroristische Splittergruppe?“
„Nein, ich denke das es eher eine falsche Fährte ist.“
„Wer dann?“
„Dazu müsste ich wissen, was deren Ziel war.“
„Ich denke, dassss kann ich beantworten.“
Alle drehten sich zum Eingang zum. Dort stand ein Teladi mit blauer Hautfärbung und hielt ein Daten-Padd in der Hand.
„Wenn ich mich vorsssstellen darf. Mein Name isssst Hilbilisss Dessstructulusss Zuzaimei, der Erssste.“
Zuzaimei watschelte auf Tammanckabssit und Tarre Nettar zu.
„Hinter was waren diese Leute her?“
„Pläne.“
„Was für Pläne?“
„Blaupausssen von einem Firmenhauptquartier und Schiffsssprototypen.“
„Schiffsprototypen?“
„Sssie befinden sssich gerade auf einem. Diesss issst ein Prototyp einer Korvette der Zuzaimei Incorporated.“
Tammanckabssit fand die Neugierde von Tarre Nettar beunruhigend. Mit dem Verdacht, den er schon seit Wozuras hatte, handelte Tammanckabssit dementsprechend.
„Tarre Nettar. Ich verhafte Sie hiermit wegen Verdachts auf Spionage und Sabotage. Sowie terroristischer Anschläge.“
„Was? Ich glaub du dämlicher Paranide spinnst wohl ein bisschen!“
„Ich denke das reicht nun. Tammanckabssit würden Sie bitte Mister Nettar loslassen? Danke. Wenn ich schnell eine Erklärung abgeben darf: Die Angreifer waren Cyber-Piraten die aus dem terranischen Raum kamen. Sie nennen sich selber ‚Das Syndikat’.“
„Wer sind Sie eigentlich?“
Tarre sprach einen älteren Argonen an, der die ganze Zeit über in einer abgedunkelten Ecke der Brücke stand und sich bis eben ruhig verhalten hatte.
„Nennen Sie mich ...“ Der älterliche Argone lächelte verschmitzt. „... den Hausmeister.“
Just in diesem Augenblick explodierte die Handelsstation ‚Ehre die Toten’ in einer gewaltigen Explosion und nahm noch einige weitere Schiffe in der Umgebung mit sich.
„Oder Bren Tanna, wenn Ihnen das lieber ist.“





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