Das ist doch nicht so schwer nachzuvollziehen. Wir wissen unterbewusst sehr wohl, dass unsere Art zu leben unsere Lebensgrundlage und die unserer Nachkommen systematisch vernichtet. Das romantisch verklärte Bild des edlen Wilden ist dabei der Gegensatz zu unserem konsum- und machtgeilen egoistischen Selbst. Es ist ein Eskapismus der so einfach wie verfänglich ist, verkitscht und romantisierend. Der reale Naturzustand ist dabei alles Andere als romantisch, dass wir im Film keine (lebenden) älteren Na'vi zu Gesicht bekommen, hat seinen Grund: Diese sind in einer gefährlichen Umwelt wie Pandora einfach nicht mehr lebensfähig. Ein individuelles, selbstbestimmtes Leben ist mit einer Stammeskultur die ständig ums Überleben kämpft nicht vereinbar.
Diese Thematik ist bei Cameron auch nicht neu, jeder einzelne seiner Filme (von der Komödie True Lies abgesehen) handelt vom Scheitern der Arroganz menschlicher Zivilisation. In Terminator und Terminator II führt sie zum dritten Weltkrieg und zur Schaffung einer seelenlosen Maschinenwelt, in "Abyss" zum Beinahe-Atomkrieg der nur von ein paar wohlmeinenden Meeresbewohnern verhindert wird, in "Aliens" wird eine Gruppe hochgerüsteter Elitekrieger im Handstreich von Raubtieren vernichtet, und in "Titanic" zerschellt die Gigantomanie der Technik an einem banalen Eisberg. In all diesen Filmen erfolgt auf des Menschen Lebensweise eine heftige Gegenreaktion die ihn auf den Naturzustand, auf den Kampf ums Überleben reduziert.
Man kann angesichts dieser Parallelen in der Thematik von Camerons Filmen trotzdem von einem mehrere hundert Millionen Dollar teuren Blockbuster nicht erwarten tiefschürfende Fragen zu stellen oder gar Antworten zu geben auf diese drängendste Frage der Gegenwart, wie ein Leben innerhalb der Zivilisation im Einklang mit der Natur möglich ist. Das ist in einem Unterhaltungsfilm einfach nicht machbar, da er massenkompatibel sein muss, und Menschen sich nun einmal nicht gerne den Spiegel vorhalten lassen.
"Avatar" ist für mich dennoch nicht per se ein technikfeindliches "back to the roots" Rührstück, da der militärische Missbrauch der menschlichen Technologie durch Colonel Quadrich dem friedlichen, wissenschaftlichen Einsatz durch Dr. Augustine gegenübergestellt wird. Nur durch diesen Einsatz des Avatarprogramms gelingt es überhaupt, das Militär zu besiegen. Es wird also nicht nur ein Gegensatz in der Lebensart der Na'vi und der Menschen angesprochen, sondern auch ein Gegensatz im Umgang der Menschen mit ihrer Technologie, zwischen jenen die sie einsetzen um die Na'vi und ihre Welt besser zu verstehen, und zwischen jenen die in der Welt nur verwertbare Ressourcen sehen.
Vorsicht, Spoiler zum Serienfinale von R.D. Moores "Battlestar Galactica":
Achtung Spoiler!
"Avatar" ist weder futuristische Hard Scifi im Stile Asimovs und Lems, noch beleidigt er meine Intelligenz wie andere Blockbuster à la "Transformers 2". Der Film unterhält und entführt für 3 Stunden in eine fremde, einfachere Welt mit Helden und Schurken (eine Qualität die viele Menschen an der alten Star Wars Trilogie einmal geschätzt haben) - was mehr kann man von einem Blockbuster verlangen?
Wenn ich mir die 20 erfolgreichsten Filme aller Zeiten ansehe, sind diese auch nicht vielschichtiger in ihrer Charakterisierung des archetypischen Kampfes von Gut und Böse.






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