Kapitel XXII – Der Raumdrache
Dare Ba war von dem Raumdrachen fasziniert. Ein solches Wesen, dass im freien All überleben konnte, war eigentlich eine Seltenheit. Aber da es neben der Raumfliege nun auch dieses Exemplar gab, kam der Verdacht in den wissenschaftlichen Kreisen auf, dass solche Lebensformen doch nicht so selten waren. Auch bei den Khaak wusste man, dass diese sich für einige Stunden im kalten Vakuum des Alls, wenn auch nicht unbegrenzt, aufhalten konnten.
Die ersten Untersuchungen hatten ergeben, dass der Raumdrache keine Verwandtschaft mit einem der bekannten Lebensformen im Commonwealth aufwies. Dies wäre auch zu seltsam gewesen. Andererseits, wenn man bedachte, dass das Alte Volk bestimmte Lebewesen gemeinsam in einem Tornetzwerk versteckt hielt, dann konnte man auf die Idee kommen, dass die Raumdrachen mit Absicht in das Refugium des Commonwealth gekommen waren. Natürlich bestand auch die Möglichkeit, dass sie ohne Absicht einen Weg in belebtes Gebiet gefunden hatten. Nicht alle Lebewesen nutzen die Sprungtore des Alten Volkes. So waren zum Beispiel die Khaak, eine äußerst aggressive insektoide Spezies, durch einen fehlerhaften Sprung von Melissa Banks und im Nachhinein durch unvorsichtiges Vorgehen der Paraniden, auf das Commonwealth aufmerksam geworden.
Das Problem hierbei bestand darin, dass die Khaak einen Teil-Sprungantrieb erbeuteten und diesen weiterentwickelten. Sie hätten nie mit dem Refugium des Commonwealth in Kontakt kommen dürfen, denn ihre Denkweise -Schwarmkollektiv- unterschied sich zu sehr von den Bewohnern des Commonwealth. Sodass ein Zusammenleben vollkommen unmöglich war. Aber durch die Weiterentwicklung des Teilsprungantriebes zu einem Sprungantrieb, der kein Tor mehr brauchte, hatten die Khaak nun die Möglichkeit sich überall im Universum auszubreiten. Dass das Commonwealth noch immer keinen eigenständigen torlosen Sprungantrieb besaß, war darauf zurückzuführen, dass nie ein solcher gebraucht wurde. Es hatte sich nie jemand groß die Mühe gemacht einen solchen zu erforschen, denn die vorhandenen Tore führten zu vielen unbewohnten und ressourcenreichen Sektoren.
Einzig und allein die Terraner, die Vorfahren der Argonen, hatten einen torlosen Sprungantrieb entwickelt, da die Alten vergessen hatten in ihrem Sonnensystem ein Sprungtor zu errichten. Als dann jedoch die Terraner ihren Sprungantrieb benutzten und im Commonwealth landeten, war den Alten klar geworden, dass ihre frühere Einstufung der Terraner als gefährlich vollkommen zutreffend war. Nicht ohne Grund, denn durch das einzig bekannte Sprungtor, dass in die Erdsektoren führt, hat man herausgefunden, dass die Terraner äußerst xenophob und paranoid waren. Vor allem was künstliche Intelligenzen anging. Sie nannten sie AGI – Artificial General Intelligence.
Bevor die Terraner den Sprungantrieb entwickelt hatten, hatten sie Maschinen –sogenannte Terraformer- zur Verbreitung ihrer Rasse genutzt. Die Terraformer waren in der Lage sich selbst zu reproduzieren und hatten die Aufgabe Stationen und planetare Anlagen zu bauen, wo sich die Menschen niederlassen und ihre Ressourcen verarbeiten konnten. Neben dem Bau, bestand ihre primäre Aufgabe jedoch darin Planeten und Monde zu terraformen. Diese so zu verändern, dass Menschen auf ihnen Leben konnten, ohne unter Kuppeln Schutz suchen zu müssen. Jahre, terranischer Zeitrechnung, später sandte man ein Update aus, dass fehlerhaft war und den einprogrammierten Direktiven mit der zeit zu wider liefen. Dieses fehlerhafte Update führte dazu, dass die Terraformer die besiedelten Welten der Menschheit angriffen und diese beinahe restlos vernichteten. Nur durch einen Hinterhalt konnten die fehlerhaften Maschinen aus dem Sol-System verbannt werden. Zum Leidwesen des Commonwealth, denn die Menschheit hatte vor dem Sprungantrieb bereits das Prinzip des Sprungtores entdeckt und ihr erstes auf Alpha Centauri aufgeschaltet, wo bereits vier Tore des Alten Volkes standen. Dies war das Ereignis, durch das die Alten auf die Menschheit aufmerksam wurden und als gefährlich einstuften. Sie änderten die Torrouten des Refugiums und die Menschheit war vom Rest des Universums abgeschnitten. Die Terraformer haben sich in den letzten fast tausend Jahren weiterentwickelt. Heute sind sie unter dem Namen Xenon bekannt und stehen an der Schwelle Bewusstsein zu erlangen und damit zu einer intelligenten Maschinenrasse zu werden. So wie die Sohnen, die dem Alten Volk aus Exekutive –als ausführendes Organ- dient.
