Hm.
Ich find's ja immer wieder faszinierend ohne Ende, wie bei jedem solchen Ereignis bei den meisten Leuten ein unendliches Diskussionsbedürfnis entsteht, das praktisch immer von zwei Grundannahmen beseelt zu sein scheint:
1.) "Sowas" hätte "früher" nicht passieren können; irgendwas ist heute an der Gesellschaft oder an den Jugendlichen fundamental anders als vor zwanzig, dreißig, vierzig Jahren.
2.) Jugendliche, die Amok laufen, sind irgendwie fundamental anders als "wir". Sie sind eine Bedrohung für "uns". Wir müssen irgendetwas tun, um diese Bedrohung zu beherrschen.
Bei all diesen Diskussionen - an denen ich mich normalerweise nicht beteilige; aber ab und zu kriegt man ja zwischen Kollegen, Verwandten oder im Radio oder eben hier im Forum was mit - frage ich mich immer nur: haben die Leute eigentlich alle vergessen, wie es war, ein Teenager zu sein? Was hier seit zehn, fünfzehn Jahren passiert, ist doch kein *qualitativ* neues Phänomen; es hat lediglich eine Eskalation der Mittel stattgefunden.
Teenager sein ist schon immer über weite Strecken ziemlich beschi**en gewesen. Die typisch menschliche Gruppendynamik äußert sich im Normalfall nie wieder so grausam wie in diesem Alter (es gibt natürlich Ausnahmen, wo solches Verhalten auch noch bei Erwachsenen auftritt: Deutschland 1933 -1945 war so eine); gleichzeitig ist die Psyche nie so empfindlich wie in diesem Alter. Das ist ganz einfach eine fatale Kombination.
Teenager mobben. Und zwar seit Jahrhunderten; vermutlich schon immer.
Teenager prügeln. Seit Jahrhunderten; vermutlich schon immer.
Teenager foltern - gelegentlich bis zum Mord. Seit Jahrhunderten; vermutlich schon immer.
Teenager hassen sich selbst und andere, oft mit erschreckender Intensität; sie stoßen gnadenlos alles ab und aus, was irgendwie nicht der Norm entspricht.
Teenager *leiden* auch mit einer Intensität, die bei Erwachsenen selten zu finden ist - an der Welt, an sich, und oft ganz besonders an ihren Altersgenossen.
Es haben sich auch schon immer viele Teenager das Leben genommen. Und Amoklauf gilt ja in vielen Fällen als erweiterter Selbstmord, paßt also voll ins Bild.
Das alles gilt natürlich in diesem Ausmaß nicht für jeden Teenager. Aber jeder, der seine Pubertät nicht von einem Privattutor unterrichtet auf einem idyllischen Landsitz fernab jeglicher anderer Jugendlicher verbracht hat, weiß, daß all das in jeder größeren Gruppe, und definitiv an jeder Schule, *irgendwie* zur Realität gehört - natürlich je nach sozialer Zusammensetzung der Schülerschaft und pädagogischer Befähigung des Schulpersonals in sehr verschieden starker Ausprägung.
Diesen Haß, diese Verzweiflung, dieses Leiden, die kennen wir doch alle irgendwie; die haben uns alle angeweht, gelegentlich, als wir noch zur Schule gingen - und sei's nur, wenn der Klassenaußenseiter mal wieder wie ein geprügelter Hund an uns vorbeischlich. (Das ist ein literarisches "uns", btw - ich war nie Teil dieses "wir". Ich gehörte zu den geprügelten Hunden.) Es hat doch wohl nicht ernsthaft irgendwer geglaubt, daß jene, die das unfehlbare Konformitätsradar der Gleichaltrigen als "irgendwie anders" und daher zum Ausgestoßensein prädestiniert identifiziert hatte, warme Gefühle für ihre Mitschüler usw. hegten? So naiv sind nicht mal Teenager. Oder besser: so naiv sind *ganz besonders* Teenager nicht; die verstehen aus täglicher, oft persönlich schmerzhafter Erfahrung, daß Haß Haß gebiert und Verachtung Verachtung. Die alljährlich wiederkehrenden Diskussionen legen nahe, daß Erwachsene das gerne vergessen.
Wir Menschen sind zutiefst soziale Tiere; zwischenmenschliche Bindungen und Zugehörigkeit gehören zu unseren tiefsten, grundsätzlichsten Bedürfnissen. Deswegen gibt es auch kaum etwas Schmerzhafteres, als in einem psychisch labilen Alter täglich zu erfahren, daß man einfach nicht 'dazugehören' kann. Darauf reagieren verschiedene Temperamente auf verschiedene Weise, aber es dürfte in den allermeisten Fällen eine komplexe Mischung aus Haß und Selbsthaß, Verachtung und Selbstverachtung entstehen. Zu dieser Mischung kommt dann noch ein individuell verschiedenes Aggressionspotential, das bei manchen Jugendlichen sehr hoch ist. Das alles hat nun - schon seit ein, zwei Jahrzehnten - eine neue Ausdrucksmöglichkeit gefunden. Und zwar ganz sicher nicht, weil Jugendliche plötzlich mehr Haß und Verzweiflung, oder auch nur mehr Aggression empfinden als "früher", sondern ganz einfach, weil eine kulturelle Barriere gefallen ist.
Soziologisch gesehen sind unsere Handlungsmöglichkeiten nicht unendlich - nur durch unsere eigene, völlig individuelle Phantasie begrenzt - sondern es gibt gewisse gesellschaftliche Muster, an denen wir uns orientieren und die in den meisten Fällen sogar die Handlungsmöglichkeiten, die wir uns vorzustellen imstande sind, bestimmen. Wirklich innovatives Verhalten ist nämlich sehr selten. Weniger verschwurbelt ausgedrückt: wenn das Handlungsmuster "in die Schule gehen und wahllos Leute umnieten" noch nie vorgekommen ist, werden auch nur sehr, *sehr* wenige Leute auf die Idee kommen, so etwas zu tun. Es liegt einfach zu weit außerhalb der vorstellbaren Möglichkeiten. Wenn es dann aber einmal passiert ist - und dann noch so richtig schön ausgiebig in den Medien und in endlosen Raterunden von Experten, verschreckten Bürgern usw. breitgetreten wird - dann ist dieses Muster eben plötzlich in den Gehirnen. Und zwar auch und ganz besonders in den Gehirnen von Leuten, die sowieso schon seit Jahren mit einem grenzenlosen Haß herumlaufen. Das ist, sicherlich, eine sehr unglückselige soziale Innovation.
Aber der Grund, auf dem diese Innovation gewachsen ist, der ist so alt wie die Menscheit - oder zumindest so alt wie die Schule.
Und "die moderne Erziehung" (welcher Couleur auch immer) ebenso wie "Killerspiele" haben mit all dem übrigens m.E. praktisch gar nichts zu tun. Aussagen über eventuelle Zusammenhänge dieser Art könnte man erst treffen, wenn eine statistisch signifikante Zahl von Jugendlichen, die eine wie auch immer geartete "moderne Erziehung" genossen und/oder "Killerspiele" gespielt haben, Amok gelaufen wären. Das ist aber momentan noch lange nicht der Fall.





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