Dare Ba war so sehr in Gedanken abgeglitten, dass er die Signale auf seinem Arbeitsplatz erst garnicht wahrgenommen hatte. Die Analyse der Leiche des Raumdrachen war abgeschlossen. Die Ergebnisse zeigten ein äußerst interessantes Phänomen. Die kristallene Struktur des Leichnams absorbierte die Energie aus der Umgebung und schien sie irgendwie zu speichern und transformieren. Was hatte das nur zu bedeuten? Dare Ba machte sich daran einige weitere Tests durchzuführen, um herauszufinden, ob es Energien gab, die die kristalline Struktur bevorzugt aufnahm und ob es welche gab, die ihr nicht so sehr bekam.
Stazuras später hatte Dare Ba die Auswertung seiner Tests bekommen und war verblüfft. Die Kristallstruktur mochte am liebsten die Hintergrundstrahlung des Alls. Alle anderen Arten von Strahlung nahm sie auch bereitwillig auf, doch der Speicher- und Transformationsprozess schien dadurch verlangsamt zu werden.
Dare Ba war eingeschlafen und schwebte mitten im Überwachungsraum, als er langsam aus seinem regenerativen Zustand erwachte. Er war zu lange wach geblieben, hatte es mit den Hypothesen und Tests übertrieben. Nun, wieder voller Energie, fragte er sich, wieso der Raumdrache bei seinem Tod nicht zerfaserte, sondern sich in eine kristalline Struktur verwandelte. Des Weiteren kam die Frage auf, wieso dieser untote Körper Energien absorbierte, speicherte und transformierte. In was transformierte?
Dare Ba hatte eine Vermutung: Wiedergeburt.
Die kristalline Form des Raumdrachen sollte wohl so ähnlich wirken wie ein Kokon bei Insekten. Es sollte den darin befindlichen und äußerst empfindlichen energetischen Körper des Raumdrachen schützen und durch Absorption äußerer energetischer Einflüsse diesen nach seinem Tod wieder reinkarnieren. Eine äußerst aufregende Vorstellung.
Dare Bas Theorie über die Reinkarnation des Raumdrachen fand bei den Wissenschaftsethikern und Wissenschaftsphilosophen großen Diskussionsbedarf. Stazuras vergingen und am Ende eines Diskussionstazuras hatte man sich dazu entschlossen das Risiko eines Versuchs einzugehen.
Tazuras später war der kristallene Körper des Raumdrachen in einen Schiffswerft ähnelnden Komplex gebracht worden, der dem Forschungszentrum angegliedert war. Durch verstärkte Panzerung und energetische Schirme wollte man den Raumdrachen in Zaun halten, wenn denn einer schlüpfen wurde. Die Frage, ob die energetischen Schirme den Raumdrachen nicht stärken, anstatt ihn im Zaum halten würden, stand natürlich auch im Raum und wurde nicht wenig diskutiert. Trotz allen Bedenken ging der Testlauf weiter und die energetischen Aktivitäten im Inneren des Kristallkokons nahmen zu. Durch etwas stärkere Einstrahlung idealer Energien beschleunigte man den regenerativen Energiehaushalt der Absorption, Speicherung und Transformation - bis der Raumdrache reinkarnierte.
Es war interessant. Man hatte die Aufzeichnungen von Yoon Yemei und seinem Kontakt mit dem Raumdrachen detailliert untersucht, doch auf das was jetzt kam, war man nicht richtig vorbereitet. Der Raumdrache der wiedergeboren wurde, war um einiges kleiner, als das Original, dass Yoon Yemai getötet hatte. Anscheinend ein Baby- beziehungsweise Larvenstadium. Die Vermutungen, dass der Raumdrache nach seiner Wiedergeburt ebenfalls Energie als Nahrung aufnehmen würde, wurden nicht ganz erfüllt. Zwar hatte der Babydrache damit begonnen die ihm zur Verfügung stehenden Energiemuster zu verwerten, doch nicht in diesem Maße, wie es für ihn erforderlich gewesen wäre. Irgend etwas fehlte also. Aber niemand wusste was. So kam es, dass nach mehreren Stazuras der kleine Raumdrache mangels an Nahrung aggressiv wurde und gegen die energetischen Barrieren flog, die ihn im Zaum halten sollten. Ein weiteres aufschlussreiches Detail kam hinzu: Der Raumdrache war in seiner energetischen Form vielen Energieformen gegenüber empfindlicher, als in seinem kristallenem Zustand. Dies schien auch die Erklärung zu sein, wieso eine hohe Energiespitz –in Form eines energetischen Waffenprojektils- den Raumdrachen hatte töten können.
Vergeblich hatte man versucht die Komponente zu finden, die der kleine Raumdrache als Nahrung zum Überleben und Wachsen brauchte, doch die Zeit reichte nicht aus. Ein Teil des Raumdrachen zerfaserte und der kleine kristalline Rest zerstob, als er auseinanderbrach.





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